Special: In der Abstellkammer: Nintendos vergessene Charaktere

Seitdem Nintendo in der Videospielindustrie mitmischt, sind dem Konzern hunderte Spielfiguren eingefallen. Ein paar davon verschwanden jedoch schneller in der Versenkung als manchem Fan lieb war. Es folgt ein Blick auf Charaktere, die in der Abstellkammer landeten.

Wer an Nintendos Marken denkt, verknüpft diese unmittelbar mit unverwechselbaren Charakteren. Berühmtheiten wie das Allroundtalent Super Mario kennen selbst Menschen, die noch nie ein Videospiel in Händen hielten geschweige denn gespielt haben. Spielfiguren wie Super Mario sind Stellvertreter ihrer Zunft und regelrechte Kulturgüter. Sie sind Teil des kollektiven Gedächtnisses. Selbst wenn Nintendo von einem Tag auf den anderen damit aufhören sollte, seinen Klempner in jedes zweite, dritte oder gar vierte Spiel zu stecken, würde ein Großteil der Gesellschaft ihn auch noch in fünf, zehn oder zwanzig Jahren kennen – nicht nur in Japan, sondern überall auf der Welt. Das kollektive Gedächtnis vergisst sowohl große Ereignisse als auch bedeutende Werke nicht so schnell. Nintendo hat seit der Geburt von Super Mario anno 1981 im Automatenklassiker Donkey Kong keine Kosten und Mühen gescheut, seinen Helden berühmt zu machen. Durch Nintendos Expansion in den Themenparksektor, einen geplanten Animationsfilm und jeder Menge Merchandise-Artikel besteht sogar die Möglichkeit, dass der Klempner eines Tages berühmter als die Disney-Ikone Micky Maus sein könnte. Durch diesen verstärkten Fokus auf wenige Charaktere verkommen neue Figuren gelegentlich zur Randnotiz, bis sie am Ende in der Abstellkammer landen und dort jahrzehntelang Staub fangen.

Kurzlebige Karriere mit gescheiterten Comeback-Versuchen

Einer der prominentesten Charaktere aus dem Hause Nintendo dürfte wohl oder übel der Affe Donkey Kong Jr. sein, der seinen ersten Auftritt im gleichnamigen Videospiel aus dem Jahr 1982 hatte. Nach den Geschehnissen in Donkey Kong hat Klempner Mario den Spieß umgedreht und Donkey Kong kurzerhand in den Käfig gesperrt. Die Aufgabe des Spielers ist in diesem Falle, den Gorilla aus seinem Gefängnis zu befreien. Eine Handvoll Levels später ist der Spuk vorbei, doch durfte Donkey Kong Junior nie die Solokarriere wie sein vermeintlicher Vorfahre starten. Nach dem nur ein Jahr später veröffentlichten Donkey Kong Jr. Math stürzte der aufkeimende Star so stark ab, dass er nur noch Nebenrollen annehmen konnte. Am ehesten wird er Nintendo-Fans noch als spielbarer Fahrer in Super Mario Kart bekannt vorkommen. 1994 scheiterte sein Comeback im stark erweiterten Game-Boy-Remake von Donkey Kong. Nach den beiden Auftritten im Virtual-Boy-Spiel Mario’s Tennis von 1995 und im Nintendo-64-Titel Mario Tennis aus dem Jahr 2000 verschwand er schließlich aus der Riege der spielbaren Helden. Dass der kleine T-Shirt-Träger aber immer noch mitmischen will, ist an zahlreichen Cameos, sprich Kurzauftritten, zu sehen. Beispielsweise jubelt er in Mario Kart: Double Dash!! seinen früheren Rennfahrerkollegen in der Waluigi-Arena aus dem Publikum zu.

Gerade noch gut für Cameos

Noch härter dürfte es Donkey Kongs Gegenspieler Stanley getroffen haben. In Donkey Kong 3 aus dem Jahr 1983 muss Stanley mit Insektenspray bewaffnet die Krabbelviecher bekämpfen, die sein Rivale in Stanleys Treibhaus wirft. Danach wurde es viele Jahre still um Stanley. Seine Arbeitslosigkeit drängte ihn dazu, drei kurze Jobs in der WarioWare-Reihe anzunehmen. Hier taucht Stanley tatsächlich nur wenige Sekunden in den Mikrospielen der Minispielsammlung auf. Wenigstens würdigte Nintendo den Charakter bereits 2001 in Super Smash Bros. Melee mit einer Trophäe. Seinen letzten Auftritt hatte der Kammerjäger übrigens erst 2018 in Super Smash Bros. Ultimate für die Switch, wo er schon als Geist herumspukt – auch eine Option, eine Spielfigur sterben zu lassen. Auf einen spielbaren Auftritt mehr kommt der Samurai Takamaru aus The Mysterious Murasame Castle von 1986. Nintendo hat es offensichtlich gereicht, Takamaru das titelgebende Schloss einmalig vom Bösen befreien zu lassen, bevor das Franchise quasi eingestellt wurde. Lediglich in der Wii-Fassung von Samurai Warriors 3 konnte Takamaru noch einmal sein Katana rasseln lassen. Ansonsten teilt er das Schicksal von Stanley und Donkey Kong Jr. und hat höchstens noch vereinzelte Cameos wie in Captain Rainbow, Nintendo Land, Super Mario Maker 2 oder Super Smash Bros. Brawl.

Bekannt als Helfer, als Fiesling fast vergessen

Etwas bekannter dürfte die Riesenkröte Wart sein, die in Yume Kōjō: Doki Doki Panic seinen ersten Auftritt hatte. In Nordamerika und Europa wurde das kuriose Jump ’n’ Run Teil des Super-Mario-Universums und als Super Mario Bros. 2 veröffentlicht. Spielbar war Wart im Gegensatz zu den anderen in diesem Special erwähnten Helden übrigens nie. Er fristete im Jahr 1988 zunächst sein Dasein als Bösewicht mit Hass auf Gemüse, danach schien er sich jedoch zu besinnen und wollte auch mal die Rolle des freundlichen Helferleins einnehmen. So bringt er mit seinem Cameo in The Legend of Zelda: Link’s Awakening Held Link ein sehr wichtiges Lied zum Spielen auf der Flöte bei, damit dieser sein Abenteuer auf der Insel Cocolint zum Abschluss bringen kann. Daran hat sich auch im Remake auf der Switch nichts geändert. Warum Nintendo den Froschkönig 2018 in Super Smash Bros. Ultimate allerdings in Willi umgetauft hat, nur um ihn im Remake von Link’s Awakening ein Jahr später wieder bei seinem ursprünglichen (europäischen) Namen zu nennen, ist äußerst fraglich. Ob Wart jemals die Hauptrolle in einem Spiel übernehmen wird, darf bezweifelt werden. Trotzdem ist der einstige Fiesling zu mehr imstande und dürfte sich gerne mal mit Bowser in einem Rollenspiel des Franchises verbünden. Die Rückkehr könnte hier mit viel Humor gefeiert werden.

Verschwundene Lebenszeichen

Apropos Rollenspiele: Im Super-Nintendo-Klassiker Super Mario RPG: Legend of the Seven Stars tauchen gleich zwei spielbare Helden auf, an die kaum jemand noch auch nur einen Gedanken verschwendet. Gemeint sind der wolkenförmige Mallow und der puppenähnliche Geno. Während Mallow wie etliche andere vergessene Charaktere ebenfalls in Nintendos Franchise-Orgasmus Super Smash Bros. Ultimate immerhin noch als Geist in Erscheinung tritt, kann Geno ein paar Cameos mehr verzeichnen. Wer den Namen Michael „Mike“ Jones hört, wird womöglich an einen US-amerikanischen Rapper denken. Dass dies auch der Name des Protagonisten in StarTropics und Zoda’s Revenge: StarTropics II ist, wissen wohl nur die wenigsten. Zweimal hat er die Welt gerettet, doch das scheint Nintendo wirklich genug zu sein. Seit 1994 gibt es kein Lebenszeichen vom jugendlichen Draufgänger Mike, weshalb davon ausgegangen werden darf, dass er sich inzwischen im vorzeitigen Ruhestand befindet und sich ein Altersheim mit zahlreichen Persönlichkeiten aus 1080° Snowboarding, F-Zero und Wave Race teilt. Eine Schweigeminute für Hayami Akari, Ricky Winterborn und Monique L’Amoreaux Arrow ist dennoch angebracht, da Nintendo – trotz jährlicher Proteste und Hoffnungen vor und nach der E3 – keine Anstalten macht, die drei Franchises fortzuführen.

Ausradiert aus dem kollektiven Gedächtnis

Arbeitslos ist auch Tin Star aus dem gleichnamigen Super-Nintendo-Spiel. Als Eintagsfliege abgestempelt kennen Sheriff Tin Star heute nur die wenigsten Nintendo-Fans, obwohl der Titel 1994 regelrechten Gebrauch vom Super Scope und der Super-Nintendo-Maus gemacht hat. Einen Charakter aus dem Hause Nintendo kennt aber tatsächlich niemand (mehr). Die Rede ist vom Prince of Hyrule, wie er in der englischsprachigen Anleitung von Zelda II: The Adventure of Link heißt. Im Action-Adventure taucht diese Figur nicht auf – und das obwohl er für das tragische Ereignis im Spiel verantwortlich ist! Laut Story wurde er nach dem Tod seines Vaters neuer König von Hyrule, doch wurde ihm die Kraft des Triforces nicht übertragen. Ein böser Magier hätte den Prinzen unterstützt, doch wäre die Hilfe seiner Schwester Zelda nötig gewesen, die sie jedoch verwehrte. Aus keinem anderen Grund hat der Magier sie in tiefen Schlaf versetzt, weshalb Link sie aus dem Schlummer zurückholen soll. Nintendos vergessene Charaktere könnten also nicht vielfältiger sein. Viele versuchen mit Kurzauftritten im kollektiven Gedächtnis zu bleiben, andere wiederum halten als Randnotizen her und in seltenen Fällen existieren sie offenbar nicht einmal. Es bleibt zu hoffen, dass Nintendo sich seinem großen Ideenfundus bewusst ist, alten Figuren eine zweite Chance gibt und ihre Karrieren nicht beendet, bevor diese überhaupt erst angefangen haben. Sonst enden sie noch wie der in Vergessenheit geratene Prince of Hyrule – und das kann definitiv nicht im Interesse des Erfinders sein.

Geschrieben von Eric Ebelt

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