Review: Tactics Ogre Reborn

Als Nachfolger des 1993 für das Super Famicom in Japan veröffentlichte Ogre Battle: The March of the Black Queen teilt sich Tactics Ogre von 1995 ein sehr trauriges Schicksal. Beide Spiele erschienen ursprünglich nicht in Europa und erreichten erst viel später hiesige Gefilde.

Während der erste Teil der Reihe mehr als zwei Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung immerhin noch ein Release in Nordamerika erhielt und 2009 im Rahmen der Virtual Console auf der Wii auch hierzulande leicht zugänglich wurde, dauerte es bei Tactics Ogre tatsächlich bis zum Remake auf der PlayStation Portable. Die Version für das Sega Saturn verblieb exklusiv in Japan und die PlayStation-Fassung hat nicht den Sprung über den großen Teich geschafft. Basierend auf dem in Tactics Ogre: Let us cling together umgetauften Spiel aus dem Jahr 2010 entstand in einer sorgfältigen Überarbeitung auch die neue Ausgabe mit dem ausgetauschten Titelzusatz Reborn, die im November 2022 für den PC, die PlayStation 4, die PlayStation 5 und die Nintendo Switch erschien. In puncto Story hat sich an Tactics Ogre Reborn grundsätzlich nichts verändert. Die Inselgruppe Valerias ist vom Krieg gezeichnet. In diesen Wirren verliert das Geschwisterpaar Denam und Catiua Pavel ihren Vater. Gemeinsam mit ihrem besten Freund Vyce Bozeck schwören sie Rache an den Dunkelrittern, die für seinen vermeintlichen Tod verantwortlich sind. Sie verbünden sich mit Söldnern vom Festland und werden durch die Befreiung von Herzog Juda Ronwey mehr und mehr in die politischen Machenschaften der herrschenden Nationen hineingezogen. Game of Thrones lässt grüßen!

Taktische Spieltiefe sondergleichen

Über eine Weltkarte wählen wir in Tactics Ogre Reborn das nächste Ziel aus, woraufhin in der Regel eine neue Zwischensequenz abgespielt wird oder wir sofort ins Kampfgeschehen geschmissen werden. Bevor ein Kampf losgeht, sollten wir in jedem Falle unsere Einheiten überprüfen. Je nach Schlachtfeld können wir zwischen acht und zwölf Einheiten ins Getümmel werfen. Jeder Charakter verfügt über eine eigene Klasse, Ausrüstung, zu verwendende Gegenstände und Fähigkeiten. Das Spiel lässt uns beim Personalisieren unserer Recken weitestgehend freie Hand. Dadurch können wir die Helden nach Belieben individualisieren, was Tactics Ogre Reborn eine taktische und verständliche Tiefe verleiht, die so im Genre nahezu alternativlos ist. Beginnt der Kampf, kann jeder Charakter und jeder Gegner pro Runde sich einmal bewegen und eine Aktion tätigen. Die Zugreihenfolge basiert auf dem Wartezeitenwert, der unter anderem durch Klasse und Ausrüstung bestimmt wird. Je niedriger der Wert ist, desto eher ist der Akteur am Zug. Ebenfalls beachten müssen wir das Terrain mitsamt Höhenunterschieden, die uns Vor- und Nachteile bringen. Auch die Blickrichtung eines Kämpfers muss am Ende seines Zugs festgelegt werden. Angriffe von der Seite oder sogar hinterrücks verrichten deutlich mehr Schaden. Permadeath verleiht diesem Konzept Nachdruck.

Ständiger Truppennachschub

In Tactics Ogre Reborn sind permanente Tode von Spielfiguren aber nur halb so schlimm wie zum Beispiel in früheren Teilen der Fire-Emblem-Reihe. Das liegt daran, dass wir in den Städten der Spielwelt Einheitennachschub bekommen können. Hat zum Beispiel unser letzter Heiler oder Magier ausgedient, finden wir dort mit Sicherheit einen Ersatz. Trotzdem gibt es immer noch Charaktere, die in die Story eingebunden sind und umso wichtiger erscheinen. Oftmals treten diese Figuren erst einmal als Gäste bei und können dann im Kampf auch nicht manuell gesteuert werden. Ist dies der Fall, sollten wir aufpassen, welche Items wir den Recken ins Inventar legen – oftmals gehen sie verschwenderisch mit Heilkräutern um, auch wenn sie es im Grunde gut meinen. Besiegte Gegner hinterlassen auf dem Schlachtfeld nicht selten Beute, die am Ende einer Auseinandersetzung automatisch eingesammelt wird. Da das Ziel einer fast jeden Schlacht das Ausschalten eines bestimmten Feindes ist, empfiehlt es sich daher, vorher möglichst viele seiner Handlanger auszuschalten. Nicht besiegte Gegner nehmen ihr Hab und Gut mit nach Hause. Im Gegensatz zu anderen Titeln des Genres wird die Erfahrung in Tactics Ogre Reborn nach der Schlacht ausgeschüttet – und nur die Helden, die überlebt haben oder nicht zombifiziert worden sind, profitieren schlussendlich davon.

Leichte Zugänglichkeit mit ein wenig Einarbeitungszeit

Wer sich auf Tactics Ogre Reborn einlassen will, muss damit rechnen, dass die Kämpfe sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Die taktische Spieltiefe lässt es nicht zu, die Schlachten binnen weniger Minuten zu schlagen. Ein wenig Sitzfleisch solltet ihr daher schon mitbringen, wenn ihr Freude am Spiel haben wollt. Belohnt werdet ihr in jedem Falle mit einer grandiosen und wendungsreichen Story, die ihr zum Teil selbst mitbestimmen könnt. So müssen wir im Verlauf der Geschichte mehrfach Entscheidungen treffen, die starke Auswirkungen haben. Dass sich dies schon in der Bezeichnung der einzelnen Kapitel widerspiegeln kann, heißt schon alles. Da die Charaktere wirklich gut geschrieben sind, spielt Tactics Ogre Reborn auch hier in der oberen Liga mit. Ebenfalls ein wenig Zeit in Anspruch nehmen auch die Menüstrukturen. Diese sind zwar nicht so kompliziert und deutlich einfacher zu verstehen als in Front Mission 1st: Remake, aber dennoch ist auch hier eine gewisse Einarbeitungszeit nicht von der Hand zu weisen. Zum Glück lässt sich das Spiel sowohl per Controller als auch mit Maus und Tastatur wunderbar bedienen. Letzteres ist sogar auf der Nintendo Switch möglich. So zeigt sich bei der Square-Enix-Offensive 2022, dass in Tactics Ogre Reborn viel mehr Liebe hineingeflossen ist, als in andere Spiele. Künftig darf sich der Publisher daran gerne orientieren.

Wunderbare Verbesserungen

Square Enix hat das Spiel darüber hinaus seit der Veröffentlichung auf der PlayStation Portable im Jahr 2010 deutlich aufgewertet. So gibt es inhaltliche als auch audiovisuelle Veränderungen zu bestaunen. Beim Gameplay hat sich beispielsweise geändert, dass jede einzelne Einheit Erfahrungspunkte sammelt und mit dem richtigen Hilfsmittel ihren Job ändern kann. Auch dass nun jede einzelne Dialogzeile wahlweise auf Englisch oder Japanisch synchronisiert ist, wertet das Spiel deutlich auf. Beide Sprachfassungen sind im Übrigen gut gelungen. Wer den Titel aber mit deutschen Untertiteln spielt, muss sich darauf einstellen, dass das gesprochene Wort im Englischen stark von dem abweicht, was geschrieben steht. Der Soundtrack von Sakimoto Hitoshi und Iwata Masaharu wurde orchestral überarbeitet und gehört zum Besten, was Strategie-Rollenspiele bis dato zu bieten haben. Wer einen Blick in die Jukebox des Spiels wirft, erhält zudem nützliche Hintergründe zur Komposition. Zwiespältig oder vielleicht sogar verschlimmbessert ist aber die Grafik. Nach wie vor ist der ursprüngliche Pixel-Look zu erkennen, doch setzte Square Enix einen nicht abschaltbaren Weichzeichner an. Am Ende ist das sicherlich Geschmackssache, aber zumindest die Wahl hätte Square Enix uns ruhig schon lassen können. Dies ist aber nur der Tropfen auf den heißen Stein, denn in allen anderen Belangen kann das Spiel von Anfang bis Ende mit vielen tollen Inhalten begeistern.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch- und PC-Fassung): Strategie-Rollenspiele sind wohl das Genre, das im Jahr 2022 mit vielen Titeln beeindrucken konnte. Neben Triangle Strategy dürfte Tactics Ogre Reborn für Genre-Fans wohl das Highlight sein. Das Spiel bietet eine mitreißende Geschichte voller Machenschaften und Intrigen, ist wendungsreich inszeniert und lässt den Handlungsverlauf sogar mich als Spieler mitbestimmen. Hinzu kommen gut geschriebene Charaktere und Kämpfe, die eine unglaublich Spieltiefe bieten. So muss ich nicht nur stets die Positionen der Einheiten, sondern auch das Terrain, die Höhenunterschiede und die Blickrichtung der Charaktere beachten. Auch dass das Individualisieren meiner kleinen Armee fast keine Grenzen kennt, spielt dem Titel in die Karten. Ebenso gefallen mir der orchestral überarbeitete Soundtrack und die gelungene englische Synchronisation. Schade ist nur, dass die deutschen Bildschirmtexte zu stark vom gesprochenen Wort abweichen. Bei den weich gezeichneten Hintergründen und Charaktermodellen ist Square Enix aber ein wenig über das Ziel hinausgesprungen, denn in meinen Augen macht der ursprüngliche Pixel-Look einiges mehr her. Trotz allem ist an allen Ecken und Enden anzumerken, dass in Tactics Ogre jede Menge Liebe steckt, die über Jahrzehnte hinweg in dieses Spiel geflossen ist. Super!

Vielen Dank an Square Enix für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Tactics Ogre Reborn!

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