Review: Serial Experiments Lain

In Japan lief Serial Experiments Lain bereits 1998 auf dem Fernsehsender TV Tōkyō. Da der Anime-Boom in Deutschland noch ein wenig auf sich warten ließ, mussten wir auf die DVD-Veröffentlichung bis ins Jahr 2004 warten. 2017 erschien endlich auch die Blu-ray-Fassung.

Die Geschichte von Serial Experiments Lain dreht sich um die dreizehnjährige Iwakura Rein, deren Name für die Veröffentlichung zur titelgebenden Lain stilisiert wird. Sie lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester im Herzen von Tōkyō und besucht wie ein gewöhnliches Mädchen die Mittelschule. Obwohl sich Lain scheinbar am liebsten in der realen Welt aufhält, entwickelt sie im Verlauf der Geschichte ein größeres Interesse an der „The Wire“ genannten digitalen Welt. Bei The Wire handelt es sich um eine Mischung aus Internet und Virtual Reality, in der soziale Kontakte ähnlich möglich sind wie in der echten Welt. Aufgrund ihres steigenden Interesses am Netzwerk isoliert sie sich auf den ersten Blick weiter von der richtigen Welt – mit jeder weiteren Episode, die man sich von Serial Experiments Lain anschaut, wird jedoch klar, dass die Grenzen der digitalen und realen Welt für Lain verschwimmen und ineinander übergreifen. Die Story der dreizehnteiligen Anime-Serie ist komplex und schwer zu erklären, da Regisseur Abe Yoshitoshi viele Handlungsstränge bewusst offen lässt, sodass man als Zuschauer an vielen Stellen seine eigenen Schlüsse ziehen muss. Das Konzept geht unserer Meinung nach auf. Problematisch dürfte höchstens für den Publisher sein, dass die aus heutiger Sicht kultverdächtige Anime-Serie so nur auf ein überschaubares Publikum zielt.

Paralysierende Symbiose

Aufgrund dessen, dass der Anime im Jahr 1998 erstmals über die japanischen Fernsehbildschirme flimmerte, ist es verständlich, dass das Bildformat trotz der Auflösung von 1080p nur im Verhältnis 4:3 (1:1,33) vorliegt. Die schwarzen Balken links und rechts auf dem Bildschirm stören aber keineswegs, denn aufgrund der Thematik, die technische Errungenschaften und somit den Standard der späten 1990er Jahre in den Mittelpunkt stellt, ergibt sich zusammen mit der düsteren Akustik ein sehr atmosphärisches Gesamtbild. Meistens werden Räumlichkeiten mit dunklen Farben ausgeschmückt, die nur durch elektronisches Licht aufgehellt werden. Dennoch ist so die Kälte und die dunkle Grundstimmung, die aufgrund der weitgehend isolierten oder introvertierten Charaktere manchmal fast schon an einen Horrorfilm erinnert, jederzeit zu spüren. Während sich der Soundtrack gelegentlich auf Klavierklänge stützt, aber überwiegend aus elektronischer Musik besteht, tragen gar Soundeffekte maßgeblich zur Stimmung bei. Das Vorhandensein von elektrischem Strom ist im vernetzten Tōkyō übertrieben laut zu hören, was zu Reglosigkeit führt. Bild und Akustik paralysieren einfach mit jeder Folge zunehmend, sodass man sich von der ersten Minute an alleine aufgrund der technischen Gestaltung nicht mehr rühren kann. Nur selten haben wir eine ähnlich gute Symbiose erlebt.

Gelungene Synchronfassungen

Während die deutsche Tonspur im Format DTS-HD Master Audio 5.1 vorliegt, kann der japanische Originalton mit unkomprimiertem Ton im Format PCM 2.0 glänzen. Verständlich und bedrückend ist der Soundtrack bei beiden Tonspuren gleichermaßen. Ebenfalls auf derselben Höhe ist die Auswahl der Synchronsprecher. In der japanischen Originalfassung spricht Shimizu Kaori Hauptfigur Lain. Shimizu dürften manche Zuschauer unter anderem aus den Anime-Serien Inu Yasha oder School Rumble, andere wiederum aus ihrer Gesangskarriere kennen.  Ebenfalls aus dem Bereich der Musik und als Stimme von Saber in Fate/Zero bekannt ist Kawasumi Ayako, die in Serial Experiments Lain Iwakura Mika spricht. In der deutschen Fassung wird Mika hingegen von Diana Borgwardt gesprochen, die am ehesten als deutsche Stimme von C18 aus Dragon Ball Z bekannt sein dürfte. Lain selbst wird von Manja Doering gesprochen, die Alyson Flannigan in der American-Pie-Filmreihe ihre Stimme lieh. Beide Synchronfassungen sind zufriedenstellend; im Detail hat der japanische Originalton aufgrund besserer Betonungen die Nase leicht vorn. Wer des Japanischen nicht mächtig sein sollte, kann deutsche Untertitel hinzuschalten. Digitales Bonusmaterial liegt jedoch leider nicht vor; dafür aber eine physische Entschädigung in Form eines kleinen Posters und Stickers.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Serial Experiments Lain ist eine Anime-Serie, die aufgrund ihrer komplexen Handlung und ihres Cyberpunk-Szenarios nicht für den durchschnittlichen Anime-Zuschauer gedacht ist. Die Geschichte um Lain, die zwischen den beiden Welten wandelt, die sich für sie mit der Zeit sogar verbinden, ist intelligent, erwachsen und spannend erzählt. Man klaubt jedes einzelne Informationshäppchen auf und versteht nach dem Ansehen ohnehin nur das, was man sich selbst zusammengereimt hat. Mir gefallen solche Anime-Serien – und Serial Experiments Lain hat den Vorteil, dass man aufgrund des Entstehungszeitpunkts, dem Jahr 1998, auch eine ältere dystopische Zukunftsvorstellung vor sich hat, die zudem noch auf der technischen Seite mit paralysierender Optik und Akustik überzeugen kann. Wer sich auf solch eine Anime-Serie einlassen kann, wird mit Serial Experiments Lain absolut zufriedengestellt werden und kaum bessere Alternativen finden. Alle anderen sollten sich auch trotz der nicht gerade zugänglichen Thematik vielleicht über ihren Schatten springen, denn Serial Experiments Lain hat definitiv die Chance verdient, von einem größeren Publikum genossen zu werden, als nur von einem kleinen und überschaubaren Publikum!

Vielen Dank an Nipponart für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Serial Experiments Lain!

© 1998 Triangle Staff/Pioneer LDC (Abbildungen)

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