Am 23. Oktober 2015 erschien fast ein Jahr nach dem letzten Serienteil mit Assassin’s Creed: Syndicate für die PlayStation 4, die Xbox One und den PC die Episode des Franchises, welche für mehr als acht Jahre letztmals das klassische Gameplay bot – damals ahnte das keiner.
Ende des Jahres 2015 hatten selbst die größten Fans die Schnauze voll von der Eintönigkeit, welche Ubisoft Jahr ein, Jahr aus den Spielern serviert hat. So habe ich erst kürzlich von einem treuen Serienanhänger gehört, dass er damals so übersättigt von Assassin’s Creed war, dass er Syndicate nicht lange gespielt und sogar abgebrochen hat. Eine solche Anekdote hat mich doch tatsächlich verwundert, nachdem ich das Spiel zu dem Zeitpunkt bereits fast beendet hatte, doch dazu gleich mehr. Selbst habe ich an diese Zeit leider nur wenige Erinnerungen. Nachdem Radio Television Luxemburg, der Fernsehsender mit den drei bösen Buchstaben, im Jahr 2011 über die Gamescom berichtet und Videospieler als stinkende Lumpen unglücklich oder vielleicht doch gezielt beschrieben hat, wandelte sich die voreingenommene Berichterstattung in den folgenden Jahren. Videospiele waren auf einmal gesellschaftlich wesentlich akzeptierter, auch wenn ich immer noch verbohrte Menschen kenne, die einem diesen Spaß nicht gönnen wollen. Ab mit euch in die stille Ecke, konsumiert doch lieber weiter unnütze RTL-Formate! Dunkel kann ich mich an Fernsehbeiträge erinnern, in denen Trailer- oder Gameplay-Material von Assassin’s Creed: Syndicate über die Mattscheibe flimmerten – in Bezug zur Gamescom 2015. Dort habe ich mich nicht mit dem Spiel befasst, doch wenigstens hat Kollege Axel in seinem Sony-Beitrag kurz, knackig und positiv darüber berichtet.
Größenwahn im viktorianischen England
Hätte ich Assassin’s Creed: Syndicate damals gespielt, wäre ich sicherlich aus dem Häuschen gewesen. Tatsächlich hatte ich seit Langem das erste Mal wieder so etwas wie Spaß mit der Reihe, was nicht nur am viktorianischen Setting liegt. Auf dieses möchte ich aber zuerst eingehen. Angesiedelt ist das Spiel in den 1860er-Jahren in London. Erstmals schlüpfe ich in die Rolle von zwei Charakteren, die ich größtenteils nach Lust und Laune abwechselnd spielen darf: Jacob und Evie Frye. Die Zwillinge kommen in die Hauptstadt Englands, um dem kriminellen Großindustriellen Crawford Starrick das Handwerk zu legen. Dieser ist auf der Suche nach einem Edensplitter, der ihm unfassbare Macht beziehungsweise Unsterblichkeit verleiht. So ist das eben mit Größenwahnsinnigen der Marke Donald John Trump! Ich kann jedoch nicht einfach mit dem Haudrauf Jacob oder der wendigen wie diplomatischen Evie in sein Haus spazieren und ihm die Birne einschlagen. Stattdessen muss ich mühselig über konsekutive Kapitel seine Handlanger besiegen und ihm erst die Geschäfte ruinieren. Mit der Logik hat es die Reihe ja nie so gehabt. Die jahrelange Inspirationslosigkeit der Autoren ist in Assassin’s Creed: Syndicate einfach mehr nicht auszuhalten. Nichtsdestotrotz habe ich fleißig alle im Spiel enthaltenen Aufgaben abgearbeitet, denn im Gegensatz zur Story macht der Titel in puncto Gameplay eine derart gute Figur, dass er bis dato mein Lieblingsteil geworden ist.
Temporeiches Gameplay
Endlich muss ich nicht mehr mühselig die Häuserfassaden erstürmen. Stattdessen kann ich im Spiel einen Seilwerfer verwenden, mit dem ich in zwei bis drei Sekunden zwischen fünf und sechs Stockwerke im Nu erklimmen kann. Ebenfalls muss ich nicht etliche Kilometer zu Fuß durch die Londoner Innenstadt laufen – ich kann ganz im Stile von Grand Theft Auto eine Kutsche stibitzen und durch die Straßen düsen und sogar driften! Fortbewegung ist das A und O in Assassin’s Creed: Syndicate. So spare ich wertvolle Lebenszeit, in der ich mich nicht über das Spiel, seine ideenlose Story oder seine stumpfen Figuren aufregen muss. Gerade was die einzelnen Missionen im Spiel angeht, könnte ich im Sekundentakt ausrasten. Da lerne ich schon spannende historische Figuren wie zum Beispiel den Naturforscher Charles Robert Darwin, die Schriftsteller Charles John Huffam Dickens und Arthur Ignatius Conan Doyle und nicht zuletzt ihre Majestät, Königin Victoria, kennen, und dann inszenieren die Entwickler von Ubisoft Québec das alles so einfallslos. The Queen is not amused! Da liegt doch so viel Potenzial auf der Straße und die Entwickler heben nicht einmal ein Staubkorn davon auf. Ich kann schon gut verstehen, warum das den Leuten keinen Spaß macht. Tut es mir ja auch nicht, aber das Gameplay ist immerhin besser als noch in Assassin’s Creed: Unity. Das hat mich sogar dazu verleitet, mir im Sale den Season Pass zuzulegen, um noch mehr zu meucheln.
Der Ripper hat wieder zugeschlagen
Von einem Großteil der Download-Inhalte möchte ich jedoch abraten, denn die meisten Missionen sind langweilig und thematisieren nur das Leben der blassen Nebencharaktere, denen ich irgendwann gar nicht mehr zuhöre. Um es einmal mit den Worten von Sebastian Kurz zu sagen: „Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich halte das alles nicht mehr aus!“ Auch der permanente Erfahrungspunkte-Bonus, den ich im Season Pass von Assassin’s Creed: Syndicate obendrein erhalte, ergibt für mich keinen Sinn. Bereits im ersten Drittel des Spiels erhalte ich derart viel Erfahrung, dass ich früh alle Fähigkeiten für Evie und Jacob freischalten kann. Lediglich die Download-Erweiterung um Jack the Ripper, die zwanzig Jahre später aus der Sicht einer gealterten Evie erzählt wird, ist für einen Ripperstreet-Fan wie mich durchaus einen Blick wert. Hier kommt eine weitere Spielmechanik hinzu, durch welche ich mit der Angst der Gegner spielen und sie regelrecht in Panik versetzen kann, indem ich Dämpfe aus Angstbomben entfessle oder Gegner auf den Boden nagle. Warum Evie das tun sollte, leuchtet mir zwar nicht ein, aber es macht die Auseinandersetzungen mit den Gegnern abwechslungsreicher. Schade ist aber, dass diese Kampagne vollkommen losgelöst vom Hauptspiel ist. Ich hätte es super gefunden, wenn ich diese neuen Möglichkeiten auch im eigentlichen Spiel hätte ausschöpfen können. Das Mysterium um Jack the Ripper wird zwar nur halbgar aufgelöst, verleiht der übergreifenden Serienhandlung aber zumindest einen neuen Anstrich.
Zurück in die Zukunft – oder doch nicht?
Apropos übergreifende Handlung: Die Autoren von Assassin’s Creed: Syndicate – entschuldigt bitte den Ausdruck –, scheißen einmal mehr auf die Gegenwartshandlung und fahren dieselbe Schiene weiter, die Assassin’s Creed: Unity begonnen hat. Mit dem Ende von Assassin’s Creed III haben sich die Autoren derart selbst in die Ecke gedrängt, dass mein Herz für die eigentliche Story nur noch bluten kann. Es gibt keine spielbaren Gegenwartsszenen mehr. Stattdessen gibt es Rebecca Crane, Shaun Hastings und ein paar weitere Figuren in ein paar Videosequenzen zu sehen und zu hören, denn auch hier wird nach dem Edensplitter gesucht, den Starrick in den 1860er-Jahren so sehr begehrt hat. Viele dieser Szenen sind aus der Sicht von Video- oder Drohnenkameras eingefangen, extra verwackelt und im Endeffekt unübersichtlich und wirr. Ich hoffe sehr, dass die Reihe in diesem Punkt noch einmal die Kurve bekommt und sich den Konsequenzen nochmals bewusst wird, die mit dem nummeriert dritten Teil aufgekommen sind. Warum es übrigens auch eine Dekade nach dem Release noch Bugs wie verschwundene Bildschirmanzeigen, unsichtbare Charaktere in Zwischensequenzen oder sogar fehlende Interaktionssymbole gibt, ist mir schleierhaft. Dafür ist das Spiel seit Ende 2024 für die PlayStation 5 und die Xbox Series X mit sechzig Bildern endlich flüssig spielbar. So zündet bei mir immerhin das Gameplay von Assassin’s Creed: Syndicate wie es soll!
Geschrieben von Eric Ebelt