Review: Utawarerumono: Mask of Deception

Neben klassischen Rollenspielen aus Fernost stehen auch Strategie-Rollenspiele ganz oben mit auf der Liste der Titel, die von Fans japanischer Titel verschlungen werden wollen. Neben der Fire-Emblem-Reihe erhalten hierzulande aber nur sehr wenige Spiele Aufmerksamkeit.

In Utawarerumono: Mask of Deception aus dem Jahre 2015, das nach anderthalb Jahren auch in Europa erschienen ist, schlüpfen wir in die Rolle eines Protagonisten, der – wie könnte es auch anders sein – zu Beginn des auf dutzende Stunden ausgelegten Abenteuers noch an Amnesie leidet. Nachdem er in der Eröffnungssequenz vor einem riesigen Skorpion fliehen kann und von der durchs Land reisenden Kuon daraufhin gerettet wird, verpasst sie ihm den Namen Haku. Gemeinsam beschließen sie, das Beste aus der Situation zu machen und ins nächste Dorf zu reisen, um Hakus Gedächtnisverlust zu ergründen oder gar rückgängig zu machen. Was nach einem spannenden Auftakt für ein Strategie-Rollenspiel klingt, entpuppt sich jedoch als mühlselige Angelegenheit. Die Geschichte wird hauptsächlich über ellenlange Dialoge, die selbst ältere Teile der Fire-Emblem-Serie vor Scham erblassen lassen würden, vorangetrieben. So braucht es zum einen ewig, bis die Handlung von Utawarerumono ins Rollen kommt und zum anderen dauert es teilweise Stunden, bis nach einem Ereignis wieder etwas Interessantes passiert. Obwohl das Spiel auch als Strategie-Rollenspiel vermarktet wird, handelt es sich bei dem Titel eher um eine Visual Novel. Das heißt, dass wir massenweise Texte lesen müssen, um überhaupt Hintergründe zu erfahren oder Charaktere kennenzulernen.

Ausufernde Dialoge

Hinzu kommt, dass ein Großteil der Dialoge alles andere als gehaltvoll ist. Das soll nun nicht heißen, dass die oft humorvollen Gespräche zwischen den Charakteren nicht unterhalten können, doch wenn über Mathematik, Essensgewohnheiten oder gar die Arbeit des gewöhnlichen Volkes philosophiert und das Ganze noch dazu mit Bildbeschreibungen zu den Umgebungen in Textform unterlegt wird, dann treibt das die Handlung kaum bis gar nicht voran. Zwar lassen sich die Dialoge, die ausschließlich aus englischen Texten und japanischer Sprachausgabe bestehen, jederzeit überspringen, doch würde so unwiderruflich der Charme der glaubhaften Gespräche verloren gehen. Die teilweise gut ausgearbeitete Fantasy-Welt und ihre Charaktere lernen wir dadurch ebenfalls nicht kennen. Immerhin müssen wir nicht darauf warten, bis die stundenlangen Unterhaltungen sich ihrem Ende nähern, um das Spiel abspeichern zu können. Das funktioniert jederzeit, sodass auch ausufernde Streitigkeiten und Liebeleien problemlos unterbrochen und zu einem späteren Zeitpunkt fortgeführt werden können. Ebenfalls positiv hervorheben möchten wir, dass das Spiel nicht immer stringent erzählt wird und wir gelegentlich auch die Möglichkeit haben, welche Örtlichkeit wir als nächstes aufsuchen möchten. Das sorgt zumindest ein wenig dafür, dass wir das Gefühl haben, die Story selbst zu kontrollieren.

Prägnante Schlachten

Wer kämpfen will, muss sich in Utawarerumono stets gedulden. In den ersten zwei Spielstunden haben wir beispielsweise nur einen einzigen Kampf bestritten, der zu unserer Ernüchterung noch dazu innerhalb von fünf Minuten absolviert war. Spätere Gefechte dauern natürlich länger. In puncto Kampfsystem ähnelt das Spiel seinen Genre-Kollegen Fire Emblem: Fates – Vermächtnis oder Stella Glow. Wir können unsere Spielfiguren eine bestimmte Feldanzahl auf einem in Quadrate aufgeteilten Schlachtfeldes bewegen, Gegner erst analysieren, dann attackieren und schließlich Erfahrungspunkte sammeln. Haben wir genügend Erfahrungspunkte gesammelt, steigen wir nach der Schlacht im Level auf, verbessern dadurch unsere Statuswerte und lernen zudem neue Fähigkeiten, wie etwa Verbündete zu heilen. So werden die Kämpfe mit der Zeit anspruchsvoller und intensiver. Außerhalb der Schlacht dürfen wir unsere Helden mit neuen Ausrüstungsgegenständen ausrüsten, um besser gefeit vor den Gefahren zu sein. Ebenfalls verbessern wir den Umgang mit unseren Waffen, um noch mehr Schaden bei den Feinden anrichten zu können. Die Kämpfe machen durchaus Spaß, sind unserer Meinung nach aber wesentlich zu unterpräsent für ein Strategie-Rollenspiel. Als Ausgleich steht es uns frei, gewonnene Schlachten jederzeit zu wiederholen, um zu trainieren.

Vermisste Komfortfunktionen

Die Bedienung fällt in den Kämpfen ähnlich angenehm aus wie bei der Konkurrenz. Allerdings darf man nicht mit Komfortfunktionen rechnen. So ist es beispielsweise nicht möglich, mehr als einen Gegner gleichzeitig zu markieren, um mehrere Bewegungsradien samt Angriffsreichweiten simultan zu erkennen. Besonders bei hohem Gegneraufkommen oder härteren Feinden kann das nerven. Im restlichen Spiel funktioniert die „Steuerung“ ebenfalls gut, doch viel mehr als Drücken auf einen Knopf zum Weiterklicken in den Dialogen wird ohnehin nicht von uns erwartet. Technisch ist der Titel ein zweischneidiges Schwert. Während die dreidimensionalen Charaktermodelle in den Schlachten mittelmäßig ausfallen, können sie im restlichen Spiel schon eher punkten. In diesem Falle handelt es sich nämlich um zweidimensionale Anime-Figuren, die wirklich sehr schön und facettenreich gezeichnet sind. Schade ist jedoch, dass die Animationen hier noch abgespeckter ausfallen, als in den Kämpfen. In der Regel wird für eine neue Emotion einfach ein anderes Charakterbild eingesetzt. Entschädigen können da höchstens die wundervollen Hintergründe, denen mit einer vortrefflichen Soundkulisse stets glaubhaft Leben eingehaucht wird. Durch diese Defizite richtet sich Utawarerumono vor allem an Visual-Novel-Liebhaber, die einem Strategie-Rollenspiel nicht abgeneigt sind.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-4-Fassung): Wenn ich an Strategie-Rollenspiele denke, dann denke ich in erster Linie an die Fire-Emblem-Reihe, an die Shining-Force-Serie oder an das Heroes-of-Might-and-Magic-Franchise. Gerne gebe ich auch Titeln wie Stella Glow eine Chance und werde oftmals auch nicht enttäuscht. Selbst Utawarerumono: Mask of Deception ist im Kern immer noch ein gutes Strategie-Rollenspiel, das meiner Meinung nach aber nicht mit dem Visual-Novel-Anteil harmoniert! Ich habe absolut nichts gegen längere Dialoge in Rollenspielen, da diese schließlich die Handlung spannend vorantreiben können, doch in Utawarerumono sind die meisten Dialoge einfach nur langwierig und manchmal sogar ein wenig langweilig. Die Charaktere unterhalten sich gerne in aller Breite über Belangloses, anstatt sich der Situation anzupassen. Bereits nach wenigen Spielstunden wollte ich den Controller bei Seite legen oder zumindest die Dialoge bis zum nächsten Kampf überspringen – genau dann würde ich jedoch nichts mehr von der eigentlich humorvollen und interessanten Einführung in die Spielwelt haben. Wirklich warm geworden bin ich mit dem Spiel danach jedoch auch nicht mehr. Wer also auf ein Strategie-Rollenspiel im Sinne von Fire Emblem: Fates gehofft hat, wird von Utawarerumono wohl eher enttäuscht sein und sollte sich in puncto Gameplay Alternativen zuwenden – wer aber Visual Novels mag und nichts gegen leichte Rollenspielkost hat, darf das Spiel gut und gerne einige Stunden lang verschlingen!

Vielen Dank an Deep Silver für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Utawarerumono: Mask of Deception!

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