Review: Horizon: Forbidden West

Im Jahr 2017 heimste das niederländische Entwicklerstudio Guerilla Games mit dem Action-Rollenspiel Horizon: Zero Dawn Bestwertungen ein. Fünf Jahre später versuchen die Niederländer diese Glanzleistung mit dem Nachfolger Horizon: Forbidden West zu wiederholen.

Während viele große Marken wie Uncharted und Co in jedem Abenteuer eine nahezu neue Geschichte erzählen, die sich nur bedingt auf die vorherigen Ereignisse bezieht, geht Horizon: Forbidden West in die entgegengesetzte Richtung des Weges. Etwa ein halbes Jahr nach den Geschehnissen der ersten Serienteils spinnt der Titel die Story fort, indem er an den wichtigsten Punkten anknüpft. Wer Horizon: Zero Dawn noch nicht durchgespielt hat, sollte zum Vermeiden von Spoilern direkt zum nächsten Absatz springen. Nachdem wir uns mit Protagonistin Aloy im Vorgänger stundenlang durch das Nordamerika des 31. Jahrhunderts gekloppt und die Stadt Meridian vor der künstlichen Intelligenz Hades gerettet haben, stehen wir zu Beginn von Horizon: Forbidden West vor einem ähnlichen Problem. Eine Seuche befällt sowohl die Flora als auch Fauna und alles scheint mit Hades zu tun zu haben, der von dem nicht durchschaubaren Sylens in letzter Minute gerettet wurde. Um der Sache auf den Grund zu gehen, folgen wir Sylens in den titelgebenden verbotenen Westen. Während wir dort zum Aufrechterhalten des Friedens zwischen den einzelnen Stämmen zunächst vage einer Delegation folgen, stoßen wir nach etwa zwei Stunden Spielzeit neben dem angeschlagenen Hades auf eine weitere künstliche Intelligenz, die den drohenden Kollaps der Biosphäre aufzuhalten versucht.

Atmosphärische Spielwelt voller tiefgründiger Charaktere

Grundsätzlich ist die Geschichte von Horizon: Forbidden West durchaus spannend erzählt und bietet so einige Überraschungen. Haben sich schon beim ersten Teil die Ereignisse gegen Ende derart überschlagen, versucht dessen Nachfolger das noch einmal zu toppen. So ganz gelingt dem Storytelling das aber nicht. Teilweise fühlen sich einige Wendungen viel zu gewollt an und machen den Eindruck, dass die Drehbuchautoren diese nur eingebaut haben, um dem Publikum ein noch größeres Universum zu suggerieren. Schlecht ist die Geschichte aber auf keinen Fall, denn neben bekannten und aus dem ersten Teil bereits liebgewonnenen Charakteren wie Trunkenbold Erend oder Kanonierin Petra treffen wir im verbotenen Westen auch auf einige neue Gesichter. Auch diese Figuren sind fantastisch geschrieben. Hierzu zählen zum Beispiel der einarmige Krieger Kotallo, der den Verlust seines Extrems betrauert. Auch die Wahrsagerin Alva, die von jenseits des Pazifiks stammt, hat eine tragende Rolle im Spiel. So ergibt sich abermals ein stimmungsvolles Gesamtbild, das atmosphärisch und inhaltlich außer Konkurrenz von vielen anderen Open-World-Spielen steht. Wer alle Aufgaben in Horizon: Forbidden West erledigen will, wird ungelogen um die einhundert Spielstunden gut beschäftigt sein. Die Hauptstory nimmt von diesen einhundert Stunden leider nur einen Bruchteil ein.

Abwechslungsreiches Vernichtungsrepertoire

Beim Gameplay unterscheidet sich das Action-Rollenspiel ähnlich wie bei der Story nicht so stark vom Vorgänger und führt das Konzept rigoros fort. Mit Aloy erkunden wir die Spielwelt und machen Jagd auf Maschinen, die rezenten und bereits ausgestorbenen Tieren nachempfunden sind. Letzteres zeigt sich womöglich auch in ihrem Verhalten, sodass wir erneut gut abwägen müssen, ob wir eine Maschine eher im Nahkampf oder doch lieber aus der Ferne bearbeiten wollen. Die meisten Gegner müssen wir, da sie einfach zu groß, zu stark oder zu robust sind, ohnehin mit Pfeil und Bogen bekämpfen. Hierfür stehen uns unterschiedliche Bögen zur Verfügung, mit denen wir den Gegnern verschiedene Statuseffekte auferlegen können. Säure frisst sich durch die metallene Rüstung, Feuer lässt sie in Flammen aufgehen, schockende Elektrizität macht sie mitunter bewegungsunfähig und Eis lässt sie gefrieren, damit wir noch mehr Schaden anrichten können. Zusätzliche Hilfen wie Stolperfallen und Waffen wie über Schleudern geworfene Bomben oder der neue Häckslerhandschuh, der bumerangartig dünne, aber scharfe Scheiben auf den Feind feuert, komplettieren das Angebot der Möglichkeiten. Noch mehr wie im ersten Teil haben wir in Horizon: Forbidden West wirklich das Gefühl, dass jede einzelne Waffe etwas ausrichten kann. Dies hat zwei wichtige Gründe.

Effektives Bekämpfen von Maschinen

Beim ersten Grund handelt es sich um den wesentlich geringeren Schwierigkeitsgrad auf der normalen Stufe. Hielten vor allem die größeren Maschinen in Horizon: Zero Dawn noch deutlich mehr aus, haben diese gefühlt nun weniger Lebenspunkte. Hinzu kommt, dass wir jeden Maschinengegner wie im ersten Teil scannen und so Schwachstellen herausfinden können. Neu ist jedoch, und das ist der zweite wichtige Grund, dass wir die wichtigsten Bauteile der Maschinen nun auch markieren dürfen. Wissen wir also, dass eine Maschine an einer Stelle besonders anfällig für Elektrizität ist, können wir das entsprechende Bauteil nun einfach permanent markieren und gezielt aufs Korn nehmen. Eine andere Möglichkeit wäre, an den Maschinen verbaute Waffen abzuschießen und diese anschließend gegen sie einzusetzen. Auch weitere Fähigkeiten, die wir im Menü für durch Stufenaufstiege und abgeschlossene Quests erhaltene Fähigkeitspunkte erlernen dürfen, tragen ihren Teil zum effektiven Waffenhandling bei. So können wir beispielsweise mehrere Pfeile auf einmal abschießen. Neu dabei sind die Mutstöße, mit denen wir unsere Angriffskraft kurzzeitig erhöhen oder unsere Wunden heilen können. Dafür müssen wir im Kampf jedoch durch (erlittene) Treffer erst einmal Mut aufbauen. Die letzteren beiden Möglichkeiten erweisen sich im Test aber nur als obsolete Dreingabe.

Orientierung an der Metroid-Reihe

In vielen anderen Belangen befindet sich Horizon: Forbidden West auf demselben Niveau wie sein Vorgänger. Unter anderem können wir aus dem Gebüsch lautlose Schläge ausführen und in Intervallen erlernen wir wieder durch den Besuch von so genannten Brutstätten und über das Sammeln von Maschinenbauteilen die Option, fast alle im Spiel enthaltenen Maschinen auch zu überbrücken und sie defensiv oder aggressiv gegen unsere Feinde einzusetzen. Außerdem gibt es wieder einmal Jagdgebiete, in denen wir unsere Techniken verfeinern dürfen. In einer Arena können wir dann unsere ganze Kraft unter Beweis stellen. Noch dazu gibt es an allen Ecken und Enden Collectibles einzuheimsen. Hierfür haben sich die Entwickler auch leichte Elemente aus der Metroid-Reihe ausgeborgt. Bestimmte Zugänge sind so lange versperrt, bis wir die Story zu einer wichtigen Stelle vorangetrieben haben und dort erst die Möglichkeit erlernen, Mauern in die Luft zu sprengen, Ranken vor Eingängen zu entfernen oder ohne Luft zu holen zu tauchen. Ja, in Horizon: Forbidden West können wir in Seen, Flüssen, überfluteten Anlagen der alten Welt und im Pazifik auf Tauchstation gehen. Einzig und allein an Kämpfe unter Wasser haben die Entwickler nicht gedacht. Hier hilft tatsächlich nur die Flucht. Ansonsten machen die Tauchgänge aber vor allem für Erkundungsfreudige viel Spaß.

Gute und schlechte Seiten einer Fortsetzung

Kurz vor Ende des Spiels erhalten wir die Möglichkeit, die Welt aus einem weiteren Blickwinkel zu erkunden. Diese Option haben die Entwickler unterschätzt. Zudem ist sie für zu wenige Aufgaben wirklich nötig. In puncto Steuerung zeigen sich dieselben Defizite wie beim Vorgänger. Außerdem treten auch neue Probleme auf. Beispielsweise geht die Übersicht beim Kampf gegen mehrere Maschinen schnell flöten und auch das Scannen der Gegner funktioniert in dieser Hektik überhaupt nicht. Beim Fortbewegen können wir an deutlich mehr Stellen klettern, aber auch hier fallen das hakelige Greifen von neuen Punkten und Stellen, an denen wir zur nächsten Plattform hüpfen können, negativ auf. Freies Klettern wie in The Legend of Zelda: Breath of the Wild gibt es nicht, hätte dem Spiel aber gut getan. Keinesfalls beklagen können wir uns über die restliche Technik. So gehört der Titel auf der PlayStation 5 zu den hübschesten Spielen, die zudem flüssig laufen. Die Ladezeiten sind mit maximal drei Sekunden sehr kurz und die Bewegungsanimationen der Charaktere überzeugen in den Zwischensequenzen. Auch die aus dem Vorgänger bekannten guten deutschen Synchronsprecher und der fabelhafte Soundtrack fügen sich nahtlos in das schöne Mosaik ein. Es gibt fast keinen Grund, der gegen einen Kauf von Horizon: Forbidden West spricht. Nur den Vorgänger solltet ihr gespielt haben, denn sonst werdet ihr die fortgeführte Story kaum würdigen können.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-5-Fassung): Horizon: Zero Dawn gehört trotz seiner Macken bis heute zu den besten PlayStation-4-Spielen. Ob ich dasselbe über Horizon: Forbidden West in fünf Jahren sagen kann, vermag ich jetzt noch nicht zu entscheiden. Fakt ist, dass Guerilla Games auch mit dem zweiten Teil ein sehr gutes Spiel gelungen ist. Dass die Story fortgeführt wird und sich stark auf die Geschehnisse des Vorgängers bezieht, ist für ein solch großes Spiel zugleich mutig als auch bewundernswert. Wer die bisherige Story gar nicht kennt, wird daher viele Zusammenhänge nicht verstehen. Da hilft auch die gut gemeinte, aber viel zu knappe Einleitung zu Beginn nicht. Am Gameplay haben die Entwickler nur bedingt geschraubt, aber es sehr wohl verfeinert. Mir gefallen die zahlreichen Kampfoptionen schon alleine aufgrund des Markierens der Bauteile der Maschinen deutlich besser als im Vorgänger. Das Action-Rollenspiel fühlt sich dadurch sehr viel angenehmer zu bewältigen an. Auch die leichten Metroid-Anleihen, sprich wie sich die Welt mehr und mehr öffnet, wissen zu überzeugen. Besonders von der Option, zu tauchen und auch versunkene Ruinen zu erkunden, bekomme ich als Wasserratte einfach nicht genug. Wirklich schade finde ich nur, dass die Hauptstory trotz unvorhersehbarer Überraschungen an einigen Stellen zu gewollt wirkt. Daher fühlt sich so manch wichtiger Moment nur als solcher an, weil es den Autoren gerade in den Sinn gepasst hat, um die Story auf eine neue, vielleicht sogar ein wenig abgedrehte Ebene zu hieven. Dies ist aber nur der kalte Tropfen auf den heißen Stein, denn trotz seiner durchaus vorhandenen Mankos macht Horizon: Forbidden West wie sein Vorgänger jede Menge Spaß!

Vielen Dank an Sony Interactive Entertainment für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Horizon: Forbidden West!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s