Review: Yomawari: Midnight Shadows

Europäische Spieler mussten auf das Survival-Horror-Spiel Yomawari: Night Alone ein ganzes Jahr warten, nachdem es in Japan veröffentlicht wurde. Beim Nachfolger Yomawari: Midnight Shadows wurde die Wartezeit auf zwei Monate verkürzt. Zum Glück – oder auch nicht.

In puncto Handlung hat Midnight Shadows nichts mit dem Serienerstling zu tun. Dieses Mal schlüpfen wir allerdings nicht nur in die Rolle eines kleinen Mädchens, sondern gleich in die Haut von zwei Grundschülerinnen. Haru und Yui sind beste Freundinnen und erleben gerade ihren letzten gemeinsamen Sommer in einer nicht näher bestimmten japanischen Kleinstadt. Sie beschließen, von den Bergen aus das Feuerwerk des Sommerfestes zu genießen, um sich künftig immer an ihre gemeinsame Zeit erinnern zu können. Auf dem Rückweg werden die beiden allerdings voneinander getrennt, woraufhin das Spiel fortan alternierend jeweils aus der Perspektive eines der beiden Mädchen erzählt wird. So begleiten wir Haru und Yui in der Regel einzeln durch die Kleinstadt, die zudem noch von facettenreichen Geisterwesen heimgesucht wird. Unsere Aufgabe ist es, während des nächtlichen Spaziergangs, unsere beste Freundin aufzuspüren und herauszufinden, was es mit dem tragischen Vorfall in der Eröffnungssequenz auf sich hat. Zu weiten Teilen ist die Story von Midnight Shadows nicht besonders spannend erzählt, spielt aber dank eines überraschenden Plottwists, abwechslungsreichen und optisch sehr hübsch beziehungsweise schaurig gestalteten Schauplätzen wie einer Bibliothek, einer Kanalisation oder natürlichen Umgebungen und einer mit ansteigender Spielzeit tiefgründigeren Mythologie ihr Potenzial zumindest voll aus.

Isolationshaft

Midnight Shadows liefert genau so wie sein Vorgänger die Grundlage für einen packenden Überlebungskampf in einem Gruselszenario. Ein Strich durch diese Rechnung macht jedoch abermals das nach wie vor exotische Gameplay, denn dieses beschränkt sich wieder hauptsächlich darauf, die Gegend zu erkunden und im Angesicht der Feinde schleunigst die Füße in die Hand zu nehmen. Obwohl sich die Wege der beiden Freundinnen zumindest halbwegs hin und wieder kreuzen und Yuis sporadisch auftauchender Hund Chako uns nicht nur einmal zum nächsten Zielpunkt führt, bleibt so das Gefühl der völligen Isolation in der menschenleeren Kleinstadt erhalten. Laufen wir dann tatsächlich mal einem Geisterwesen über den Weg, können wir nicht wie in anderen Genre-Vertretern zur Waffe greifen. Stattdessen müssen wir vor dem Gegner fliehen und uns irgendwo verstecken, bis die Luft wieder rein ist. Hinzu kommt, dass die meisten Geister unsichtbar sind und erst in Erscheinung treten, wenn wir sie mit unserer Taschenlampe anleuchten. Dadurch, dass das Gegnerverhalten abwechslungsreich gestaltet ist, kann es auch vorkommen, dass manche Feinde vor dem Taschenlampenlicht fliehen, andere wiederum davon sogar angezogen werden. Der kluge Einsatz beziehungsweise Verzicht der Taschenlampe ist in vielen Fällen lebenswichtig, da jeder Feindkontakt zum sofortigen Tod führt.

Atmosphärischer Geniestreich

Entsprechend hoch und teilweise sogar unfair ist der Schwierigkeitsgrad, da viele Situationen nur nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip gelöst werden können. Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass genau bei solchen Spielabschnitten die letzte Jizō-Statue, sprich die Speicherpunkte des Spiels, zu weit entfernt ist und so nur unnötige Frustration entsteht. In einem Punkt muss man Midnight Shadows aber sehr loben: Die dichte Gruselatmosphäre ist den Entwicklern wirklich fantastisch gelungen und das auch noch mit minimalen Mitteln! Auf Musik verzichtet das Spiel weitgehend, stattdessen hören wir nur das Rauschen des Windes, das Zirpen der Grillen, das Schmatzen und Schlürfen der Geister oder unsere Schrittgeräusche – letzteres sogar inklusive Hall, wenn wir größere Räumlichkeiten durchkämmen. Die Atmosphäre wird abschließend dadurch bereichert, dass auch unser Herzschlag deutlich hörbarer aus den Lautsprechern dröhnt, wenn sich Feinde in der Nähe befinden. Einstellen können wir uns auf die Feinde dann aber doch nur selten, da sie so plötzlich auf dem Bildschirm erscheinen, dass uns fast das Herz in die Hose rutscht. Schade ist in brenzligen Situationen, dass die PlayStation-Vita-Fassung hier oft unter Einbrüchen in der Bildwiederholungsrate leidet. Zudem ist unser System innerhalb der circa zehnstündigen Einmalspielzeit aufgrund nicht reproduzierbarer Fehler mehrfach an verschiedenen Stellen abgestürzt. Unverständlich, dass dies nicht in der Qualitätssicherung aufgefallen ist.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-Vita-Fassung): Es ist bekannt, dass ich kein großer Fan von Yomawari: Night Alone bin. Zwar habe ich das Setting und die Atmosphäre echt genossen, doch vor allem das für mich immer sehr wichtige Gameplay hat mich wirklich sehr enttäuscht. In der Hoffnung, dass die Entwickler einen zweiten Teil mit mehr Möglichkeiten ausstatten, habe ich mich sehr auf Yomawari: Midnight Shadows gefreut, doch im Grunde passiert hier nicht sonderlich viel mehr. So laufe ich nach wie vor durch Gassen, muss den Geistern geschickt ausweichen und dutzende Tode ertragen, wenn ich versehentlich einen falschen Weg eingeschlagen habe, wo ich mich vor dem Feind wie vom Spiel eigentlich gewünscht nicht verstecken kann. Dennoch muss ich den Entwicklern zugestehen, dass sie die Gruselatmosphäre seit dem ersten Teil deutlich verbessert haben. Viele Momente überraschen mich so sehr, dass meine Finger kurz zittern oder mein Herz in die Hose rutscht. Seit Resident Evil habe ich das so nicht mehr so dezent und minimalistisch erlebt, weshalb der zweite Teil zumindest für Fans des Vorgängers und Splatter-Gelangweilten dennoch noch eine Empfehlung wert ist. Wer aber nur sporadisch ins Genre schaut und ein durchdachtes Gameplay erwartet, sollte lieber zu Genre-Alternativen greifen!

Vielen Dank an NIS America für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Yomawari: Midnight Shadows!

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