Review: Famicom Detective Club: The missing Heir & The Girl who stands behind

Ursprünglich für das Famicom Disk System ausschließlich in Japan 1988 und 1989 veröffentlicht, hat es drei Jahrzehnte gedauert, bis die Spiele 2021 auch außerhalb des Landes der aufgehenden Sonne veröffentlicht worden sind – und das sogar in wunderschöner Remake-Form!

Bei Famicom Detective Club: The missing Heir & The Girl who stands behind handelt es sich, wie der Titel es womöglich schon erahnen lässt, um zwei Spiele im Doppelpack. Während die beiden Spiele in Japan auch einzeln im eShop der Nintendo Switch veröffentlicht wurden, müssen europäische Spieler gleich zum Gesamtpaket greifen. Aufgrund des recht hohen Anschaffungspreises für einen rein als Download erhältlichen Titel und der zudem peu à peu abfallenden Qualität im zweiten Serienteil könnte das für den einen oder anderen Interessenten ein wenig problematisch sein. Für uns ist es zumindest schwierig, sowohl The Missing Heir als auch The Girl who stands behind genau einem Genre zuzuschreiben. Beide Abenteuer lassen sich sowohl problemlos dem schlichten Adventure, als auch dem Visual-Novel- und dem Point-and-Click-Adventure zuordnen. Der eigentlich schön geschriebenen Rahmenhandlung, die sich im Grunde über beide Titel erstreckt, tut dies aber keinen Abbruch. So schlüpfen wir in die Rolle eines jungen Nachwuchsermittlers, der in der Detektei von Herrn Utsugi Shunsuke zwei Mordfälle bearbeitet. Krimifans dürfte es sicherlich freuen, dass es nicht bei diesen beiden Morden bleibt. Hinzu kommt, dass unser Protagonist mehr über seine Herkunft erfahren will. The Missing Heir beginnt diesbezüglich sogar mit dem Gedächtnisverlust des Charakters, der jedoch auf liebevolle Art und Weise im Handlungsverlauf aufgelöst wird.

Verbenbasierte Ermittlungsmethode

The Girl who stands ist hingegen zwei Jahre vor der Handlung von The Missing Hier angesiedelt. Hier erfahren wir unter anderem, wie unser Protagonist, dem wir einen eigenen Vor- und Nachnamen verpassen, seine spätere Kollegin Tachibana Ayumi kennenlernt. Spieltechnisch nehmen sich die beiden Famicom-Detective-Club-Spiele kaum bis gar nichts. Über ein Auswahlraster stehen uns verschiedene Verben wie Talk, Look, Show, Take, Think, Remember oder Speculate zur Verfügung. Wer sich darüber wundert, dass wir diese Begriffe in englischer Sprache verfasst haben, sollte wissen, dass die Bildschirmtexte ausschließlich auf Englisch vorliegen. An eine Übersetzung in eine der zahlreichen europäischen Sprachen hat Nintendo nicht gedacht. Mit gutem Schulenglisch ist diese Hürde aber leicht zu meistern. Lediglich bei The Girl who stands behind ertappen wir uns dabei, mehr als üblich ein Wörterbuch in die Hand zu nehmen respektive eine Übersetzungsapplikation zu benutzen. Jedenfalls können wir über das Auswahlmenü die auf Verben basierten Aktionen durchführen. Wir unterhalten uns in mittellangen, aber nie ausufernden Gesprächen mit facettenreichen Personen, zeigen ihnen gesammelte Beweise, untersuchen mit Hilfe eines lupenförmigen Cursors abwechslungsreiche Umgebungen wie ein Herrenhaus im westlichen Stil, eine japanische Oberschule, ein Flussufer oder einen buddhistischen Friedhof und sammeln dabei sehr viele Informationen.

Unberührte Gameplay-Mechaniken

Damit wir in Famicom Detective Club nicht die Übersicht verlieren, werden alle Informationen fein säuberlich in eine jederzeit aufrufbare Gesamtübersicht übertragen und dort automatisch kategorisiert. Das heißt, dass beispielsweise alle Informationen bezüglich eines Opfers unter dessen Namen aufgeführt werden, während Hinweise zu einem möglichen Täter auch nur bei diesem zu finden sind. Ist die Information besonders wichtig, wird sie auch schon mal unter beiden Namen beziehungsweise Begriffen abgelegt. Eine Suchfunktion gibt es unterdessen zwar nicht, doch ist diese unserer Meinung nach nicht notwendig. Auch wenn es sich bei dem Doppelpack ursprünglich um zwei 8-Bit-Adventures handelt, haben diese von ihrer recht schlichten und grundlegend einfachen Bedienung auch im Remake nichts verloren. Das Verhören von Verdächtigen und das Sammeln von Beweisen und Indizien macht uns bis zu einem gewissen Grad auch jede Menge Spaß. Leider wurde das Gameplay aber kaum bis gar nicht an die Standards des Jahres 2021 angepasst. Viel zu oft kommt es vor, dass wir zehn bis zwanzig Minuten an einer Stelle hängenbleiben und einfach nicht verstehen, warum es in der Handlung nicht vorangeht. Das liegt in jedem Falle daran, dass wir mal wieder den Auslöser für das nächste Story-Ereignis übersehen und somit auch noch nicht betätigt haben. Ärgerlich!

Undurchsichtiges Durchklicken

Famicom Detective Club spielt sich in vielen Situationen altbacken. So müssen wir uns mit Charakteren oftmals mehrfach über ein bestimmtes Thema erhalten, damit wir endlich die für uns wichtige Information erhalten, mit der wir an anderer Stelle weiterkommen. Ein Beispiel: In The Girl who stands behind müssen wir uns mit Katsuragi Ryōko in ihrer Wohnung über ein Mordopfer unterhalten und mit ihr gemeinsam auf ihre Jugendfreundin Ishibashi Sayaka warten. Diese taucht jedoch nicht auf, weshalb wir die Möglichkeit nutzen, von einem Telefon in ihrer Wohnung in einer Kneipe anzurufen, die wir am Tag zuvor bereits aufgesucht haben, um uns mit einem Barkeeper über besagten Mord zu unterhalten. Die Telefonnummer entnehmen wir der Aufschrift einer Streichholzschachtel, die sich schon vor dem ersten Kneipenbesuch in unserem Inventar befand. Damit in Bar jedoch das für die Story relevante Gespräch ablaufen kann, müssen wir diese Streichholzschachtel zwangsweise Frau Katsuragi in die Hand drücken, damit diese zum zufällig richtigen Zeitpunkt in der Kneipe anrufen kann. Das Problem hierbei ist, dass wir ihr das Schächtelchen erst aushändigen können, nachdem wir in der Bar angerufen haben. Es ist jedoch zuvor schon möglich, ihr die Schachtel „zu zeigen“. So klicken wir uns ungewollt und außerdem viel zu häufig und reichlich stupide durch die Auswahlmöglichkeiten, bis irgendetwas auf dem Bildschirm passiert. Das nervt auf Dauer.

Hübsche Grafiken mit mittelprächtigen Animationen

Glücklicherweise werden Optionsmöglichkeiten, die im Verlauf einer Interaktion hinzukommen, gelb hervorgehoben. Das erspart uns in Famicom Detective Club zumindest ein wenig Frust. Ein wenig schade ist auch, dass Rätsel viel zu kurz kommen und die jeweils elf Kapitel pro Spiel, die jeweils zwischen 40 und 80 Minuten andauern, überwiegend über Dialoge funktionieren. Über die eine oder andere Auflockerung wie zum Beispiel das Durchstöbern eines Kellerabschnitts aus der Ego-Perspektive am Ende von The missing Heir hätten den beiden Remakes von Entwicklerstudio Mages sichtlich gut getan. Nichtsdestotrotz unterhält die Geschichte. Zumindest The missing Heir kann mit vielen Überraschungen und plötzlichen Wendungen bei uns punkten. Hier hat der treibende Kopf hinter der Story, Sakamoto Yoshio, eine der besten Geschichten abgeliefert, die wir spielübergreifend bis dato erlebt haben. The Girl who stands behind fällt storytechnisch leider schwächer aus, zerstört ernste Momente mit sehr unpassendem Humor und ist vor allem in der zweiten Spielhälfte vorhersehbar. Dafür gefallen die hübschen Anime-Grafiken des Doppelpacks. Lediglich die Animationen wirken beim Übergang zwischen zwei Textboxen viel zu abgehakt. Oft wirkt es so, als seien die Animationen nur zu dem Zwecke da, damit sich gerade etwas auf dem Bildschirm bewegt. Nur in wenigen Momenten erreichen die Bewegungen der Figuren tatsächlich eine akzeptable Qualität.

Liebevolle Synchronisation

In puncto Steuerung geht Famicom Detective Club leicht von der Hand. Lediglich der Umstand, dass der Cursor im Aktionsmenü nach einer Textpassage kurz einfriert, fällt negativ ins Gewicht. Fantastisch ist dafür, dass die beiden Famicom-Detective-Club-Abenteuer vollständig auf Japanisch synchronisiert sind. Aufgrund dessen, dass beide Spiele wirklich sehr textlastig sind und es zahlreiche Figuren gibt, für die jeweils einzigartige Synchronsprecher engagiert worden sind, ist das für uns mehr als überraschend. Im direkten Vergleich ist es für uns sogar geradezu unverständlich, dass großen Nintendo-Produktionen wie The Legend of Zelda: Breath of the Wild nicht so viel Liebe widerfährt. Hier trumpft Famicom Detective Club deutlich auf und sorgt damit für eine unglaublich dichte Atmosphäre, die wir so nur aus wenigen Spielen des japanischen Unternehmens kennen. Ebenfalls liebevoll ist die musikalische Untermalung des Spiels, denn die Musik von Komponist Yamamoto Kenji ist in den Remakes mit einer überarbeiteten Variante mit von der Partie. Yamamoto selbst war bei der Produktion sogar als Sound Director mit an Bord. Wer will, kann den musikalisch ausgestalteten Soundtrack auch mit der originalen 8-Bit-Musik austauschen. Im Falle von The Girl who stands behind stehen sogar die Melodien vom Super-Famicom-Remake aus dem Jahr 1998 zur Auswahl – und das ist bei Remakes von Retro-Klassikern doch immer eine sehr feine Sache!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Famicom Detective Club: The missing Heir & The Girl who stands behind ist ein wirklich schönes Doppelpack geworden, mit dem ich überwiegend sehr viel Spaß habe. Insbesondere das Seriendebüt, sprich The missing Heir, fällt positiv auf. Die Story ist interessant, abwechslungsreich und tiefgründig. Zudem gibt es viele Überraschungen und Wendungen, die mich stets bei Laune halten, den Fall weiterzuverfolgen. The Girl who stands behind ist in dieser Disziplin leider nicht ansatzweise so spannend, da der Fall spätestens ab der Hälfte der Spielzeit überaus vorhersehbar ist. Genau dieser Umstand greift dann auch noch stärker ins Gameplay, bei dem ich mich viel zu häufig dabei ertappe, einfach nur durch die Aktionsmöglichkeiten mehrfach zu klicken, um das nächste Story-Ereignis auszulösen. Auch Rätsel sind in diesen Adventures Mangelware. Es geht hauptsächlich darum, bestimmte Informationen zu sammeln und im richtigen Moment den richtigen Personen die richtigen Fragen zu stellen. Vor allem in The Girl who stands behind stört es mich, dass die Auslöser für den Handlungsverlauf so versteckt sind. Hier wäre bei einem Remake einfach mehr möglich gewesen. Dafür gefallen mir die hübschen Anime-Grafiken, wenn auch nicht immer die dazugehörigen Animationen. Dafür passt der Soundtrack durchweg stets zum Geschehen. Auch nach dem Durchspielen beider Abenteuer bleiben mir die Melodien im Ohr, sodass ich mich immer wohl an das Erlebte zurückerinnern kann.

Vielen Dank an Nintendo für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Famicom Detective Club: The missing Heir & The Girl who stands behind!

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