Review: Need for Speed: The Run

Alle Jahre wieder fährt Electronic Arts das hauseigene Franchise-Programm auf. Neben den unzähligen Sportspielreihen, gehört auch die Rennspielserie Need for Speed dazu. Mit Need for Speed: The Run versucht Electronic Arts kläglich, neue Elemente einzuführen.

Jack Rourke hat Feinde. So viel und nicht mehr verrät uns die Einleitung des Titels, als wir mit dem Protagonist ans Lenkrad gefesselt im Innern eines Autos erwachen. Die Geräusche um uns herum werden lauter. Wir haben ein großes Problem, denn wir stecken in einer gerade aktiven Autopresse fest. Mittels Quick Time Event, sprich wir müssen im richtigen Moment einen bestimmen Knopf ein oder mehrere Male drücken, können wir zumindest schon Jacks Hände befreien. Als nächstes schlagen wir auch noch das Fenster in Scherben und können so, ebenfalls wieder mit einem Quick Time Event, aus dem Auto und somit der Autopresse knapp entkommen. Die Gangster haben sich wohl noch nicht aus dem Staub gemacht und bemerken uns prompt, als wir aus der Maschine klettern. Schnell schnappen wir uns die nächste Karre und brettern mit zwei Verfolgern im Schlepptau mitten in der Nacht vom Schrottplatz davon. Es ist dunkel, wir sehen kaum etwas von unserer Umgebung und hängen bei der sehr hohen Geschwindigkeit auch prompt sehr oft an bestimmten Stellen fest, wir müssen den Abschnitt oft wiederholen, doch dazu später mehr. Nachdem wir unsere Verfolger abgeschüttelt haben, betreten wir mehrere Stunden später ein chinesisches Restaurant, wo uns eine attraktive Dame einen Deal vorschlägt, den wir selbstverständlich nicht ablehnen können.

Quer durch die Staaten

Die Rede ist von einer Rallye quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Wir willigen ein, denn anscheinend haben wir Schulden, die es zu bezahlen gilt und mit dem Anteil des Preisgeldes wären wir diese sehr schnell los. Kurz danach dürfen wir uns in einer Werkstatt in San Francisco eines von mehreren Autos auswählen, mit denen wir ins Rennen starten dürfen. Da ist vom Aston Martin One-77 bis zum Volkswagen Scrirocco R vieles dabei, was Rang und Namen hat. Dieses führt uns von der kalifornischen Westküste bis hin nach New York City. Mittendrin durchqueren wir dann auch größere amerikanische Städte, wie Las Vegas, Denver oder auch Chicago. Abwechslungsreiche Strecken werden uns ebenfalls geboten, denn die Strecke führt quer durch den Yosemite-Nationalpark, die Rocky Mountains und an den Great Lakes vorbei. Weniger abwechslungsreich ist jedoch die Handlung, denn nebenher erfahren wir so gut wie nichts über Jacks Vergangenheit und auch unsere Sponsorin lässt sich nur selten über unser mobiles Empfangsgerät mit Bildwiedergabe blicken. Es ist zwar nett, dass wir auch mal kurzfristig (wie in Las Vegas) zu Fuß unterwegs sind, um vor der Polizei zu flüchten und Quick Time Events zu absolvieren, doch schaden diese dem doch eigentlich nett inszenierten Rennspielalltag. Die wenigen im Spiel auftretenden Charaktere kann man ebenfalls an einer Hand abzählen. Sie werden weder gut, noch ausführlich vorgestellt. Das ist unserer Meinung nach nicht verständlich, birgt die Story doch eigentlich großes Potential, welches von den Entwickler keinesfalls genutzt wird.

Erinnerungswürdige Momente

Vergessen wir an dieser Stelle einfach mal die Handlung und konzentrieren uns lieber auf das wesentliche, denn The Run möchte schließlich in erster Linie mit einem Rennspielerlebnis punkten, auch wenn die Entwickler zwanghaft versuchen, neue Spielelemente zu etablieren. Da wir nicht wie in gewöhnlichen Rennen Runde für Runde hinter uns lassen müssen, folgen wir fast viertausend Kilometer lang immer nur der Straße. Während ländliche Gegenden mit geraden Straßen auskommen, durchqueren wir im Death Valley auch schon mal Schluchten und in den Gebirgen müssen wir sehr oft driften, um überhaupt die Kurve beim sehr hohen Geschwindigkeitsaufkommen zu bekommen. Die Kontrolle über unseren Wagen ist in The Run einmal mehr wichtig, denn Lawinen oder Sandstürme erschweren uns gelegentlich das Vorankommen. Ebenfalls werden wir in seltenen Fällen auch von schießwütigen Gangstern und Helikoptern mit Dauerfeuerfunktion attackiert. Diese neuen Elemente kommen aber dezent am Rande vor, bleiben uns somit in Erinnerung und erzeugen nicht die Illusion einer apokalyptischen Welt, gut so! Am Tage ist das Fahren auf den amerikanischen Straßen fast ein Kinderspiel, doch sobald die Sonne am Horizont auf- oder untergeht, können die hübschen Lichteffekte schon sehr bald stören, da diese wichtige Kanten der Spielumgebung verdecken, an denen wir sehr oft kleben bleiben, da bei hoher Geschwindigkeit auch das Bremsen oder gar das Ausweichen fast nicht möglich ist. Reflexe eines Jedi-Ritters haben wir als willige Redakteure (so gerne wir uns das auch wünschen) nämlich nicht.

Unsaubere Straßenlimitierungen

Ebenfalls schwierig ist das Vorankommen bei Nacht, da die Straße so sehr viel schwerer zu erkennen ist und Hindernisse am Wegesrand verdeckt bleiben können. Apropos Wegesrand: Hier leidet das Spiel offensichtlich an einer Kinderkrankheit, denn diesen Gameplay-Schnitzer dürfte sich der Titel absolut nicht erlauben. Wenn wir auch nur kurz die vorgegebene Strecke verlassen, sei es nur ein flüchtiger Fehler gewesen, geleitet uns die Spielmechanik zum letzten Kontrollpunkt zurück. Das ist nervig, zumal wir locker wieder auf die Straße fahren könnten und maximal zwei bis drei Sekunden wertvolle Zeit verloren haben. Dasselbe gilt dann natürlich auch für die Crashs, die wir uns geleistet haben. Auf dem leichten und somit niedrigsten Schwierigkeitsgrad können wir uns pro Level maximal zehn solcher Ausrutsche erlauben (gezwungen oder freiwillig durch Druck auf die Select-Taste), danach gilt der Abschnitt als verloren und wir müssen ihn von vorne beginnen. Zum Glück gilt dies nicht für die ganze in mehrere Abschnitte unterteilte Etappe, von denen wir ganze zehn Stück meistern müssen. Von Rückspulfunktionen der Forza-Motorsport-Reihe haben die Köpfe hinter The Run wohl noch nichts gehört, schade. Die Aufgaben in den Levels sind schnell erklärt und einfach zu verstehen. Wir müssen entweder eine bestimmte Anzahl an Fahrern überholen, angeblich verloren gegangene Zeit wieder einholen oder die Führung bis zum Ablauf der angezeigten Zeitangabe halten. Besonders letzteres ist doch sehr befremdlich. Es reicht, wenn wir unseren Konkurrenten in der letzten Sekunde überholen.

Düstere Logikschwächen

Hier wäre es sehr sinnvoll gewesen, würde man ab da an einen Timer laufen lassen, denn so wirkt das ganze Spektakel mehr als nur aufgesetzt. Ebenfalls merkwürdig sind in einigen Fällen auch die Ausgangspunkte so mancher Levels. Wir befinden uns beispielsweise auf dem 78. Platz und erhalten von der Investorin die Aufgabe, weitere vier Fahrer zu überholen. Das wäre ja noch kein Problem, doch überholen uns gerade in jenem Moment eben diese Karossen – wer mitdenkt weiß, dass es der Titel mit der Logik nicht so ganz genau nimmt. Auf der einen oder anderen Straße lauern auch Polizeiwagen auf uns, die bis zum Gehtnichtmehr mit der neuesten Automobiltechnik ausgerüstet zu sein scheinen. Solche Karren haben wir weder in Deutschland, noch in irgendwelchen anderen amerikanischen Gefilden gesehen. Das ist für uns doch sehr realitätsfern, obwohl es die Spannung in den jeweiligen Situationen steigert. Es ist in The Run übrigens möglich, die Blaulichtverfolger abzuschütteln und im besten Falle auch noch überschlagen zu lassen. Das gibt Erfahrungspunkte, mit denen wir neue Techniken für unser Auto (etwa den beschleunigenden Nitro-Antrieb) und später sogar ganz neue Karren frei schalten. Unseren Flitzer dürfen wir übrigens nicht zwischen den Etappen (was in einigen Fällen sonst auch keinen Sinn machen würde) wechseln, sondern nur an bestimmten Story-Punkten der Kampagne und auch an Tankstellen, die unserer Meinung nach aber viel zu wenig vertreten sind.

Seriencrash

Das Schadensmodell gehört ebenfalls nicht zum Besten, was wir im Genre gesehen haben. Schäden sind zunächst kaum wahrnehmbar und unterscheiden sich bei größeren Schäden fast überhaupt nicht. Angebrochene Fenster und eine zerbeutelte Karosserie: Mehr und nicht weniger wird uns hier geboten, zumal Schäden sich nicht auf das Fahrverhalten unseres Autos auswirken. Während der Rallye schalten wir auch die so genannten Challenges frei, in denen wir dann nach der sich auf circa zehn Stunden erstreckenden Kampagne (die eigentlich viel kürzer ausfiele, wären nicht die nervigen Fehler), Goldmedaillen gewinnen können. Das motiviert ebenso sehr, wie der nette Mehrspielermodus, in denen sogar der nervige Ladebildschirm für die Rücksetzpunkte (die hier anscheinend nicht nötig sind) fehlt. Gegen menschliche Gegner online zu spielen macht ohnehin viel mehr Spaß, als es die teils gescripteten und teils sehr unfairen Computergegner überhaupt erlauben würden. Ebenfalls auf Gefallen stoßen die Vergleiche mit unseren Freunden. Immer wenn wir einen Rekord auf einer Strecke aufstellen, vergleicht der Titel diesen mit denen unserer Bekannten. Man merkt dem Titel jedoch deutlich an, dass es für die Entwickler ein Projekt ist, die Serie in irgendeine Richtung zu verändern. Langweilige Quick Time Events, eine an den Haaren herbeigezogene Story, eine schwer zu meisternde Steuerung (zumindest ohne Lenkrad-Controller), keine Tuning-Möglichkeiten der Autos, überladene und situationsbedingt störende Lichteffekte, ein durchschnittlicher, aber ausgewogener Soundtrack und eine sehr schwache deutsche Synchronisation machen Need for Speed: The Run nicht gerade zu einem Genuss, selbst nicht für die beinharten Fans der Reihe, die sich den Kauf unbedingt gut überlegen sollten.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-3-Fassung): Need for Speed: The Run ist die erste wirkliche Berührung mit dem Franchise für mich. Damals hatte ich mir zwar mal einen Titel der Reihe auf meine Festplatte installiert, doch als mir zum Start eine Dame erklären wollte, dass ich im richtigen Straßenverkehr doch bitte vorsichtig fahren soll, habe ich das Spiel direkt wieder von der Platte geworfen. Vorbildfunktion hin oder her – damals fand ich so etwas Selbstverständliches zu erklären einfach nur lächerlich, wie gut das Spiel dann war, kann ich ebenfalls nicht mehr sagen. Mein PC war damals leider schon zu schwach. Umso mehr habe ich mich dann auf The Run gefreut, da mich besonders die Lawinenszene aus dem auf der Pressekonferenz im August 2011 gezeigten Trailer beeindruckt hat. Dieses Level fand ich dann auch genial, so wie manche andere Spielabschnitte auch. Als dann jedoch die Sonne im Spiel auf- oder unterging, graute es mich schon vor den nächsten Spielstunden. Bei der an einigen Stellen unpassenden oder eben fehlenden Beleuchtung, konnte ich kaum erkennen, wo genau ich jetzt überhaupt lang fahren muss – und dass dann der nächste Crash vorprogrammiert ist, dürfte klar sein. In The Run muss ich ständig aufpassen, wohin ich fahre und die Levels dabei am besten auswendig lernen, damit ich beim nächsten (und kommenden) Neustart direkt weiß, woher ich fahren muss. So etwas gehört in Spiele wie Mega Man, aber definitiv in kein Rennspiel. Need for Speed: The Run konnte ich nicht vollends genießen, doch gefällt mir mittlerweile der Online-Modus, in dem ich mich nach Schreiben dieser Zeilen noch ein- oder zweimal aufhalten werde. Empfehlen werde ich den Titel jedenfalls nicht. Wer ein passendes Rennspiel oder eine Rennspielsimulation sucht, sollte in diesem Winter lieber zu Forza Motorsport 4 oder gleich zu Mario Kart 7 greifen. Bei letzterem macht das Ärgern, wenn man auf einer Bananenschale ausrutscht und gegen ein Hindernis brettert, wenigstens noch gewissermaßen Spaß. In diesem Sinne: Seid vorsichtig auf der Straße!

Vielen Dank an Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars von Need for Speed: The Run!

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