Review: Gormenghast

Gormenghast (1)Derzeit pilgern Fans von Tolkiens Mittelerde jedes Jahr aufs Neue ins Kino, um die Reise des Hobbits zu verfolgen. Wer Abwechslung in den Fantasy-Alltag bringen will, sollte unbedingt einen Blick über den Blockbuster-Tellerrand werfen – dort wartet nämlich Gormenghast.

Gormenghast (2)Gormenghast ist ein überwiegend aus Stein gebautes Schloss. Es heißt, dass nichts außer dem Schloss in der Welt existiere und man im Kreis reise. Entsprechend wenig Interesse haben die Bewohner von Gormenghast, das Schlossleben gegen ein anderes einzutauschen. Mit der Geburt von Titus, des siebenundsiebzigsten Grafen von Gormenghast, ändert sich jedoch für die regierende Familie Groan alles. Der junge Graf interessiert sich schon früh für die Welt außerhalb der Schlossmauern, beginnt seine Heimat zu hassen und entsagt sich zudem des zeremoniellen Tagesablaufes des Schlosses, welcher Tag für Tag vom Zeremonienmeister auf Gedeih und Verderb durchgesetzt werden will. Obwohl die kleine Lordschaft der Dreh- und Angelpunkt in Gormenghast ist, spielt die wichtigste Rolle der Küchenjunge Steerpike. Am Tag von Titus’ Geburt gelingt es Steerpike aus der Küche, wo er mit anderen Knaben zu den Aufgaben vom bösartigen Koch Swelter gezwungen und im Grunde gefangen gehalten wird, zu entkommen. Mr. Flay, der nicht unschuldig an der Flucht des Jungen ist, will diesen aber nicht das Tageslicht sehen lassen und sperrt ihn wenig später in den Kerker. Auch hier gelingt Steerpike die Flucht. Zufällig findet er das Versteck von Lady Fuchsia, die er mit einem Gauklerstück begeistern kann. Dafür wird er in die Dienste des Arztes Prunesquallor gestellt.

Das Spiel mit der Macht

Gormenghast (3)Mit Lüge und List gelingt es Steerpike das Vertrauen der Familie Groan zu gewinnen. Sein Ruf bleibt aufgrund seiner Herkunft dennoch schlecht, was seinen Ehrgeiz jedoch stärkt und sein Neid auf die Herrscherfamilie wachsen lässt. Durch seine Hände müssen Leibwächter und Angehörige der Familie sterben, wodurch er mit seinem teuflischen Plan immer mehr an Macht gewinnt. Während die ersten beiden Episoden der vierteiligen Serie sich mit dem ersten Jahr beschäftigen, in denen Steerpike langsam den Aufstieg schafft, wird in den beiden letzten Folgen der Machtverlust charakterisiert und Titus rückt in den Mittelpunkt. Insgesamt gewährt uns die Geschichte Einblicke in siebzehn Jahre von Gormenghast. Das heißt auch, dass die Handlung nur den Rahmen von zwei der drei veröffentlichten Romanen einnimmt. Da die Buchreihe aufgrund des vorzeitigen Todes des Autors Mervyn Peake unvollendet bleibt, begrüßen wir diesen Schritt, da die ersten beiden Romane zusammengenommen eine fast vollständig geschlossene Handlung bieten, die in den vier Episoden á sechzig Minuten mit Dramatik, Humor, Spannung und Schauspielkunst hervorragend inszeniert werden. Zu den Schauspielern zählen unter anderem Christopher Lee, Stephen Fry und Jonathan Rhys Meyers. Letzterer schafft es dem Charakter Steerpike Wahnsinn auf die Stirn zu zaubern.

Tiefgründige Charaktere

Gormenghast (4)Jedweder Charakter wird in Gormenghast tiefgründig dargestellt. Der treue Diener Mr. Flay, der durchtriebene Steerpike, der übermüdete Professor Bellgrove, die eifersüchtigen Zwillinge Clarice und Cora, die ewig nach einem Ehemann suchende Irma Prunesquallor und natürlich Titus, dem Freiheit wichtiger als Tradition erscheint, lassen teils nüchtern, teils ernst und teils mit Humor Einklang und Widerspruch im gigantischen Schloss Gormenghast erklingen. Dazu gesellt sich jederzeit ein Soundtrack, der mit dem unvergesslichen Song of Titus eingeleitet und mit wiederkehrenden Musikstücken bestens unterlegt wird. Während die musikalische Begleitung unvergesslich klingt, die Kostüme und die Kulissen wunderbar in Harmonie mit den Charakteren und dem durchorganisierten und ritualisierten Tagesablauf des Schlosses leben, gilt das leider nicht für die Spezialeffekte und die Szenen, die vor einem Greenscreen gedreht worden sind. Hier stechen die Charaktere zwar stark von den Hintergründen hervor, doch aufgrund der altertümlichen, gar poetischen Dialoge, wird der Fokus eindeutig auf die Charaktere mit ihrer Entwicklung gelegt. Auch aufgrund des Produktionsjahres 2000 und dem für eine Fernsehproduktion kleinen Budgets, kann man Gormenghast hier nicht böse sein. Ein 30-minütiges Making-of geht abschließend auf die Schauspieler und Charaktere ein.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der DVD-Fassung): Als ich vor fast vier Jahren zum ersten Mal die vierteilige Fernsehserie der Romanreihe Gormenghast gesehen habe, war ich begeistert und dieses Gefühl setzt sich mit der Veröffentlichung der Serie auf DVD erneut ein. Gormenghast bietet nicht die typische Fantasy-Action, die heutzutage leider viel zu sehr vom Durchschnittskinogänger erwartet wird. Stattdessen setzt mir Gormenghast eine Welt vor, die mir durch ihre idealistischen Charaktere direkt vertraut scheint, aber dennoch in weite Ferne rückt. Genau diese Charaktere machen den Unterschied zu anderen Fantasy-Epen aus. Hier entdecke ich an Figuren Charakterzüge, die stellvertretend für sie stehen. Zudem bieten sie mir Facetten, welche die Handlung spannend gestalten und ebenso auflockern. Wenn man sich Gormenghast anschauen möchte, sollte man jedoch ein gewisses Faible für einen hohen Grad an Theatralik mitbringen. Die Dialoge sind zwar leicht verständlich, doch ihre wahre Bedeutung versteht man nur, wenn man sich auch sonst gerne mit Dramen und ihrer Intention beschäftigt. Wer Gormenghast deswegen verpasst, entgeht leider ein gelungenes Stück Fantasy-Geschichte, das man immer und immer wieder genießen möchte.

Vielen Dank an Polyband für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars von Gormenghast!

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