Review: Himizu

Himizu (1)Während der Dreharbeiten zu Himizu sagte der Regisseur zu seinem Team, das, was da ist, wird auch genutzt. Das gilt nicht nur für den Schlamm in dieser Szene, sondern gleich für eine zerstörte Präfektur nach der verheerenden Tsunami-Katastrophe im Jahr 2011.

Himizu (2)Kenner des Mangas werden sich sicherlich fragen, warum sich ihr Manga über den Tsunami dreht, obwohl das Werk aus der Feder von Minoru Furuya bereits zehn Jahre zuvor erschien und inhaltlich in einer endzeitlichen Welt spielt. Regisseur Sion Sono vertrat die Auffassung, dass man das Unglück, den Tsunami und die daraus folgende Kernschmelze in Fukushima im Film verarbeiten muss. Alles andere sei zu diesem Zeitpunkt unaufrichtig und falsch gewesen. Anstatt uns also Jahrhunderte in die Zukunft zu schicken, bleiben wir in Himizu im Hier und Jetzt. Der vierzehnjährige Yuichi ist kein gewöhnlicher Junge, denn in ihm drückt sich die Hoffnungslosigkeit Japans aus. Zudem wird von allen Seiten auf ihn eingewirkt. Sein Lehrer ist oberflächlich, sieht Japan als Mildtäter, der jetzt selbst Hilfe braucht, beschwört sogar ein neues Wirtschaftswunder, welches von seinen Schülern abhängig ist. Seine Mitschülerin Keiko hingegen mag ihn sehr, ist in gar verliebt, himmelt ihn öffentlich in seiner Klasse an und lobt jeden Satz, den Yuichi jemals von sich gibt. Yuichi jedoch möchte weder glücklich noch unglücklich sein. Er ist mit dem zufrieden, dass er hat und möchte nichts empfinden. In seinem Leben machen ihm jedoch auch seine Eltern das Leben schwer. Seine Mutter hat einen Liebhaber, mit dem sie durchbrennt und sein Vater ist ein gewalttätiger Mensch.

Hoffnungslosigkeit

Himizu (3)Dieser taucht immer wieder sporadisch aus, um Yuichi sein Geld wegzunehmen, dass er nun alleine mit seinem Bootsverleih am See verdient. Yuichi stürzt immer mehr in Depressionen und verliert schon bald die Perspektive. Das einzige, was ihm Geborgenheit gibt, sind ein paar Obdachlose, die nach dem Tsunami ihre Heimat verloren haben und nun am See in wenigen Zelten leben. Sie freunden sich an, doch je öfter Yuichi von seinem Vater besucht und je öfter er von Keiko freundlich behandelt wird, desto eher verschließt er sich vor der Außenwelt. Das Fass läuft über, als sich sein Vater hoch bei einem Yakuza verschuldet und Yuichi für dessen Verschulden geradestehen soll. Yuichi entscheidet sich für drastische Maßnahmen. Es geht in Himizu jedoch nicht völlig um Yuichi, denn auch Keiko hat ihre eigenen Sorgen. Wie Yuichi wird sie von ihren Eltern schlecht behandelt, die sogar einen beleuchteten Galgen für Keiko errichten. Himizu thematisiert die Schuldzuweisungen der älteren auf die jüngere Generation, das Erwachsenwerden wird immer mehr zum großen Bestandteil der Handlung. Shozo, einer der Obdachlosen, schreitet seinen eigenen Weg voran und muss sich für eine Tat entscheiden, die er wie Yuichi nicht begehen will. Diese düstere Stimmung bleibt durchgehend aufrecht und erst in den letzten Minuten fallen Sonnstrahlen durch die dunkle Wolkendecke des Films.

Traumhafte Besetzung

Himizu (4)Der Regisseur mit einer großartigen Auswahl an Schauspielern, wie Shōta Sometani für die Rolle des Yuichi, Fumi Nikaidō für die Rolle der Keiko oder Tetsu Watanabe (Shozo) dauerhaft eine gewisse Spannung, jedoch auch eine elegische Grundstimmung und Freude im Film auszudrücken. 131 Minuten lässt einen der Film nicht los. Das liegt aber keineswegs an der Tatsache, dass es bei Himizu keine deutsche Synchronisation gibt und man die Untertitel in Deutsch oder Niederländisch parallel zur japanischen Originaltonspur lesen muss, sondern weil der Film es mit den illustren Charakteren, dem ersten Thema und der tiefgründigen Story zu überzeugen weiß. Neben der Tonspur in DTS HD 5.1 Master Audio, liegt das Bildformat auf der Blu-ray Disc in 1080p, sowie im 16:9-Format (1,85:1) vor. Wer nach dem Ansehen des Dramas noch Lust auf Hintergründe hat, darf sich ein rund siebzig Minuten umfassendes Making-of ansehen, welches mit vielen interessanten Fakten von der Umsetzung des Mangas bis zum Abschlussfoto der Crew am Set aufwarten kann. Das ist zwar voll und ganz das, was wir auch von einem Film erwarten, doch hätte es uns auch sehr interessiert, wo sonst noch Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei Manga und Film existieren, da der Manga hier nicht erhältlich ist. Der Film ist das mittlerweile schon und den möchten wir euch wärmstens empfehlen!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Ich finde es sehr schade, dass manchmal bei richtig miesen Filmen Geld für eine Synchronisation ausgegeben wird, doch bei wirklich genialen Filmen wie Himizu am falschen Ende gespart wird. Dank der deutschen Untertitel konnte ich Himizu dennoch genießen und werde den Film so schnell nicht wieder vergessen. Wie hier die Musik, die mich manchmal an Der Pate erinnert, mit dem Bild einhergeht und die Darsteller in ihren Gestiken und Mimiken einfängt, ist einfach unbeschreiblich schön. Die Verarbeitung von der Tsunami-Katastrophe würde ich als Kenner zwar nicht unbedingt ganz so entgegenkommend sehen, doch da ich den Manga nicht kenne, das Szenario aber ähnlich düster ist, finde ich es gut, dass der Regisseur die zum damaligen Zeitpunkt recht aktuelle aussichtslose Lage des Landes im Film betont hat und mit dem Lehrer und den Eltern zudem Differenzen und Schuldzuweisungen generationsübergreifend aufgezeigt werden. Himizu ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden und das Finden von Hoffnung, die man gar nicht so schnell vergisst. Es sind Bilder, die man unbedingt einmal selbst gesehen haben sollte!

Vielen Dank an Splendid Film für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Himizu!

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