Review: Chained Echoes

Sage und schreibe sieben lange Jahre entwickelte der deutsche Entwickler Matthias Linda am japanisch anmutenden Rollenspiel Chained Echoes. Anfang Dezember 2022 erschien der Titel endlich für den PC, die PlayStation 4, die Xbox One und nicht zuletzt für die Nintendo Switch.

In Chained Echoes liegen die drei Königreiche der großen Insel Valandis seit einhundertfünfzig Jahren im Krieg. Um diese Ausgangslage zu betonen, werden wir zu Beginn des auf etwa dreißig bis vierzig Stunden angelegten Abenteuers in einen militärischen Konflikt geworfen. In der Rolle des Militärs Glenn sollen wir den magischen Opusstein zerstören, um einen entscheidenden Vorteil in den Kämpfen zu erlangen. Dass dies nur die halbe Wahrheit ist, erfahren wir im Zuge der Zerstörung des Relikts. Was genau passiert, wollen wir gar nicht so groß thematisieren. Fakt ist jedoch, dass die drei Königreiche Frieden schließen, der jedoch bereits ein Jahr danach zu bröckeln beginnt. Neben Glenn schlüpfen wir in die Haut anderer Figuren, die ihren Beitrag am Geschehen leisten. Zu diesem Zweck springt die Erzählung zwischen verschiedenen Charakteren hin und her. Bevor sich die Akteure von Chained Echoes zusammenschließen, lernen wir sie also vermehrt einzeln respektive in kleinen Gruppen kennen. Dazu gehört beispielsweise Prinzessin Lenne, die aus ihrem goldenen Käfig ausgebrochen ist und stattdessen in der Stadtwache der Hafenstadt Fansport dient. Das fühlt sich anfangs ein wenig holprig an und die Geschichte ist trotz zahlreich eingestreuter Informationen in den ersten Stunden nicht unbedingt zugänglich. Mit ansteigender Spielzeit ändert sich das aber.

Eine Ode an japanische Rollenspielklassiker

Trotz seiner deutschen Herkunft lehnt sich der Titel an das Genre der japanischen Rollenspiele an. Insbesondere die 16- und 32-Bit-Zeit scheint es dem Entwickler angetan zu haben. So orientiert sich der Titel nicht nur audiovisuell am goldenen Zeitalter der japanischen Rollenspiele, sondern schlägt auch inhaltlich diesen Weg ein. So erkunden wir auf dem Weg zur Rettung von Valandis aus der Vogelperspektive übervölkerte Städte, saftig grüne Wiesen, staubtrockene Wüsten und schneebedeckte Bergpfade. Während wir uns vor allem in den Ortschaften mit den Städtern unterhalten, geht es in der Wildnis Bestien, Monstern und Übeltätern an den Kragen. Ähnlich wie im Rollenspielklassiker Chrono Trigger sind die Gegner in den jeweiligen Gebieten stets sichtbar. Obwohl es keine Zufallskämpfe gibt, ist es gefühlt eher selten möglich, den Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Bei Feindkontakt öffnet sich schließlich der Kampfbildschirm, der aber in Chained Echoes ebenso wie in Chrono Trigger lediglich aus Kampfanzeigen besteht, die über das aktuelle Geschehen gelegt werden. Das heißt, dass es keine Ladepausen gibt und wir an Ort und Stelle kämpfen, was der Immersion in die Hände spielt. Noch dazu sei gesagt, dass das Spiel ähnlich wie Chrono Cross nicht darauf abzielt, stundenlang zu grinden. Chained Echoes bleibt stets fordernd.

Aufstufen einmal anders

So verzichtet das Spiel auf ein klassisches Stufensystem. Stattdessen erhalten wir für besondere Kämpfe so genannte Grimoire-Splitter, die wir für jeden Charakter getrennt in einem dreigeteilten Talentsystem verteilen dürfen. Zur Auswahl stehen hier aktive und passive Fähigkeiten sowie Attributsverbesserungen. Letztere dürften selbsterklärend sein, erhöhen sie doch Werte wie Lebensenergie, Angriffskraft oder Verteidigung. Passive Fähigkeiten sind, sofern wir sie anschließend ausrüsten, in den Kämpfen im Hintergrund aktiv. Bei den aktiven Fähigkeiten handelt es sich beispielsweise um spezielle Angriffsmanöver oder Zaubersprüche. Diese müssen wir ebenfalls im Fähigkeitsmenü auf einen der freien, aber begrenzten Slots verteilen. Es ist sinnvoll, die Slots möglichst früh im Spiel zu füllen, da wir im Gegensatz zu den seltenen Grimoire-Splittern für jeden Kampf eine kleine Anzahl an Fähigkeitspunkten für ausgerüstete Fähigkeiten bekommen können. Diese verbessern sich mit der Zeit stufenweise, wodurch sie einen größeren Effekt erzielen. Für den einen oder anderen Spieler mag dies ein wenig ungewohnt sein, doch das System funktioniert wirklich gut. Niemals haben wir das Gefühl, dass wir zu stark oder zu schwach für die Kämpfe sind. Aus diesem Grund bleiben die Kämpfe in Chained Echoes stets taktisch, was auch an weiteren Spielmechaniken liegt.

Geniale Überhitzungsgefahr

Wie in vielen anderen japanischen Rollenspielen mit rundenbasiertem Kampfsystem stehen sich unsere Helden und ihre Feinde gegenüber. Am oberen Bildschirmrand können wir stets die Zugreihenfolge einsehen. Daher wissen, welcher Kampfteilnehmer als nächstes an der Reihe ist und können entsprechend überlegen, ob es besser ist anzugreifen, abzuwehren, ein Talent einzusetzen oder unsere Wunden mit einem Gegenstand zu verarzten. Diese taktische Überlegung ist deshalb so wichtig, da Chained Echoes auf das so genannte Overdrive-System setzt. Zu Beginn eines Kampfes befindet sich auf einer extra dafür vorgesehenen Leiste der Zeiger im gelben Bereich. Aktionsabhängig kann der Cursor in den grünen Bereich nach vorne springen oder sich auch weiter zurückziehen. Befindet sich der Zeiger im grün lackierten Abschnitt, erzielen unsere Fähigkeiten eine größere Wirkung und kosten auch nur noch ein Bruchteil der Technikpunkte, die dafür anfallen würden. Angriffe von Gegnern lassen den Cursor weiter nach vorne wandern, weshalb wir also nicht einfach nur die effektivsten Aktionen ausführen können. Tun wir dies doch, landet der Zeiger früher als uns lieb ist im roten Bereich, der uns einige Nachteile beschert, die die Gegner in den Kämpfen gnadenlos ausnutzen. Uns gefällt diese Mechanik, da wir so die Tiefe dieses Systems voll auskosten können.

Must-Have für Genre-Fans

Je mehr Zeit wir in Chained Echoes investieren, desto kräftiger fallen unsere Angriffe aus. So schnetzeln wir uns mit mehrfachem Malträtieren, aufgeladenen Attacken und Flächenangriffen durch die Gegnerhorden. Mit den Ultra-Moves bietet der Titel noch dazu Spezialangriffe, die jeder Held einsetzen kann, sobald die dafür vorgesehene Leiste gefüllt ist. Später kommen auch wieder die in der Eröffnungssequenz eingeführten Himmelsanzüge hinzu, die die Spieltiefe weiter verfeinern. All das sieht unglaublich cool aus. Trotz weniger Unsäuberlichkeiten in den 16- und 32-Bit-Grafiken können vor allem die verspielten und detailreichen Animationen in und außerhalb der Kämpfe punkten. Selbiges gilt für den Soundtrack, der mit unfassbar gut komponierten Klängen aus den Lautsprechern trällert. Wir haben wirklich das Gefühl, ein japanisches Rollenspiel der 1990er-Jahre zu spielen. Nicht selten ertappen wir uns dabei, wie wir einfach mal stehen bleiben, nur um dem aktuelle Musikstück zu lauschen. Eine Synchronisation gibt es zwar nicht, doch dafür verschiedensprachige Bildschirmtexte. Die deutschen Texte sind überwiegend gut geschrieben, wirken in wenigen Momenten vom Satzbau her aber etwas holprig. Hinzu kommen Stellen, an denen statt der deutschen auf einmal die englischen Texte stehen. Dies ist aber auch der einzige Punkt, an dem die Qualitätssicherung geschlampt hat. Ansonsten ist Chained Echoes für jeden Genre-Fan und für die Retro-Fraktion ein Muss.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC- und Nintendo-Switch-Fassung): Tatsächlich bin ich sehr froh darüber, dass ich erst vor ein paar Monaten das erste Mal von Chained Echoes gehört habe. Das japanisch anmutende Rollenspiel aus deutschen Landen kommt mit der Story vielleicht etwas schwer in Gang, aber trotzdem können mich die Charaktere mit ihren Launen und Eigenheiten überzeugen. Während das Erkunden der Spielwelt erst mit dem Freischalten des Luftschiffs so wirklich Fahrt aufnimmt, kann mich das überaus tiefgründige wie taktische Kampfsystem von der ersten Minute an begeistern. Durch die Overdrive-Mechanik muss ich stets alle Aktionen und ihre Auswirkungen abwägen. In Zusammenspiel mit den Grimoire-Splittern, die es nur in besonderen Kämpfen zu erbeuten gibt und als Level-up-Ersatz herhalten, sind die Kämpfe in keiner Minute anspruchslos. Hinzu kommen ganz nette Retro-Grafiken, wunderbare wie detaillierte Animationen und ein Soundtrack, der mich wahrhaftig auf eine Zeitreise schickt. Ich kann das Spiel jedem Genre-Fan, der ein wenig Nostalgie erleben will, bedenkenlos empfehlen. Entwickler Matthias Linda ist nach sieben Jahren ein wirklich gutes Spiel gelungen, das definitiv zu den besten Download-Titeln des Jahres 2022 gehört.

Vielen Dank an Deck 13 für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Chained Echoes!

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