Review: Harmony

Im Alter von 34 Jahren verstarb im Jahr 2009 der japanische Science-Fiction-Autor Itō Satoshi. Drei seiner vielen Werke wurden in der so genannten Project-Itō-Trilogie auch als Anime veröffentlicht. Das Mittelstück dieser Trilogie stellt der zweistündige Film Harmony dar.

Harmony respektive <harmony/>, wie der Film auf dem Cover stilisiert genannt wird, erzählt den Lebens- und Leidensweg der Helix-Inspektorin Tuan. Als solche ist es ihre Aufgabe, Risiken in Form von Genmanipulationen zu erkennen und zu beobachten. Tuan wird von einem Krisengebiet ins nächste geschickt. Unerlaubterweise betreibt sie Tauschgeschäfte mit der dort lebenden Bevölkerung, um an Genussmittel wie Alkohol oder Tabak zu gelangen. Bei diesem Unterfangen wird sie erwischt und zurück in ihr Heimatland Japan geschickt; ein Ort, den sie mehr als alles andere hasst. Hier wird dann auch gleich das ganze Ausmaß des futuristischen Szenarios deutlich. Die japanische Gesellschaft wird als Beispiel einer idealen Nation charakterisiert, in der es kaum mehr Anzeichen von Individuen gibt, weshalb Konflikte nahezu ausgeschlossen sind. Ablehnend diesem sterilen System gegenüber trifft Tuan in der japanischen Hauptstadt Tōkyō auf ihre alte Freundin Cian. Diese Verabredung nutzt die Story, um die Vergangenheit beider Figuren aufzuarbeiten. Hier erfährt der Zuschauer Einzelheiten über die Vergangenheit der Frauen, die sich in ihrer Jugend zusammen mit ihrer damaligen Freundin Miach umbringen wollten, um sich gegen das System aufzulehnen. Während Tuan und Cian von ihrem Suizid abgehalten werden konnten, verstarb Miach leider zu jener Zeit.

Aufgezwungener und freier Wille

Schuld an dieser Misere ist das ominöse WatchMe, das jedem Japaner nach seiner Geburt in den Körper eingepflanzt wird. WatchMe aktiviert sich im Erwachsenenalter automatisch und verhindert, dass der eigene Körper gesundheitliche Schäden nimmt. So und nicht anders wird die Gesellschaft als Geißel ihrer selbst gehalten. Harmony von den beiden Regisseuren Nakamura Takashi und Michael Arias spielt genauso mit philosophischen Fragen wie schon The Empire of Corpses, dem ersten Teil der Project-Itō-Trilogie. Dennoch verliert sich der Film nicht darin und erzählt von Anfang bis Ende eine stringente Geschichte, die lediglich hier und da mit kurzen Rückblenden unterbrochen wird. Verknüpft sind die philosophischen Fragen mit einer spannenden Kriminalgeschichte, denn kurz nachdem Tuan in Japan eintrifft, erschüttert eine Reihe von Suiziden die Bevölkerung. Tuan nimmt die Ermittlung auf und entdeckt, dass die schockierenden Ereignisse in gewisser Weise mit ihrer verstorbenen Freundin Miach zusammenhängen. Um den mysteriösen Selbstmord von tausenden Menschen aufzuklären, nimmt Tuan Kontakt mit Miachs Mutter und diversen Wissenschaftlern, darunter auch ihrem Vater, auf. Dadurch kommen immer mehr Details ans Tageslicht, die den nur mit reichlich hellen Farben gestalteten Film zu einem düsteren Erlebnis unter der Oberfläche machen.

Verschleierte Darstellung einer Dystopie

Im Gegensatz zu Filmen wie zum Beispiel Blade Runner, die ebenso ein dystopisches Abbild der Gesellschaft zeigen, setzt Harmony auf eine helle und weitgehend sterile Farbgestaltung. Allerhöchstens driftet das Werk von Studio 4°C in einzelnen Einstellungen in einen seichten Sepia-Effekt ab, lässt aber auch hier die hellen Farben durch. Stellenweise spielt der Science-Fiction-Film auch mit ein bisschen diffusem Licht, wodurch der Zuschauer zum Nachdenken über das undurchsichtige WatchMe-System angeregt wird. Für die dichte Atmosphäre ist jedoch auch der Soundtrack verantwortlich, der meist mit ruhigen Klängen im Hintergrund verbleibt und in den wichtigsten Szenen umso prägnanter aus den Lautsprechern ertönt. Gelungen ist ebenso die deutsche Synchronisation. Beispielsweise wird Protagonistin Tuan von Claudia Urbschat-Mingues gesprochen, ihr Vater hingegen von Sascha Rotermund. Wer Anime aber lieber im japanischen Originalton hört, freut sich hier über die Stimmen von Sawashiro Miyuki und Morita Junpei. Ärgerlich ist am Ende nur, dass Blu-ray-Käufer zugleich die im Paket enthaltene DVD bezahlen müssen. Eine Einzelveröffentlichung der Blu-ray gibt ist im deutschsprachigen Raum nicht vorgesehen. So spannend wie der erste Teil der Project-Itō-Trilogie ist Harmony zwar nicht, doch dafür umso tiefgründiger, vielschichtiger und nachdenklicher.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray- und DVD-Fassung): Harmony ist ein tiefgründiger Film über eine nach außen mit reichlich hellen Farben und idealen Vorstellungen verschleierte Dystopie, in der sich die Menschheit in der Zukunft einem System unterwirft und auf die freie Selbstbestimmung verzichtet. Verpackt in eine aufeinander aufbauende Kriminalgeschichte deckt die Protagonistin immer mehr Einzelheiten über diese Dystopie auf. Hinzu kommen die für Itō Satoshi typischen philosophischen Fragen, die hier neben dem Verzicht auf den freien Willen auch Suizid und Tod beinhalten. Ganz so spannend wie The Empire of Corpses, dem ersten Teil der Project-Itō-Trilogie, ist Harmony zwar nicht, doch ist die Geschichte deshalb nicht weniger mitreißend. Sie ist sogar tiefgründiger und vielschichtiger und regt noch einmal etwas mehr zum Nachdenken an. Science-Fiction-Fans, die sich philosophischen Fragen stellen wollen, dürfen Harmony also gerne eine wohlverdiente Chance geben.

Vielen Dank an Kazé Anime für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Harmony!

2 Kommentare zu “Review: Harmony

  1. Ich muss den Film auch unbedingt mal sehen, vor allem, weil das Charakterdesign von redjuice ist und der ist wohl einer meiner Lieblingszeichner. Was er bei Guilty Crown geschaffen hat, ist großartig :D!

    #NintendoSwitchLite

  2. Ich bin gerade etwas überrascht, dass laut UI scheinbar die dritte Person Tuan ist, sie sieht nicht gerade wie eine Alkohol- und Tabakdealerin aus xD
    Der Animestil gefällt mir, sieht sehr hochwertig aus. Aber irgendwie bin ich es bei Anime-SciFi gewohnt, dass der Animationsstil, unabhängig vom eigentlichen Alter der Serie, „etwas älter und dreckiger“ wirkt (Bsp. GitS, Akira, könnte ich mir in dem Stil nicht vorstellen).
    Dass die Blu-Ray nur mit DVD verkauft wird ist echt seltsam…

    OT: Habt ihr eigentlich mal überlegt, das Kommentarsystem auf der Seite umzustellen, z.B. auf Disqus? Dass man keine Mails von Antworten erhält, wenn man sie nicht abonniert, ist zwar superuserfreundlich, aber eher bei Seiten relevant, die jeden Tag rund 50+ Kommentare erhalten, so hat man eher mehr Arbeit, da man jedes Mal per Mail bestätigen muss, dass man auch wirklich bei einer Antwort informiert werden will :/

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