Review: Call of Duty: WWII

Historische Schlachten gewinnen nach dem Fokus auf den Kampf gegen den Terrorismus in Videospielen wieder an Bedeutung. Nachdem Electronic Arts den kaum behandelten Ersten Weltkrieg in Battlefield 1 aufgriff, zieht Konkurrent Activision mit dem Zweiten Weltkrieg nach.

Während das Werk von Entwicklerstudio Electronic Arts Dice in Battlefield 1 verschiedene Geschichten in der Einzelspielerkampagne erzählt, behandelt Call of Duty: WWII tatsächlich nur eine einzelne Geschichte. Dies führt dazu, dass die US-amerikanischen, britischen und französischen Protagonisten wesentlich mehr beleuchtet werden können. Das Spiel beginnt mit der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 und zeigt mit teils drastischen Bildern, wie grausam der Zweite Weltkrieg war. Anschließend erleben wir die Operation Cobra mit, genauer gesagt die Ereignisse am 25. Juli 1944, die dazu führten, dass die Alliierten ins Inland vorstoßen konnten. Während der Erzählung stehen vor allem die Siege der Alliierten im Vordergrund. Interessanterweise werden hier Tatsachen, beispielsweise dass die US-amerikanischen Streitkräfte sich aufgrund von irreführenden Rauchschwaden selbst bombardiert haben, als kleine Details in Dialogen beziehungsweise Monologen während der Schlacht eingefügt. Ähnliches ist auch bei der Befreiung von Paris am 25. August 1944 zu spüren, bei der wir Zivilisten befreien, die dem Hungertod nahe sind, weil die Lebensmittelpreise auf dem Schwarzmarkt für die Pariser Bevölkerung nicht mehr zu bezahlen waren. Dieser dezente Einsatz von Randnotizen sorgt dafür, dass die düstere Kriegsatmosphäre auch am Rande spürbar, glaubhaft und vor allem nachvollziehbar ist.

Beeindruckende Kriegsatmosphäre

In der Einzelspielerkampagne von Call of Duty: WWII werden die Geschehnisse an der Westfront bis kurz vor Kriegsende thematisiert. Bis nach Berlin kommt das Platoon rund um Protagonist Ronald Daniels zwar nicht, doch erleben wir wichtige Schlachten wie die Ardennenoffensive oder die Befreiung von Paris mit. Gelegentlich schlüpfen wir während der verschiedenen Szenarien auch in die Rolle von anderen Charakteren wie zum Beispiel in die Widerstandskämpferin Camille Denis. Mit Denis infiltrieren wir das Hauptquartier der Nationalsozialisten in der französischen Hauptstadt, um anschließend mit Daniels die Stadt zu erobern. Auch die Unterstützung der britischen Spezialeinheit Special Operations Executive ist in der Handlung des Spiels verankert. Die auf circa sieben Stunden ausgelegte Einzelspielerkampagne bietet in diesem Zusammenhang hitzige Schussgefechte, unbewaffnete Kämpfe ums Überleben, Panzerschlachten und gar einen Luftkampf. Letztere Gameplay-Elemente hätten zwar weitaus besser ausgebaut werden können, doch wird der Zweite Weltkrieg so aus verschiedenen Blickwinkeln gut dargestellt. Inhaltlich steht Daniels Hintergrundgeschichte im Vordergrund, die sich aus Bruderliebe, Kameradschaft und Pflichtgefühl zusammensetzt. Der Tod eines Vorgesetzten ist ebenso Bestandteil der Story wie der Verlust von Kameraden.

Maulkorb fürs Feindbild

Obwohl die Kampagne mit reichlich Patriotismus dank der Abbilder von Schauspielern wie Josh Duhamel, unter anderem bekannt aus der Fernsehserie Las Vegas, wirklich filmreif inszeniert wird, vergessen die Autoren ausgerechnet das Feindbild tiefgründig darzustellen. Sämtliche Nationalsozialisten sind als Bestien gezeichnet, die für ihren Verführer bedingungslos in den Tod gehen. Es gibt keine Antagonisten, die ihre Handlungsweise in Frage stellen und an der Ideologie ihres Reichspräsidenten zweifeln. Sicherlich ist es wichtig, das diktatorische Deutsche Reich als Gegenpol zu den demokratischen Vereinigten Staaten von Amerika darzustellen, doch sind alle Feinde nichts weiter als inhaltslose Hüllen. Da die Autoren bewiesen haben, dass sie auch auf der amerikanischen Seite Verständnis und Unverständnis für gefangene deutsche Soldaten zeigen wollen, fragen wir uns, warum man dieses Konzept nicht auf die ganze Kampagne ausgeweitet hat. Diese hat zudem das Problem, dass einige Szenen aus dramaturgischer Sicht mit übertriebenen Actionsequenzen ausstaffiert worden sind. Im ersten Spieldrittel entgleist beispielsweise ein Zug, sodass sämtliche Waggons physikalisch unkorrekt durch die Gegend fliehen. Ein wenig mehr Zurückhaltung und tiefgründige Ausarbeitung des Feindbildes hätten die interessante und spannende Story wesentlich glaubhafter machen können.

Abwechslungsreiches Gameplay

Immerhin ist das Gameplay abwechslungsreich gestaltet. Wir durchkämmen Schützengräben, Häuserruinen und Kellergewölbe, durchsuchen Bunker nach verschanzten Nationalsozialisten, retten Zivilisten sowie verwundete Soldaten, schalten Scharfschützen an erhöhten Positionen aus oder fordern Luftunterstützung im Kampf gegen die Artillerie an. Das einzige, was neben den meist grauen und braunen Texturen gleichbleibt, ist das grundlegende Gameplay. Auf der zweiten von insgesamt vier Schwierigkeitsstufen verkommen die gegnerischen Soldaten meist zu Schießbudenfiguren und die künstliche Intelligenz unserer Mitstreiter sorgt gerne mal dafür, dass sich beide Seiten offenbar fraternisieren, wenn sie nebeneinander stehen und sich gegenseitig nicht direkt an die Gurgel gehen. Trotzdem ist das Gameplay sehr dynamisch, da durch die Level-Architektur genügend Raum bleibt, damit wir verschiedene Taktiken versuchen können. Besonders in den Missionen, in denen wir ein Lager unbemerkt infiltrieren müssen, sind die verschiedenen Wege zum Ziel in den meist sehr überschaubaren Gebieten deutlich zu bemerken. Da macht es Spaß und nur Sinn, das Szenario später noch einmal auszuprobieren – schließlich dürfen wir abgeschlossene Aufgaben jederzeit aus dem Hauptmenü erneut spielen und dabei sogar den Schwierigkeitsgrad jedes Mal aufs Neue einstellen. Motivierend!

Spiel der alten Schule

Ebenfalls begrüßen wir den Schritt, von der automatischen Regeneration der Lebensenergie unserer Protagonisten abzuziehen. Stattdessen müssen wir wie am Ende der 1990er beziehungsweise Anfang der 2000er Jahre jederzeit auf unsere Energie achten und stets dafür sorgen, dass wir immer ein paar Medikamente dabei haben, um unsere Wunden zu versorgen. In den meisten Missionen kämpfen wir auch mit bestimmten Kameraden zusammen, die über Spezialfähigkeiten verfügen. Beispielsweise können wir so Verbandskästen anfragen, unsere Munition aufstocken, Granaten in die Hand gedrückt bekommen, Gegner markieren lassen oder Luftunterstützung anfragen, um die gegnerische Blockade zu durchbrechen. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich jeder hinter der nächsten Ecke verstecken und darauf warten konnte, bis die Gesundheitsleiste wieder bis aufs Maximum gefüllt wurde. In Call of Duty: WWII ist man jederzeit in Bewegung, da von allen Ecken und Enden Projektile durch die Luft fliegen und jede Kugel die letzte sein könnte, die unser Leben aushaucht. Obwohl der Schwierigkeitsgrad auf der zweiten Stufe in der Regel fast nie unfair ist, können uns die Ausnahmen den letzten Nerv rauben. Auf der Ludendorff-Brücke haben uns beispielsweise die Raketenwerfer so zugesetzt, dass wir kurz nach Laden des Kontrollpunkts ständig getötet worden sind.

Mannigfaltiger Mehrspielermodus

Ist der Spuk der Einzelspielerkampagne erst einmal vorbei, bietet das Action-Spiel mit großem Ego-Shooter-Anteil auch einen Mehrspielermodus, in dem man dutzende Stunden versinken kann. Unterschiedliche Modi wie Death Match, Capture the Flag oder Herrschaft sorgen dafür, dass trotz nicht funktionalem Matchmaking-System, so schnell keine Langeweile aufkommt. Auf mal und mal weniger großen Karten liefern wir uns schnelle Schusswechsel mit dem Feind und müssen dabei unter anderem verschiedene Missionsziele erfüllen, beispielsweise viele Treffer landen, ein Gebiet über einen bestimmten Zeitraum lang halten oder ein Objekt zu einem bestimmten Zielort bringen. Sämtliche Spielmodi sind in ihren Grundzügen schnell erlernt und da wir nach dem Ableben unserer Spielfigur in der Regel Sekundenbruchteile später schon wieder im Geschehen landen, ist der Mehrspielermodus wesentlich dynamischer und schneller als bei der Konkurrenz. Allerdings zieht Call of Duty: WWII nicht nur im Vergleich in puncto Inszenierung mit dem letztjährigen Rivalen Battlefield 1, sondern auch in diesem Jahr gegen Star Wars: Battlefront II den Kürzen. So große Karten, auf denen sich die Schlacht je nach Verlauf verlagert, gibt es im Action-Feuerwerk von den Entwicklerstudios Sledgehammer Games und Raven Software nicht. Spätestens beim nächsten Serienteil muss hier noch kräftig nachgelegt werden.

Intermezzo mit Zombies

Ganz besonders erwähnen möchten wir zum Schluss den Nazi-Zombie-Modus. Dieser hebt sich dank Schauergestalten noch einmal ganz besonders von der Historizität im Mehrspielermodus ab. Hier kämpfen wir kooperativ mit anderen Spielern gegen stetig anwachsende Gegnerhorden, die uns zum Frühstück verspeisen wollen. Für getötete Untote werden wir mit so genannten Schocks belohnt, die wir in Fähigkeitsverbesserungen oder andere Waffen investieren können. Der Modus macht sehr viel Laune, doch fragen wir uns, warum das Spiel für einen einzelnen Modus unbedingt neu gestartet werden muss. Technisch sollte das im Jahr 2017 kein Problem sein. Zwar gut, aber doch nicht ganz rund läuft Call of Duty: WWII auch sonst nicht. Während des Einzelspielermodus hatten wir einen nicht reproduzierbaren Absturz, der uns aber keine Umstände bereitet hat, da wir beim letzten Kontrollpunkt der Mission wieder ins Geschehen einsteigen konnten. Problematisch sind in solchen Fällen nur die teilweise langen Ladezeiten, da Zwischensequenzen beim Spieleinstieg nicht abgebrochen werden können. Hinzu kommt, dass das Spiel trotz ausreichender Hardware nicht immer flüssig läuft und zudem noch abseits der Figurenmodelle etwas veraltet wirkt. Hier kann man sich wieder eine Scheibe von der Konkurrenz abschneiden. Akustisch (neben mehreren Tonaussetzern im Finale) und steuerungstechnisch, sofern man die unsinnig voreingestellte Tastaturbelegung neu konfiguriert hat, gibt es hingegen nichts zu meckern.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Die letzten Ableger der Call-of-Duty-Reihe habe ich abseits von Call of Duty Modern Warfare Mobilized auf dem Nintendo DS (!) aufgrund des für mich zu langweiligen Settings nicht gespielt und als die ersten Serienteile erschienen, habe ich mich für den Zweiten Weltkrieg zumindest noch nicht ausreichend interessiert, um die Titel zum Spielen in Betracht zu ziehen. Der letzte Serienteil, der im Zweiten Weltkrieg spielte, liegt nun aber über zehn Jahre zurück und in zehn Jahren kann bekanntlich viel passieren – und so ist Call of Duty: WWII abgesehen von der Nintendo-DS-Exkursion tatsächlich meine erste Berührung mit dem Franchise. Mit dem Einzelspielermodus habe ich wirklich sehr viel Freude, da alle Missionen sehr spannend und interessant erzählt sind. Ich lerne meine Kameraden und Vorgesetzten sieben Stunden lang gut kennen und fiebere richtig mit den Charakteren mit. Warum man das Feindbild aber im direkten Kontrast so dermaßen eindimensional gestaltet hat, ist mir ein ebenso großes Rätsel, wie die maßlos übertriebenen Action-Sequenzen. Nach der Einzelspielerkampagne, so muss ich zu meinem Leidwesen gestehen, habe ich aber nicht mehr so viel Spaß mit dem Titel gehabt. Das Matchmaking-System im Mehrspielermodus funktioniert – ulkigerweise wie bei der Konkurrenz – vorne und hinten nicht und schmeißt mich direkt mit Spielern zusammen, die sich von meinem Können wesentlich unterscheiden. Immerhin sorgt der Nazi-Zombie-Modus dafür, dass man auch kooperativ Erfolge erzielen kann und in diesem Modus werde ich künftig wohl auch die meiste Zeit mit dem Spiel stecken. Dieses orientiert sich an vielen Ecken und Enden an früheren Ego-Shootern, in dem es noch mehr aufs Können und weniger aufs Glück ankam. Call-of-Duty-Fans der ersten Stunde dürfen bedingungslos zuschlagen, alle anderen müssen sich vorher jedoch gut überlegen, ob sie die Reise in die Vergangenheit (im doppelten Sinne) auf sich nehmen wollen.

Vielen Dank an Activision für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Call of Duty: WWII!

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