Seit den 1960er-Jahren ist Martial-Arts-Legende Jackie Chan in der chinesischen Filmwelt aktiv – und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Im als Kriminalfilm und Thriller ausgelegten Shadow Chase: Im Netz der Diebe ist Chan als gewiefter polizeilicher Ermittler zu sehen.
Schauspieler aus dem ostasiatischen Raum, die vor allem für ihre Martial-Arts-Szenen bekannt sind, haben mit zunehmendem Alter das Problem, die von ihnen erwarteten Leistungen vollumfänglich auszuführen. Obwohl sich die Kampfszenen in Shadow Chase: Im Netz der Diebe, in denen Jackie Chan eingreift, sich an einer Hand abzählen lassen, ist es erstaunlich, wie fit und beweglich der bei Drehbeginn siebzigjährige Künstler noch war. Sämtliche Situationen, in denen Arm- und Beinkraft notwendig wurden, hat Chan selbst inszeniert. Vor diesen Szenen kann sich der geneigte Zuschauer nur verbeugen. Für den Rest des Films ist dies aber nicht unbedingt gänzlich der Fall, denn obwohl dieser mit seiner grundlegenden Story-Idee und zahlreichen Actionsequenzen durchaus zu überzeugen weiß, verliert der Streifen mit zunehmender Laufzeit an Biss. Vielleicht sind 142 Minuten für Diebstahl, Ermittlungsarbeit, Familiendrama, Ballereien und Explosionen etwas zu viel und womöglich auch zu bunt. Zuweilen wirkt der Film so, als sei er mit Inhalten nur so vollgestopft worden, um den Zuschauer möglichst lange seiner Freizeit zu berauben. Dabei ist gerade die erste Filmhälfte von Shadow Chase: Im Netz der Diebe richtig spannend inszeniert, durchaus gut geschrieben und mit ein paar herzerwärmenden Szenen genauso wie mit einem gesunden Actionanteil austariert.
Packende erste Filmhälfte
Regisseur und Drehbuchautor Yáng Zǐ, außerhalb Chinas wohl besser bekannt unter seinem englischen Pseudonym Larry Yang, hat durchaus Fingerspitzengefühl bewiesen, wie er die Handlung filmisch umsetzt. Zumindest für die erste Filmhälfte ist dies der Fall. Hier werden die Fronten geklärt und die Figuren porträtiert. Angesiedelt im Macau des Jahres 2025 stehen den Gesetzeshütern hocheffiziente Kamerasysteme und selbstverständlich auch künstliche Intelligenz bei der Verbrecherjagd zur Verfügung. Als bei einem Raub mit einem neunstelligen Betrag diese offenbar hochintelligenten Systeme versagen, muss die Polizei mit Huáng Dézhōng einen Ermittler aus dem Ruhestand zurückholen, der Jagd auf die Verbrecher macht. Ihm wird schnell klar, dass hinter dem Kopf der ominösen Diebesbande ein gewisser Shadow steckt, der bereits in den 1990er-Jahren aktiv war, dann aber von der Bildfläche verschwand. Huáng beginnt damit, ein Team von Polizisten zusammenzustellen, die Shadow finden und observieren sollen. Darunter fällt auch seine Nichte Hé Qiūguǒ, die mit ihrem Onkel aufgrund des von diesem verschuldeten Tod ihres Vaters nichts mehr zu tun haben will. Während sich die beiden mit der Zeit zusammenraufen, arbeiten Shadow und sein Team daran, nicht aufzufliegen und verdeckt zu bleiben, doch dann versucht das Team seinen Chef loszuwerden.
Mit Action durchzogene zweite Hälfte
Kaum sind jedoch die Masken in Shadow Chase: Im Netz der Diebe gefallen, verliert auch die bis dahin spannende Story an Zugkraft. Auf einmal nimmt der Actionanteil bis zum Finale exponentiell zu. Sowohl Huáng als auch sein Gegenspieler Shadow verlieren sich in zahlreichen Schlägereien mit der Gegenseite und Feinden aus den eigenen Reihen. Diese Szenen sind zudem so lapidar schnell geschnitten, sodass der Zuschauer kaum hinterherkommt und ihm irgendwann sogar egal ist, wer mit wem und warum überhaupt kämpft. Hier hätte sehr viel gekürzt oder zumindest besser geschnitten werden können. Der Soundtrack aus der Feder des französischen Komponisten Nicolas Errèra geht derweil in Ordnung und hält den Adrenalinspiegel in der zweiten Filmhälfte oben. Auch die Schauspieler, allen voran Jacke Chan als Huáng und Schauspiellegende Liáng Jiāhuī respektive Tony Leung als Shadow mimen ihre Rollen großartig. Ebenfalls überzeugend ist Zhāng Zǐfēng als Hé. Darüber hinaus wird der Film für Jackie-Chan-Fans des deutschsprachigen Raums auf alle Zeit einen melancholischen Nachgeschmack beibehalten, denn Chans Stammsynchronsprecher seit Mitte der 1990er-Jahre, Stefan Gossler, verstarb am 19. Januar 2026, womit Shadow Chase: Im Netz der Diebe leider der letzte Film ist, in dem Gossler Chan seine absolut charismatische Stimme lieh.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Jackie Chan hat in den letzten Jahren für mich immer mehr an Zugkraft verloren, konnten die meisten seiner Filme bei mir nicht so viel Anklang finden. Ich mag mehr die Filme der 1980er- und 1990er-Jahre mit ihm. Trotzdem ist es immer wieder ein kleines Erlebnis für mich, den inzwischen gealterten Chan in neuen Filmen erleben zu können. Shadow Chase: Im Netz der Diebe fängt für meinen Geschmack auch sehr stark an. Der Film setzt in der ersten Hälfte genau die richtigen Töne, stellt Charaktere und Handlungsorte vor und erklärt die Ausgangslage verständlich. Danach verliert sich der Film für meinen Geschmack aber viel zu sehr in hastig geschnittenen Actionszenen, bei denen zuweilen wild durcheinander geworfene Kämpfe an zwei Handlungsorten überlappend gezeigt werden, wodurch der eine oder andere Zuschauer sicher ganz kirre wird. Regisseur Yáng Zǐ gelingt zwar ein halbwegs runder Abschluss, der aber gerne eine halbe Stunde früher hätte einsetzen dürfen. Für mich ist der Film gefühlt zu lang. Als Befürworter deutscher Synchronisationen wird der Film für mich aber dennoch in Erinnerung bleiben, da hier Stefan Gossler ein letztes Mal seine berühmte Stimme für Jackie Chan erklingen ließ. Beinharte Fans des Martial-Arts-Schauspielkünstlers greifen zu, alle anderen sind mit früheren Filmen aber mindestens genauso gut beraten.
Vielen Dank an Plaion Pictures für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Shadow Chase: Im Netz der Diebe!