Bereits 2011 erschien die Schnetzelorgie Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden unter anderem für die PlayStation 3. Anderthalb Jahrzehnte später erhält das Werk eine Portierung auf die Switch 2 und weitere Konsolen – inhaltlich bleibt daneben jedoch leider alles beim Alten.
Das Abenteuer unserer drei Helden Eradan, Farin und Andriel beginnt wenige Tage, bevor Frodo im Gasthaus Zum tänzelnden Pony in Bree eintrifft, um mit Aragorn nach Bruchtal zu reisen. In jenem Gasthaus treffen wir ebenso auf besagten Waldläufer, der darauf pocht, Streicher genannt zu werden. Unsere Gefährtenrunde berichtet ihm, dass eine Gruppe Dúnedain an der Sarnfurt von bösen Schergen überfallen wurde, angeführt von Agandaûr, einem dunklen Gefolgsmann Saurons. Aragorn erkennt, dass der Ring im Auenland nicht mehr sicher ist. Er schickt unsere Helden aus, um die Waldläufer an der Sarnfurt zu unterstützen. Daraus entwickelt sich im Handlungsverlauf peu à peu ein Feldzug gegen Agandaûr und seine Streitmacht, denn Saurons Arm reicht nicht nur nach Gondor und Rohan. Der Krieg wütet im Norden Mittelerdes und Eradan, Farin und Andriel müssen alles dafür tun, damit die Gemeinschaft des Rings von Bruchtal aus gefahrlos in den Süden reisen kann, damit schlussendlich der Ring in den Feuern des Schicksalsberges zerstört wird und der Frieden wieder in der Welt einkehrt. Die Story von Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden spielt somit parallel zu den drei Bänden des Fantasy-Epos beziehungsweise zu den drei Spielfilmen von Regisseur Peter Jackson. Diese Verbundenheit spüren wir, denn in Orten wie Bree und Bruchtal treffen wir nicht nur auf Teile der Gefährten, sondern auch auf bekannte Gesichter wie Elrond, Arwen oder Bilbo.
Handlung mit atmosphärischen Schwächen
Diese Begegnungen motivieren uns, der Geschichte zu folgen und dabei Bruchstücke der Ring-Saga zu erfahren respektive zu erleben. Dabei haben die Entwickler aber einen entscheidenden Fehler gemacht, denn viele Dialoge und auch die teils fehlplazierten Synchronsprecher versprühen nicht annähernd das Gefühl, welches wir von einem Spiel im Der-Herr-der-Ringe-Universum erwarten. Gespräche wirken oft aufgesetzt, in seltenen Fällen unterhalten sich auch schon mal zwei Charaktere mit einer gemeinsamen Stimme und gelegentlich vergessen die Charaktere auch, ihre Lippen zum Sprechen zu bewegen. Während die Handlung theoretisch spannend klingt, ist es im Grunde aber nur ein Abklappern von mal mehr und mal weniger bekannten Orten aus Buch und Film. Während sich der Anfang unserer Meinung nach unnötig in die Länge zieht, können die letzten Abschnitte mit guter Storyline wiederum absolut überzeugen. Insbesondere die Stellen in der Zwergenfeste Nordinbad wissen zu glänzen. Das eigentliche Ende wirkt wiederum ein wenig befremdlich, denn im Spiel wird an keiner Stelle deutlich, dass mehr als ein Jahr vergangen ist, seitdem unsere drei Gefährten von Bree aufgebrochen sind. Zugegeben – das hat auch Peter Jackson mit seinen drei Filmen nicht geschafft. Dafür steht der Titel aber in Einklang mit den cineastischen Kampfszenen, denn Orks, Trolle, Untote und alle anderen Ungeheuer werden brutal bekämpft und hingerichtet.
Falscher Zauber
Das Blut bleibt dabei schwarz, rote Grütze ist nie zu sehen. Da stört uns schon mehr, dass die Entwickler es nicht geschafft haben, Tolkiens Zauberwelt richtig zu interpretieren. Von der ganzen Magie, die von Hoffnung und Dunkelheit bestimmt wird, ist in Der Krieg im Norden nur wenig zu sehen. Dies ist zwar ein schwieriges Unterfangen, aber absolut möglich: Der Herr der Ringe Online macht dies seit 2007 vor. Hier hätten sich die Entwickler hervorragend inspirieren lassen können. Trotzdem lassen sich diese negativen Punkte fast allesamt vergessen, sobald wir uns einmal im durchaus launigen Kampfgetümmel befinden. Nachdem wir uns im Startmenü für einen der drei Charaktere entschieden haben, welche in die drei unterschiedlichen Klassen des Waldläufers (Mensch Eradan), des Champions (Zwerg Farin) und der Lehrmeisterin (Elbin Andriel) eingeteilt sind, dürfen wir uns ins Geschehen stürzen. Während wir in den Städten das Aussehen unserer Charaktere jederzeit verändern können und die Handlung ins Rollen bringen, treiben wir diese erst in den umliegenden Gebieten wie den Hügelgräberhöhlen oder den Ruinen von Fornost wirklich voran. Dort metzeln wir uns regelrecht durch Orkhorden. Mit einfachen Schlägen schwächen wir unsere Gegner und sobald ein gelbes Dreieck über dem Kopf des Feindes erscheint, heißt es, einen starken Angriff zu starten, bei dem es sich in vielen Fällen um einen Finalschlag beim jeweiligen Gegner handelt.
(Un)talentierte Gemeinschaft
Zudem können wir einen Adler zur Unterstützung rufen, um Feinde aus dem Weg zu räumen. Für jeden besiegten Gegner erhalten wir Erfahrungspunkte. Haben wir genügend Bestien ins virtuelle Nirwana geschickt, steigen wir eine Stufe auf. Für jeden neuen Level dürfen wir drei Punkte auf Attribute wie Stärke, Wille, Geschick oder Ausdauer verteilen. Diese Verteilung ist wichtig, da diese darüber entscheidet, welche Ausrüstung wir tragen dürfen. Auf jeder Stufe ist es uns zudem erlaubt, einen Punkt auf eine Spezialfähigkeit zu verteilen. So meistern wir mit Waldläufer Eradan Talente wie den Waldläuferschlag, um mehr Schaden bei unseren Feinden anzurichten zu können – oder wir erlernen eine Fertigkeit, um mehrere Gegner auf einmal umzuwerfen. Diese Fähigkeiten sind zahlreich und vor allem abwechslungsreich – das erhöht den Wiederspielwert. Wir dürfen uns aber keinesfalls entspannt zurücklehnen, wenn wir einen Level aufgestiegen sind. Die Gegner schrecken nicht vor unfairen Angriffen zurück. Da werden wir schon mal öfters in die Ecke gedrängt und todgeprügelt oder sofort umgeworfen, wenn wir nach einem Sturz aufstehen möchten. Wenn wir im Sterben liegen, ist das Spiel aber nicht zwangsweise vorbei. Da wir stets von zwei Computercharakteren begleitet werden, könnten uns diese theoretisch wiederbeleben. Die künstliche Intelligenz der Gegner ist aber ebenso unfair zu unseren stupiden Gefährten, weshalb das oft nicht gelingen mag. Immerhin ist es in der Legacy Edition von Der Krieg im Norden möglich, auf Knopfdruck zu den anderen beiden Figuren zu wechseln. Das Problem wird also auf uns verlagert anstatt es zu lösen.
Brenzlige Situationen
Um uns wiederzubeleben, muss sich einer unserer Gefährten für ein paar Sekunden neben uns aufhalten. In dieser Zeitspanne wird jener Charaktere höchstwahrscheinlich von einem Gegner zu Boden geworfen oder gar getötet, da die Spielfigur anschließend sofort wieder versucht, uns neues Leben einzuhauchen, anstatt den Angreifer zu bekämpfen. Auf diese Weise ist ein Neustart ab dem letzten Kontrollpunkt unumgänglich. Die beschriebene Situation passiert bei jeder Sitzung öfters und ist nervig, zumal alle Erfolgserlebnisse zurückgesetzt werden. Gefundene Ausrüstung muss neu angelegt werden – wenn wir sie überhaupt wieder finden, denn viele Objekte sind rein zufällig platziert. Auch Punkte nach Level-Aufstiegen müssen neu verteilt werden. Wir verstehen nicht, wie die Entwickler diesen gravierenden Fehler bei der Qualitätssicherung übersehen haben. Wir merken an allen Ecken und Kanten, dass der Titel in erster Linie auf den kooperativen Mehrspielermodus setzt. In diesem können wir uns lokal mit einem Mitspieler auf der Couch absprechen oder das Abenteuer mit zwei Mitstreitern online angehen. Tode sind so definitiv sehr viel seltener und das oft immer gleich ablaufende Standardprogramm der vom Computer gesteuerten Charaktere ist dann auch passé. Sind wir mit menschlichen Mitspielern in Mittelerde unterwegs, macht das Erkunden der Spielwelt weitaus mehr Spaß. Dunkle und gefährliche Ecken müssen wir nun nicht mehr meiden, da Unterstützung von Freunden oder fremden Spielern jederzeit gewährleistet werden kann.
Lineare Areale
Außerdem sehen vier beziehungsweise sechs Augen mehr als nur zwei, denn hin und wieder nehmen wir in den Städten auch Nebenaufträge an, bei denen wir zum Beispiel die Heilpflanze Athelas pflücken oder Edelsteine sammeln müssen. Diese finden wir zwar auch alleine sehr gut, doch einige der Quest-Gegenstände lassen sich nur abseits der gradlinigen Wege finden. Die Verstecke sind dementsprechend manchmal schwer zu finden, doch das motiviert uns, das jeweilige Spielgebiet genauestens zu erkunden. Dafür hagelt es Belohungen, sprich seltene Ausrüstungsgegenstände, die wir nicht im Laden kaufen können. Das lohnt sich, da wir in einigen Fällen erst Stunden später eine bessere Ausrüstung finden. Obwohl die Level-Architektur auf schmalspurige Strecken ausgelegt ist, gibt es hier und da Abzweigungen zu entdecken. Diese Wege führen uns jedoch immer zum gleichen Ziel. Wir finden es zudem schade, dass wir ab einem bestimmten Punkt im Areal nicht mehr in das zurückliegende Gebiet reisen können. Haben wir etwas verpasst, ist das gesuchte Objekt unwiderruflich verloren. Das hätten die Entwickler überdenken sollen. Größere und nicht ganz zu lineare Spielgebiete hätten uns in Der Krieg im Norden gefallen, doch können sich die Kämpfe so voll und ganz entfalten – und in einer Umgebung, die wie das Film-Mittelerde von Peter Jackson aussieht, machen die Auseinandersetzungen mit den Feinden und mit Freunden durchaus Spaß.
Grenzwertiges Endprodukt
Der Krieg im Norden befand sich bereits 2011 bei der Erstveröffentlichung auf einem optischen Mittelmaß. Die dünne Bevölkerung der Städte und die schlichte Architektur verfallener Ruinen untermauern dieses Gefühl. In der Legacy Edition läuft der Titel jedoch flüssig. Grafisch hat die Switch-2-Version verglichen mit der PlayStation-5-Neuauflage das Nachsehen. Untermalt wird das Geschehen auf Nintendos Hybridkonsole mit einem angenehmen Soundtrack, wobei sowohl bei der Musik als auch bei den Sprechern Abstand von den Filmen genommen wurde. Besonders die packenden Kampfmelodien überzeugen uns. Schade ist aber, dass sich die Entwickler nicht auf die (deutschen) Synchronsprecher der Filme verlassen haben. Wenn Bilbo Beutlin auf einmal von Ulrich Frank statt von Mogens von Gadow gesprochen wird, können wir die Szene nur schweren Herzens ernst nehmen. Am Ende steht und fällt das Spiel aber mit dem Gameplay. Einzelspieler quälen sich durch das fünfzehn bis zwanzig Stunden lange Abenteuer und regen sich über Bugs, unpassende Sprecher, dünne Dialoge und die unfaire künstliche Intelligenz von Freund und Feind auf. Wir sind schwer enttäuscht, dass die Entwickler das Potenzial des Titels nicht genutzt haben. Würde der Titel nicht über einen angenehmen Online-Modus verfügen, könnten wir für die Durchschnittskost kaum eine Kaufempfehlung aussprechen. Somit dürfen sowohl beim Original auch bei der Portierung auf die Switch 2 und Co nur die größten Der-Herr-der-Ringe-Fans und Mehrspielerfreunde zugreifen, die aber auch 15 Jahre später mit keinem Meisterwerk rechnen sollten.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-2- und PlayStation-3-Fassung): Mit Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden habe ich eine schwierige Geschichte hinter mir, denn als das Spiel Anfang der 2010er-Jahre angekündigt wurde und ich es auf der Gamescom gar zusammen mit den Entwicklern anspielen konnte, war ich hellauf begeistert. Auf der PlayStation 3 kam dann jedoch schon in den ersten Spielminuten das böse Erwachen – und beim wiederholten Spielen der Legacy Edition auf der Switch 2 kamen die schlechten Erinnerungen sofort zurück. Dass ich nicht die Filmmusik und die Synchronsprecher der Filme vorgesetzt bekomme, kann ich noch verschmerzen. Dass das Gameplay für Solisten nicht fluppt, war und ist für mich damals wie heute eine Enttäuschung. Ständig reagiert die künstliche Intelligenz unfair, was zum wiederholten Neuladen des Abschnitts führt. Immerhin kann ich in der Legacy Edition auf Knopfdruck zu den anderen Spielfiguren wechseln. Dies ist zwar eine spürbare Verbesserung, aber eben nur ein Alibi dafür, für die Portierung des Titels nicht an der künstlichen Intelligenz gefeilt zu haben. Zumindest Einzelspielern kann ich den Titel daher leider beim besten Willen nicht empfehlen. Dafür macht er zu viel falsch und es ist eine Frechheit, ein Spiel in dieser Form (und mit dieser Lizenz!) erneut auf den Markt zu werfen, ohne es im Kern zu überarbeiten. Unterm Strich bleibt somit nur ein entspannter Titel für den durchaus spaßigen Couch-Coop-Modus und etwaige, aber stundenlang motivierende Online-Abende.