Review: Need for Speed: Payback

2015 hat Entwickler Ghost Games mit Need for Speed ein wunderbares Rennspiel veröffentlicht. An die Qualitäten des Vorgängers kann selbiges Entwicklerstudio allerdings nicht anknüpfen, da man die eigenen Ideen an zu vielen Ecken und Enden nicht zu Ende gedacht hat.

Im direkten Vorgänger haben sich Ghost Games und Publisher Electronic Arts dazu entschieden, in Zwischensequenzen zu investieren, die von echten Schauspielern getragen wurden – und haben damit die Gemüter der Need-for-Speed-Fangemeinde gespalten. Uns gefielen die Szenen zwar sehr, doch in Need for Speed: Payback kehren computeranimierte Figuren zurück, um die Handlung voranzutreiben. Diese dreht sich um Tyler Morgan, der mit seiner Clique im, dezent ans reale Las Vegas erinnernde, Fortune Valley samt Umland gegen das ominöse House-Kartell nach dem Verrat eines dessen Mitglieder vorgeht. Hier hat man sich offensichtlich an actionreichen Autorenndramen aus dem US-amerikanischen Kino bedient – entsprechend flach fällt die Story abermals aus. Beispielsweise jagt das House Morgans Zuhause in die Luft, weil dieser den ersten Platz in einem vom Kartell inszenierten Straßenrennen belegt hat. Mit der Zeit wird klar, dass das Spiel mit einer hanebüchenen Story, lahmen Sprüchen und übertriebenen beziehungsweise schier unrealistischen Zwischensequenzen ein Gangsterdrama inszeniert, für das man sich als Spieler in Grund und Boden schämen möchte. Da hilft es auch nicht viel, dass wir in den Dialogen und Monologen interessante Fakten über die Vergangenheit von Tyler und seinen Freunden, die wir ebenfalls spielen dürfen, erfahren.

Abwechslungsreiche Ärgernisse

Da Rennspiele ohnehin nur selten eine interessante Handlung verfolgen, kann man über diesen ärgerlichen Ausrutscher aber locker hinwegsehen – schließlich stehen die Autorennen mitsamt abwechslungsreichen Events im Mittelpunkt. Dazu zählen beispielsweise typische Straßenrennen und Drag Races in Fortune Valley, sowie spaßige Drift Events und Offroad-Rennen im Umland. Um an einem dieser Rennen teilnehmen zu können, benötigen wir auch jeweils ein anderes Auto. Das heißt, wir können unseren Rennboliden nicht einfach umrüsten, sondern müssen uns beim Händler mit einem neuen Flitzer eindecken. Dies geschieht über die In-Game-Währung, die wir für beendete Rennveranstaltungen erhalten, welche wir bei möglicher Geldknappheit glücklicherweise auch mehrmals abschließen dürfen. Wichtig ist dabei, dass wir in einem Rennen den ersten Platz oder eine Mindestpunktzahl erreichen müssen. Während letzteres noch relativ einfach ist, wenn wir zum Beispiel das Driften gut beherrschen, kann der erste Platz in einem Rennen utopisch erscheinen – und zwar selbst dann, wenn die empfohlene Stufe für das jeweils Rennen weit überschritten ist. Der Schwierigkeitsgrad ist in Need for Speed: Packback nicht transparent und ärgert vor allem unter dem Aspekt, dass wir alle Rennen eines Abschnitts abschließen müssen, um mit der Story fortfahren zu können.

Untätige Polizei und lahme Verfolgungsjagden

Innerhalb eines Events bekommen wir es mit einem Problem zu tun, unter dem die Rennspielserie aus dem Hause Electronic Arts schon seit Jahren zu kämpfen hat. Die künstliche Intelligenz unserer Kontrahenten schafft es immer wieder, sobald wir ihr davon gerast sind, eigentlich unaufholbare Rückstände auszugleichen. Hinzu kommt, dass wir schon bei einem einzelnen Fehler dermaßen stark bestraft werden, dass wir die Pole Position verlieren und in vielen Fällen das Rennen auch gar nicht mehr gewinnen können. Wer zudem auf hitzige Verfolgungsjagden mit der Polizei gehofft hat, wird ebenfalls enttäuscht. Während wir in der offenen Spielwelt, die sämtliche Events miteinander verbindet, nie in den Kontakt mit den Ordnungshütern kommen, tauchen sie innerhalb der Handlung nur in bestimmten Missionen auf. Die Polizei klebt uns dann ständig an den Fersen, bis wir sie immer wieder mit derselben Prozedur rammen. Das ist nicht nur langweilig, es wird auch lahm präsentiert. Mit kurzen Zeitlupensequenzen sehen wir dann, wie Streifenwagen oder Autos des Kartells sich überschlagen oder zur Seite gedrängt werden. Zum Glück haben die Entwickler unsere Kritik von der Gamescom ernst genommen, denn im Optionsmenü lassen sich diese Szenen deaktivieren. In puncto Schwierigkeitsgrad und Fairness sollte Ghost Games aber unbedingt nachbessern!

Zufällige und unglaubwürdige Individualisierung

Leider haben es die Entwickler auch versäumt, ein zielgerichtetes Upgrade-System für die Fahrzeuge ins Spiel zu implementieren. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung gehen wir nicht davon aus, dass die Entwickler solch ein System nicht integrieren wollten, sondern vom Publisher die Vorgaben erhielten. In Need for Speed: Payback erhalten wir für abgeschlossene Rennen besondere Karten, die bestimmte Autoteile demonstrieren sollen. Diese können wir entweder direkt in unseren Flitzer einbauen, um Werte zu verbessern, sie für einen anderen Wagen aufheben oder sie verkaufen. Mit In-Game-Geld können wir in der Werkstatt auch weitere solcher Karten erwerben und sie für unseren Fuhrpark verwenden. Allerdings ist die Investition einmalig. Die Karte wieder aus dem Wagen „auszubauen“ funktioniert nicht und zudem sind die Erwerbsmöglichkeiten genauso wie die erhaltene Karte nach einem Rennen rein zufällig. Es macht nur bis zu einem bestimmten Grad Spaß, sein Auto aufzurüsten. Danach fehlt einfach die Motivation und da die Karten auch für Echtgeld gekauft werden können, ist die Verwunderung nicht allzu groß, warum Need for Speed: Payback sich Steine in den Weg schmeißt. Positiv ist dabei lediglich, dass diese Individualisierungsmöglichkeiten sich spürbar auf das überwiegend sehr gute und funktionierende Arcade-Fahrgefühl auswirken.

Offene und inhaltsreiche Spielwelt

Positive Elemente sind rar gesät. Eines der Highlights dürfte die inhaltliche Gestaltung der Spielwelt sein, in der es wirklich viel zu tun gibt. Neben den Events gibt es insgesamt einhundert Pokerchips zu sammeln, Radarfallen bei hoher Geschwindigkeit auszulösen oder Werbetafeln zu zerstören. Hin und wieder erhalten wir auch Tipps zu Autowracks, die ungefähr den Scheunenfunden aus Forza Horizon entsprechen. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass wir das Wrack aus mehreren in der Welt verstreuten Teilen zusammensetzen müssen; zudem ist der Fundort nur auf einem Kartenausschnitt zu erkennen. Das ist nicht nur altmodisch, sondern auch umständlich und die Fundorte nicht immer realistisch. Obwohl die Spielwelt optisch sehr leer ausfällt, macht sie Need for Speed: Payback zusammen mit hübschen Lichteffekten, die sich auch auf die Lackierungen der Karosserien auswirken, dennoch zu einem der hübschesten Rennspiele. Selbst auf einem älteren Mittelklasse-PC läuft das Spiel bei maximalen Einstellungen fast durchgehend ruckelfrei; nur bei sehr hoher Geschwindigkeit nimmt die Framerate kurz ab. Der Soundtrack geht mit seinen nicht gerade abwechslungsreichen Tracks in Ordnung, da er zumindest für zusätzliches Adrenalin sorgt. So macht der Titel kurzfristig immer wieder Spaß, langfristig dürften aber selbst Fans das Weite suchen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Need for Speed aus dem Jahre 2015 habe ich wirklich sehr, sehr gerne gespielt – und das meistens bis tief in die Nacht. Bei Need for Speed: Payback habe ich meistens nach einer guten Stunde keine Lust mehr, da die künstliche Intelligenz mich ständig abhängt, obwohl es kaum an meinen Fahrkünsten und einem wesentlich besseren Fahrzeug gegenüber meinen Rivalen liegen kann. Zudem schwankt der Schwierigkeitsgrad in den verschiedenen Events so stark, dass ich manchmal kein Problem habe, ein Rennen zu gewinnen, obwohl mein Auto weit unter der vom Spiel empfohlenen Stufe liegt. An anderer Stelle liegt mein Vehikel weit über dieser Angabe und ich kann trotzdem kein Land beziehungsweise das nächste Fahrzeug vor mir sehen. Selbst im Mehrspielermodus, den ich über das Hauptmenü auswählen kann, habe ich keine Freude, da das Matchmaking vorne und hinten nicht funktioniert. Man wird einfach mit anderen Spielern in einen Raum geworfen, die Autos mit mehr Pferdestärken unter der Haube kontrollieren. Warum die Entwickler hier so viele Fehler trotz ihrer langjährigen Erfahrung gemacht haben, kann ich nicht verstehen. Selbst die größten Need-for-Speed-Fans sollten warten, bis die Entwickler entweder die gröbsten Designschnitzer per Update nachgebessert haben oder es den Titel günstig auf dem Grabbeltisch gibt und wer bis heute immer noch nicht den Vorgänger gespielt hat, sollte aufgrund dessen Vorzüge ohnehin viel lieber zu diesem greifen!

Vielen Dank an Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Need for Speed: Payback!

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