Review: Blame! (Band 1)

Der zehn Bände umfassende Manga-Reihe Blame! wurde bereits zwischen 2001 und 2004 im deutschsprachigen Raum vertrieben, dürfte inzwischen aber schwer aufzufinden zu sein. Die neue Master Edition fasst Blame! jetzt in sechs Bänden zusammen und verpackt diese in einem äußerst robusten und schicken Hardcover. Der Inhalt bleibt selbstverständlich gleich: Wir begleiten den schweigsamen Killy durch die mysteriöse Welt von Blame! – bestehend aus wahnwitzigen Konstruktionen mit unendlich weiten Schächten und mit Technik vollgestopften Tunnelsystemen. Die scheinbar jenseits von Zeit und Raum existierende Anlage war schon damals zur Erstveröffentlichung ein Highlight, kommt aber auch heute aufgrund des Detailreichtums und der bedrückenden Stimmung sehr gut zur Geltung. In jedem der elf Kapitel verrät Mangaka Nihei Tsutomu etwas mehr über die Welt, deren Regeln und Eigenheiten, während wir Killy auf seiner rätselhaften Reise begleiten. Unterschiedliche Lebewesen, die er dabei trifft, ändern nichts an der Verschlossenheit der Erzählung und enden meist in fetzigen Schießereien. Der Grund für Killys Reise selbst wird zwar angerissen, bleibt aber sehr wage und stellt neben der Frage, wie diese Welt überhaupt funktioniert, eine der spannendsten Fragen des Mangas dar.

Organische Maschinen

Die Charakterdarstellungen fallen nicht so detailliert aus wie die maschinellen Umgebungen und synthetische Anteile der Figuren – eine schöne Gegenüberstellung von Mensch zu Maschine in dieser tristen Zukunftsvision. Daneben ist der markante Stil von Nihei besonders anhand der Figuren- und Maschinen-Designs zu erkennen, die wir so auch in seinen anderen Werken wie zum Beispiel in Knights of Sidonia wiederfinden. Darüber hinaus bedient sich der Autor und gleichzeitig Zeichner zwar in einigen Elementen auch an bekannten Science-Fiction-Ikonen wie Ghost in the Shell, bringt aber immer genug Eigenkreativität auf das Blatt Papier. Besonders die seltsame Mixtur aus alter und moderner Technik trägt zur diffusen Atmosphäre genauso wie die kruden und grotesken Lebewesen bei, die sich Nihei ausgedacht hat. Kein Wunder, denn vor seiner Mangaka-Kariere studierte er Architektur und ließ seine Kenntnisse in seine Manga einfließen. Die schöne Komposition aus kleinen, großen und langen Panels verpasst den gigantischen Hallen und Schächten den nötigen Raum. Auch spielt er gerne mit Größenverhältnissen und wechselt zwischen sehr nahen und weit entfernten Betrachtungen einer Szenen. Blame! zählt zwar zu Niheis früheren Werken, doch ist dies an der zeichnerischen Qualität keinesfalls abzulesen. Auch wenn die wenigen Figuren vielleicht schon emotional verkümmert wirken, passt das sehr gut in die fremdartige Welt.

Kalte Menschen – warme Maschinen

Blame! kommt durchweg mit sehr wenigen Dialogen und Textboxen aus und lässt die längste Zeit reine Bilder für sich sprechen. Dies ist teils extrem wirkungsvoll, bedeutet aber auch, dass die Handlung und der Fortschritt der Geschichte nicht immer im Mittelpunkt stehen. Es gibt auch keine Einführung, keine langwierigen Erklärungen und damit aber auch keine Bevormundung des Lesers, der sich inmitten der Welt erst nach einigen Kapiteln zurechtfinden wird. Interessanterweise gibt es auch keinen Klappentext oder rückseitige Storyabrisse – jeder Leser beginnt den ersten Band auf Seite 1 mit idealerweise demselben Informationsgehalt. Handlungsorte und Figuren wechseln gerne ohne Vorwarnung von Kapitel zu Kapitel. Diese etwas diffuse und indirekte Art des Storytellings wird nicht jedem gefallen, macht aber hier den Reiz von Blame! aus. Wir werden als Leser nicht vom Autor sanft in die Story eingeführt, sondern direkt in das wirre Tunnelnetz von Blame! hineingestoßen. Nach über vierhundert Seiten am Ende des Bandes angelangt, sind eine Menge Fragen unbeantwortet und auch Killy bleibt noch recht uneinsichtig – zusammen mit den tollen Zeichnungen der Grund, sich auf die Fortsetzung zu freuen!

Geschrieben von Jonas Maier

Jonas‘ Fazit (basierend auf der ersten Auflage): Blame! ist etwas ganz Besonderes. Die Welt des Mangas – der geheime Superstar mit vielen Geheimnissen – finde ich auf eine ganz besondere Art unglaublich faszinierend. Zwar hatte ich aufgrund der krassen Perspektivsprünge ab und an den Eindruck, den Überblick über eine Szene zu verlieren, dafür bestechen alle Designs wie die atmenden Maschinen und beklemmend-kalten Konstruktionen mit hervorragend abgestimmten Designs. Auch mag ich den reduzierten Erzählstil, denn während klassische informationsgetriebene Dialoge im Schatten der monumentalen Darstellungen stehen, bleiben gleichzeitig viele Mysterien und elementare Fragestellungen automatisch spannend. Diese Mystery-Note ist ein weiterer Grund, warum ich mich auf die Fortsetzung der Reise mit Killy ungemein freue.

Vielen Dank an Cross Cult für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars von Blame! (Band 1)!

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