Review: VirtuaVerse

Point-and-Click-Adventures erfreuten sich in den 1980er- und 1990er-Jahren großer Beliebtheit, verschwanden dann jedoch weitgehend von der Bildfläche. Mit Spielen wie VirtuaVerse erlebt das zwischenzeitlich totgesagte Genre jedoch seit vielen Jahren eine neue Renaissance.

In VirtuaVerse schlüpfen wir in die Rolle des Schmugglers Nathan, der in der fernen Zukunft in einer nicht näher beleuchteten Metropole lebt. Nach einem Streit mit seiner Lebensgefährtin Jay verschwindet diese, woraufhin wir mit ihm die Verfolgung aufnehmen, um Jay zu finden und sich mit ihr zu versöhnen. Eingebettet in einem Cyberpunk-Szenario, das wie üblich stark an Filme wie Blade Runner erinnert, werden wir auf der Suche nach Jay in immer mehr abstruse Situationen hineingezogen. Um Jay zu finden, müssen wir uns unter anderem einer Gruppe von Hackern anschließen, eine Band in die Existenznot treiben und in einer Hütte im Dschungel einer holografischen Gottheit huldigen. Damit wir einen Vorteil von allem erlangen, nutzen wir dabei Nathans Mitmenschen bewusst oder unbewusst schamlos aus. Auf der einen Seite sorgt das beim Verfolgen der rund zehnstündigen Handlung für ein mulmiges Gefühl in unserer Magengrube, unterstreicht auf der anderen Seite jedoch deutlich den dystopischen Unterton der Spielwelt. VirtuaVerse trifft damit vor allem in der ersten Spielhälfte voll ins Schwarze und erweckt auch dank der urbanen Kulisse eine weitgehend funktionierende Cyberpunk-Stimmung. In der zweiten Spielhälfte verlagert sich das Geschehen jedoch weitgehend in natürliche Umgebungen und wendet sich deutlich dem Science-Fiction-Genre zu.

Zeitreise zu den Anfängen des Genres

Auf die spannende Geschichte hat dieser Wandel aber keine spürbaren Auswirkungen, denn VirtuaVerse ist intelligent strukturiert und kritisiert an allen erdenklichen Stellen die Vergangenheit und somit unsere reale Gegenwart um das Jahr 2020 herum. Datenschutzlücken, Echtnamenabfragen und die zunehmende Verlagerung des sozialen Geschehens in die Weiten des Internets sind nur ein paar der Themen, die das Spiel von Entwicklerstudio Theta Division anspricht. Wie für das Genre üblich wird das Geschehen weitgehend über Dialoge zwischen Nathan und den Nicht-Spieler-Charakteren oder auch über Monologe der Hauptfigur erzählt. Hinzu kommen kräftige Bilder in einer Pixel-Optik, die nicht zuletzt aufgrund der gelungenen Animationen überzeugen. Leider bleiben die Charaktere dabei stets stumm. Eine Sprachausgabe gibt es sowohl auf Englisch und Deutsch als auch in allen anderen verfügbaren Sprachen nicht. So erinnert VirtuaVerse stärker an die Anfänge des Genres denn an spätere Auftritte nach Etablierung des CD-ROM-Laufwerks. Für die wirklich gut gelungene deutsche Übersetzung zeichnet sich Marcel Weyers verantwortlich. Eine Stelle im späteren Spielverlauf, bei der das zu lösende Rätsel fragmentiert im Bildschirmtext herauszulesen ist, ist ihm dabei besonders gut gelungen, da sich diese Szene stark von der englischen Fassung unterscheidet.

Kontextsensitive Aktionsmöglichkeiten

Obwohl sich das Spiel in stilistischer Hinsicht eher an den Anfängen des Genres orientiert, ist es in puncto Gameplay deutlich moderner ausgefallen. So müssen wir beispielsweise nicht mit einer Vielzahl von Aktionen hantieren, um die richtige Handlung bei einem Objekt auszuführen. Stattdessen können wir uns ein Objekt in der Umgebung anschauen, mit diesem interagieren oder auch zwischen beiden Optionen wählen. So sind sämtliche Aktionen kontextsensitiv ausgelegt, was in unseren Augen dem Spielfluss deutlich zu Gute kommt. Um im Spiel voranzukommen, müssen wir in regelmäßigen Abständen selbstverständlich auch Rätsel lösen. Ein Großteil der Rätsel ist dabei logisch in die Geschichte integriert und ergibt im Kontext mit dem Geschehen auch jedes Mal Sinn. Leider ist die Umsetzung der Rätsel aber nicht immer so gut gelungen wie der Rest des Spiels. Öfters kommt es vor, dass wir ein Objekt aufheben wollen, Nathan aber beteuert, dass das zum jeweiligen Zeitpunkt noch nicht nötig ist. Erst wenn wir in einem Dialog eine Information erhalten oder wir bei der Aktion mit einem Objekt scheitern, bei dem der Gegenstand benötigt werden würde, schaltet das Spiel die Option frei. Dieses Konzept ist unterm Strich einfach antiquiert. VirtuaVerse steht mit diesem Problem aber nicht alleine da. Auch Sense: A Cyberpunk Ghost Story macht redlich Gebrauch davon.

Spielflussstörende Rätselpassagen

Ein größeres Problem des Spiels ist jedoch, dass wir bei einigen Rätseln zu sehr um die Ecke denken müssen. Beispielsweise benötigen wir im Verlauf des Abenteuers eine ganz spezielle Frucht, die jedoch nur auf einem Hügel an einem bestimmten Baum wächst. Diese Anhöhe können wir allerdings nicht erreichen, da ein Bienenstock samt seiner Bewohner uns den Weg dorthin versperrt. Um den Pfad freizulegen, benötigen wir eine Fackel, mit der wir die Behausung der stechwütigen Bienen anzünden können. Dafür ist es jedoch notwendig, dass wir einen Ast von einem Baum absägen und mit einem Höschen, das wir zuvor in einem Darkroom ergattert haben, kombinieren. Das Höschen muss zuvor selbstverständlich in Benzin getunkt sein. VirtuaVerse lässt hierzu auch keine Hinweise fallen, was das gefühlt stundenlange Umherirren begünstigt. Nicht falsch verstehen: Die meisten Rätsel von VirtuaVerse sind nachvollziehbar. Derlei Ausreißer kommen aber immer wieder vor und stören den Spielfluss. Ein Glück, dass das Point-and-Click-Adventure äußerst atmosphärisch ist. Wer mit Nathan schon einmal durch den dichten Dschungel von Nuwaka gestapft ist und dabei der stimmungsvollen Geräuschkulisse mitsamt der ohrwurmverdächtigen Musik gelauscht hat, wird diese Erfahrung nicht mehr so schnell vergessen. Genre-Fans mit einem Hang zur Nostalgie greifen zu!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: VirtuaVerse ist in erster Linie ein wunderbar erzähltes Abenteuer, das mit vielen bildgewaltigen Momenten überzeugt, mit unerwarteten Wendungen auftrumpft und in seinen detaillierten Dialogen und Monologen mit zahlreichen Anspielungen an die Zeit um das Jahr 2020 herum überrascht. Das Point-and-Click-Adventure besticht mit seiner detailreichen Welt und Anlehnungen an das Cyberpunk- und Science-Fiction-Genre. Es macht Spaß, den Protagonisten bei seinem Werdegang zu begleiten und die dystopische Atmosphäre, an die die Spielfigur mit ihren Entscheidungen nicht unschuldig ist, in sich aufzusaugen. Zusammen mit der hübschen Pixel-Optik, den angenehmen Animationen, den stimmungsvollen Soundeffekten und der eindringlichen Musik ergibt sich so ein fast überwiegend gelungenes Abenteuer. Ein paar der Rätsel kratzen jedoch stark am sonst guten Gesamtbild, denn die Knobeleien führen mehr zu Kopfschütteln und Kopfzerbrechen, als dass sie das Gameplay mit cleveren Ideen unterstützen würden. Des Weiteren fehlt es dem Spiel an einer Sprachausgabe, die den Charakteren noch mehr Leben eingehaucht hätte. Dennoch ist VirtuaVerse eine deutliche Empfehlung an alle Genre-Fans, die sich am kultverdächtigen Retro-Design erfreuen möchten.

Vielen Dank an Theta Division für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von VirtuaVerse!

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