Review: Inscryption

Bereits im Oktober 2021 erschien Inscryption von Entwicklerstudio Daniel Mullins Games für den PC. Während Nutzer einer PlayStation 4 oder PlayStation 5 im August 2022 beglückt wurden, ist die Nintendo-Switch-Fassung seit dem 1. Dezember 2022 im eShop erhältlich.

Stellt euch bitte einmal vor, dass ihr euch inmitten eines spannenden Schachspiels befindet. Wenn wir euch Stück für Stück jeden einzelnen der nächsten Schachzüge erklären würden, so dürfte die Faszination für die Partie flöten gehen. Gut, Schach finden nicht alle Sportenthusiasten gleichermaßen interessant, aber genauso müsst ihr euch die Handlung und das Gameplay von Inscryption vorstellen. Über weite Strecken des Adventure-Trading-Card-Game-Hybriden wisst ihr nicht, was als nächstes passiert, und auch nicht, warum all das passiert. Inscryption beginnt mit dem Fund einer alten Diskette, die wir neugierig in einen Computer stecken. Es ist uns allerdings nicht möglich, ein neues Spiel zu starten. Stattdessen können wir nur ein bereits begonnenes Spiel fortsetzen. Wir sitzen in einer abgeschlossenen Hütte an einem Tisch und werden vom uns gegenüber sitzenden, aber stets in einer Wolke der Dunkelheit gehüllten Spielleiter begrüßt. Von Beginn an verleiht uns das Spiel ein sehr mulmiges Gefühl. Anfangs erscheint der Spielleiter noch freundlich und erklärt uns, wie wir am Tisch mit den Karten umzugehen haben. Nach und nach fällt aber auf, dass er teilweise echt unfair spielt, uns mit plötzlichen Regeländerungen konfrontiert und eigentlich nur unser Ableben bezweckt, in dem er uns im Kartenspiel, das an Magic: The Gathering erinnert, bezwingt.

Spürbarer Einfluss von Magic: The Gathering

Letzteres ist definitiv kein Zufall, denn Entwickler Daniel Mullins kam im Zuge der Entwicklung des Spiels mit besagtem Sammelkartenspiel in Berührung und hat zum Beispiel die Opferfähigkeit für Inscryption übernommen. Deutlich eingeschränkter und damit taktisch womöglich ein wenig anspruchsvoller ist jedoch das Spielfeld. Es besteht aus drei mal vier Feldern. In der unteren Reihe können wir unsere Kreaturen in Kartenform ausspielen. In der oberen Reihe sehen wir den nächsten Zug unseres Gegners, also welche Monstrositäten er in seinem nächsten Zug ausspielt. Während seines Zugs wandern seine Schützlinge in die mittlere Reihe. Wollen wir mit unseren Kreaturen angreifen und die mittlere Reihe ist an der jeweiligen Stelle belegt, erleiden seine Monster Schaden. Ist die mittlere Reihe frei, richtet sich der Schaden direkt gegen unseren Gegner respektive den Spielleiter. Für diesen gelten diese Regeln ebenso, nur eben für die untere Reihe des Spielfelds. Nehmen wir oder der Gegner Schadenspunkte, so wandern diese auf die jeweilige Schale einer Waage. Erreicht einer der beiden Waagschalen den untersten Punkt, ist die Partie vorbei. All das klingt simpel, doch gibt es viele weitere Regeln in Inscryption. So müssen wir für das Beschwören von Kreaturen ein Blutopfer zahlen – und genau zu diesem Zweck kommen Eichhörnchen und Ziegen ins Spiel.

Leicht verständliches Regelwerk mit Überraschungen

Zu Beginn jeder Runde dürfen wir eine Karte ziehen – entweder aus unserem stetig anwachsenden Deck oder aus dem Eichhörnchenstapel. Eichhörnchen können einfach so aufs Feld geworfen werden. Sie dienen entweder als schwache Verteidigung in der unteren Reihe oder viel wichtiger als Blutopfer. Jede Kreatur verlangt einen bestimmten Wert an Blutpunkten, die das Ausspielen kostet. Die Kraft des Monsters hängt in der Regel eng mit den Blutkosten in Verbindung. So müssen wir für eine stärkere Herbeirufung deutlich mehr Blut zahlen und somit mehr Kreaturen opfern. So kann es manchmal ratsam sein, neben Eichhörnchen auch normale Monster oder spezielle Figuren wie Ziegen zu opfern, die deutlich mehr Blut abwerfen. Hinzu kommt, dass viele Kreaturen mit einem Siegel belegt sind, die Spezialeffekte symbolisieren. So können verschiedene Einheiten fliegen, ihre Position in der Reihe wechseln, diagonal in zwei Richtungen angreifen oder nach dem Tod wiederbelebt werden. Werden unsere Wesen besiegt, hinterlassen sie im Übrigen Knochen, die wiederum für das Beschwören anderer Kreaturen notwendig ist. Da Inscryption mit seinem Regelwerk sehr behutsam vorgeht, können auch Anfänger respektive Kartenspielneulinge schnell die Faszination dahinter verstehen. Letzteres liegt auch daran, dass der Spielleiter storytechnisch hier und da hinterhältig reagiert.

Spielbretter mit Abzweigungen und Nervenkitzel

Bitte versteht uns nicht falsch! Auch wir finden es echt gemein, wenn der Spielleiter unsere Lebensanzahl, die über brennende Kerzen in einem auf dem Tisch stehenden Ständer symbolisiert werden, bei einem Bosskampf plötzlich auf eine Flamme reduziert, obwohl wir im vorherigen Spielverlauf keine Fehler gemacht haben. Trotzdem gehört dies zur Spielerfahrung dazu wie der erste Tod unserer Spielfigur – und genau hier würden wir uns in Spoiler-Terrain bewegen, weswegen wir lieber mal zum Drumherum kommen. Obwohl die Kartenduelle das Hauptaugenmerk des Spiels ausmachen, bewegen wir uns zwischen den Auseinandersetzungen auf einem Spielbrett voran. Nicht selten kommen wir zu Abzweigungen, die uns zu verschiedenen Stationen führen. So können wir an Lagerfeuern die Stärke einer Kreatur erhöhen, an einem Opferaltar eines unserer Monster opfern und ein anderes dafür verbessern oder bei Händlern gesammelte Objekte gegen neue Karten für unser Deck eintauschen. Noch dazu stolpern wir über Rucksäcke, die Items beinhalten. Diese können wir in einem Kampf verwenden, um unseren Kreaturen kurzzeitig die Flugfähigkeit verleihen oder unseren Gegner einmalig aussetzen zu lassen. Mit einer Zange können wir uns sogar auch selbst verstümmeln, um danach die Waagschale unseres Gegenübers belasten zu können – das ist absolut kein Scherz!

Unvergessliches Erlebnis

Genau dieser Aspekt des Spiels macht Inscryption so einzigartig. Das Geschehen sehen wir stets aus der Ego-Perspektive unseres Charakters. Schnitte gibt es bis auf gescriptete Momente tatsächlich keine. Soll heißen, dass wir uns außerhalb der Kartenduelle nahtlos vom Tisch erheben und uns in der Hütte umsehen können. Eine Kuckucksuhr, ein Tresor und verschlossene Schränke warten nur darauf, untersucht zu werden. Sie beinhalten weitere Geheimnisse und Spielkarten für unser Deck, sofern es uns gelingt, das jeweilige Rätsel zu lösen, auf das wir anderweitig im Spiel hingewiesen werden. Apropos Spielkarten: Wir lernen auch Karten kennen, die mit uns reden und uns Tipps geben, denn auch sie wollen, dass dieser Wahnsinn endlich ein Ende findet. Ein leichter Horroreinschlag ist in Inscryption definitiv nicht von der Hand zu weisen. Uns gefällt diese düstere Atmosphäre, die mit schaurig wirkenden Klängen unterlegt ist. Selten können wir erahnen, was als nächstes passiert und welche Entdeckung wir in der Hütte machen. Auch optisch begeistert der Titel mit seinem Design, das vor allem die Spielkarten und das Spielbrett betrifft. In puncto Steuerung fühlt sich das Umsehen auf dem Spielfeld und in der Hütte zwar etwas hakelig an, doch ist dies in Anbetracht der sonst hohen Qualität des Spiels zu vernachlässigen. Inscryption ist einfach ein unvergesslicher Genuss!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Schon länger habe ich ein Auge auf Inscryption geworfen. Es hat sich als ein großer Fehler herausgestellt, dass ich mich erst jetzt ausführlicher mit dem Spiel beschäftigen kann. Mit einfachen wie verwirrenden Mitteln erzählt Inscryption eine interessante und nicht zuletzt spannende Geschichte. Ich kann nie so ganz wissen, was als nächstes passiert. Sowohl in der Story, als auch beim Gameplay ist dies der Fall. Das hält das Abenteuer über Stunden frisch und packend. Nur wenn sich an wenigen Stellen das Gameplay bei den Kartenduellen wiederholt, tritt so etwas wie leichte Ermüdung ein. Trotzdem machen die Kartenduelle, die stark an Magic: The Gathering erinnern, an sich sehr viel Spaß. Noch dazu sind die Regeln verständlich und stellen auch Genre-Neulinge vor keine große Herausforderung. Wie die Hütte, in der sich Inscryption abspielt, mehr und mehr ins Gameplay eingebunden wird, ist ebenfalls ganz große klasse. In anderen Spielen habe ich dies in dieser Intensität vorher noch nicht erlebt. Für mich ist Inscryption definitiv eines der Highlights im eShop der Nintendo Switch. Daher kann ich dem Titel jedem bedenkenlos empfehlen, der etwas für Sammelkartenspiele übrig hat und sich auch nicht davor scheut, mit der einen oder anderen recht makaberen Spielidee konfrontiert zu werden.

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