Review: SaGa: Scarlet Grace – Ambitions

Nachdem Romancing SaGa 2 und Romancing SaGa 3 eine Neuauflage für verschiedene Systeme spendiert bekamen und damit erstmals außerhalb Japans veröffentlicht wurden, schaffte es im Dezember 2019 auch Saga: Scarlet Grace – Ambitions nach Europa und Nordamerika.

Schon immer galt das SaGa-Franchise als experimentell, da es bereits zu seinen Anfängen auf Game Boy und Super Nintendo mit Genre-Konventionen brach. Viele dieser frischen Elemente konnte die Rollenspielreihe bis ins Jahr 2016 im zunächst nur für die PlayStation Vita veröffentlichte SaGa: Scarlet Grace konservieren. So stehen uns von Beginn an vier verschiedene Helden zur Auswahl, deren Rolle wir übernehmen können. Welcher Held beziehungsweise welche Heldin uns anvertraut wird, hängt von unseren Antworten ab, die wir noch vor dem eigentlichen Spielbeginnen auf verschiedene Fragen geben. So wird uns beispielsweise die Adelstochter Urpina Julanius zugewiesen, die ihr Zuhause und ihre Familie vor finsteren Angreifern beschützen muss. Hätten wir andere Antworten gegeben, würden wir wiederum in die Haut des Bauern Leonard, des Scharfrichters Balmaint oder der Keramikerin Taria schlüpfen. Jeder Charakter verfügt dementsprechend über eine eigene Hintergrundgeschichte, die den Wiederspielwert entsprechend vervierfacht. Wer allerdings keine Lust auf eine bestimmte Spielfigur hat, kann diese bei Spielstart deaktivieren oder bei Nichtgefallen der Zuweisung auch ganz einfach einen anderen Helden auswählen. Hinzu kommen über siebzig Nebencharaktere, die sich unserer Gruppe im Verlauf der ausgefeilten Handlung anschließen können.

Eine Reise durchs Märchenbuch

Hauptsächlich wird die Geschichte von SaGa: Scarlet Grace, die sich um den gefürchteten Firebringer und ein im Chaos versinkendes Imperium dreht, über rein englischsprachige Dialoge vorangetrieben. Die wichtigsten Dialoge sind – ebenfalls auf Englisch – vertont. Obwohl auch die englischen Sprecher zu den ihnen zugeteilten Rollen passen, finden wir es überaus schade, dass uns der gelungene japanische Originalton nicht einmal optional zur Verfügung steht. In den Gesprächen zwischen mehreren Charakteren wirkt das Rollenspiel teilweise wie eine Visual Novel und erinnert aufgrund der Gegenüberstellung der Figuren ein wenig an Fire Emblem: Three Houses und Co. Nachdem wir im Auftakt von SaGa: Scarlet Grace alle wichtigen Grundinformationen über unsere Spielfigur erlangt haben, werden wir in die Welt hinausgeschickt, wo das Abenteuer auf uns wartet. Im Gegensatz zu vielen anderen japanischen Rollenspielen erkunden wir in der stilistisch an ein Pop-up-Buch erinnernden Spielwelt jedoch keine Städte oder Dungeons. Stoßen wir auf eine neue Ortschaft, können wir uns dazu entscheiden, ob wir einen Dialog mit unserer Entourage oder Nicht-Spieler-Charakteren beginnen, den hiesigen Schmied aufsuchen oder uns gar zum Voranschreiten der Handlung in ein Gefecht stürzen wollen. Dies ist einerseits interessant, andererseits aber auch ungewohnt.

Einschränkendes, aber taktisch orientiertes Kampfsystem

Weniger gewöhnungsbedürftig ist wiederum das Gameplay von SaGa: Scarlet Grace – sofern ihr denn Romancing SaGa 2 bereits gespielt habt. Beispielsweise erlernen unsere Helden während des Kampfes durch Inspiration neue Fähigkeiten. Hinzu kommt, dass es wie in Final Fantasy II keine Stufenaufstiege im klassischen Sinne gibt. Stattdessen verbessern sich die Möglichkeiten der Charaktere je nach Waffeneinsatz und Schadenseinsteckung. Bei den rundenbasierten Kämpfen gibt es allerdings eine wichtige Neuerung, denn pro Runde stehen uns nur eine bestimmte, aber pro Zug stets ansteigende Zahl an Aktionspunkten zur Verfügung, die wir auf alle fünf Helden aufteilen müssen. Jede Angriffstechnik verschlingt eine andere Menge an Aktionspunkten, wodurch die Kämpfe inklusive Manipulation der Angriffsreihenfolge wie in Final Fantasy X stets taktisch bleiben. Neben den Trefferpunkten, die die Lebensenergie der Charaktere darstellen, gibt es auch in SaGa: Scarlet Grace einmal mehr Lebenspunkte, die mit jeder Niederlage einer Figur sinken. Sind diese aufgebraucht, kann der entsprechende Held nicht mehr am Kampf teilnehmen, bis wir eine Möglichkeit finden, den Umstand ungeschehen zu machen. So richtet sich der Titel vor allem an Fortgeschrittene und Profis, die sich in das teilweise ganz schön einschränkende Kampfsystem einarbeiten wollen.

Verpasste Möglichkeiten der Neuauflage

Ein weiterer Aspekt von SaGa: Scarlet Grace ist der schwankende Schwierigkeitsgrad, weshalb wir häufiges und jederzeit mögliches Speichern empfehlen. Vor jedem Kampf, den wir selbst auf Knopfdruck beginnen können, wird uns in drei Schwierigkeitsstufen visuell veranschaulicht, wie schwierig die kommende Auseinandersetzung sein wird. Dies ist aber kein Garant für einen Sieg, denn obwohl die Gegner zumindest in Angriffs- und Verteidigungswerten merklich leichter oder schwieriger zu besiegen sind, können sich diese auch wehrlose Opfer in unserer Gruppe aussuchen und den Kampf schnell zu ihrem Vorteil drehen. Hier hat es Square Enix versäumt, das Balancing bei der überarbeiteten und in puncto Story erweiterten Fassung anzupassen. Dies gilt leider auch für die technische Seite, denn abseits von einer höheren Auflösung und verkürzten Ladezeiten, hat sich nichts getan. Vor allem die spartanisch animierten Figuren erinnern an erste Gehversuche von Charaktermodellen der sehr frühen PlayStation-2-Zeit. Akustisch entschädigt das Abenteuer dafür mit dem meist gelungenen Soundtrack von Komponist Itō Kenji, der nur selten hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Unterm Strich bleibt SaGa: Scarlet Grace – Ambitions zwar ein gutes Spiel, doch wenn ihr noch nie Romancing SaGa 3 gespielt habt, solltet ihr zunächst dieses Meisterwerk nachholen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch- und PC-Fassung): SaGa: Scarlet Grace – Ambitions gehört zusammen mit Unlimited Saga aus dem Jahr 2002 für die PlayStation 2 zu den wohl ungewöhnlichsten Ablegern des Franchises. Manche Designentscheidungen werden wohl nicht jedem schmecken, denn ein Rollenspiel lediglich über eine Oberweltkarte ohne Erkundung von Städten und Dungeons zu strukturieren, kann leicht nach hinten losgehen. So erfüllt das Spiel – wie auch viele andere Episoden der Marke – nicht das typische Klischee und das will es auch gar nicht. Mich persönlich stört es nicht, die Story lediglich über Dialoge und Kämpfe voranzutreiben. Allerdings ist Square Enix das Balancing nicht gelungen, denn der Schwierigkeitsgrad schwankt trotz unterschiedlich starker Gegner zu stark. In meinen Augen wäre technisch ebenso mehr möglich gewesen, denn die steifen Animationen lockten selbst 2016 auf der PlayStation Vita niemanden hinterm Ofen hervor. SaGa: Scarlet Grace – Ambitions ist zwar in puncto Gameplay und Technik definitiv nicht der beste Teil der Reihe geworden, bietet dafür mit tollen Charakteren, spannenden Handlungsbögen und einer weitgehend passenden Musik genug Gründe, um dem Spiel durchaus eine Chance zu geben.

Vielen Dank an Square Enix für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von SaGa: Scarlet Grace – Ambitions!

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