Review: Death Stranding

Nach dem Zerwürfnis mit seinem langjährigen Arbeitgeber Konami konnte Entwicklerlegende Kojima Hideo mit Sonys Hilfe an einem neuen Videospiel arbeiten. Hierbei handelt es sich um den Titel Death Stranding, der mit seinem Gameplay ein „neues“ Genre erschließen will.

Seit der Electronic Entertainment Expo 2016 war das andersartige Death Stranding angekündigt. Schon vor Veröffentlichung des Spiels spaltete der Titel die Spielergemeinschaft, denn erst kurz vor Release kristallisierte sich heraus, was für eine Art von Spiel Death Stranding überhaupt ist. Dabei begeistert Kojima Hideos neuester Streich inszenatorisch von der ersten Minute an, denn wenn das Genie etwas kann, dann ist das fantastische Geschichten zu erzählen. Death Stranding spielt in einer apokalyptischen Welt: Die Gesellschaft beziehungsweise die Vereinigten Staaten von Amerika existieren in der uns bekannten Form nicht mehr. So haben sich die letzten lebenden Menschen in einzelne Städte zurückgezogen – und sind dort auf Boten wie den Protagonisten Sam Porter Bridges angewiesen. In seiner Haut müssen wir im Grunde nur Pakete von einem Ort zum anderen transportieren. Nebenher erfahren wir immer mehr über das Setting der Spielwelt, in der die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwinden. Stirbt eine Person, kehrt sie bei Niederschlag als unsichtbare Kreatur zurück und versucht während des als Zeitregen bezeichneten Phänomens andere Menschen zu fressen. Unseren Helden Sam kann das aber nicht umhauen, da er ein so genannter Wiederkehrer ist. Dennoch setzt er sich für seine wenigen Mitmenschen ein, die unter der Apokalypse leiden.

Make America great again

Zu viel wollen wir über die Story von Death Stranding an dieser Stelle nicht verraten, da jedes einzelne Informationshäppchen eine wahre Befriedigung ist, sich in der Spielwelt zurechtzufinden. Ziel des Spiels ist, die verschiedenen Städte über ein Netzwerk miteinander zu verbinden und der Zivilisation in Amerika zu altem Glanz zu verhelfen. Damit das gelingt, absolvieren wir für verschiedene Gruppen einen Botengang nach dem anderen. Auf Dauer sind derlei Aufgaben jedoch sehr ermüdend. Da hilft es auch nicht, dass das Spiel stets darum bemüht ist, peu á peu neue Aspekte ins Gameplay zu integrieren. Um kleinere Anhöhen zu erklimmen, errichten wir Leitern. Diese können wir ebenso missbrauchen, um kleinere Flüsse zu überqueren. Reißende Ströme überwinden wir wiederum, indem wir Brücken errichten. Wollen wir uns an Klippen hinabseilen, können wir das ebenfalls tun. All diese Vorgänge setzen voraus, dass wir die nötigen Materialien mit uns herumschleppen. Dies geht auf Kosten unserer stark limitierten Traglast, zu der auch Lieferungen und unterwegs verloren gegangene Pakete gehören, die wir nebenbei einsammeln. Auf Rücken, Armen und Hüften können wir die Päckchen positionieren, was wiederum dazu führt, dass wir das Gleichgewicht halten müssen, um nicht zu stürzen. Was anfangs spaßig klingt, ist auf lange Sicht gesehen einfach nur eine Tortur.

Hörst du, was ich höre?

Ein wirklich tolles Feature von Death Stranding ist jedoch, dass wir in der weitgehend offenen Spielwelt Konstruktionen anderer Spieler entdecken und zudem nutzen dürfen. Insbesondere wenn wir mal einen Berg hinaufklettern wollen, uns aber die Leitern ausgegangen sind, freuen wir uns umso mehr, dass bereits vor uns jemand diesen Weg eingeschlagen hat. Von solchen Momenten lebt Death Stranding ungemein, denn insbesondere wenn es anfängt zu nieseln, ist es wichtig, möglichst schnell aus dem Regenschauer zu entkommen. Jeder einzelne Tropfen sorgt dafür, dass die Pakete unserer Lieferung nach und nach zerstört werden. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn die zunächst unsichtbaren Kreaturen auf uns aufmerksam werden. Abhilfe verschafft hier unser Bridge Baby, das uns relativ zu Beginn des Spiels in die Hand gedrückt wird. Hierbei handelt es sich um einen ungeborenen Säugling, den wir in einer künstlichen Gebärmutter mit uns herumschleppen. Durch ihn werden unsere Widersacher überhaupt sichtbar. In den ersten Spielstunden heißt die Devise jedoch Flucht, weshalb wir uns vor den Kreaturen davonschleichen. Wenn sie sich nähern, sollten wir zudem auf Knopfdruck die Luft anhalten, was aber natürlich nicht ewig funktioniert. Solche Momente sind spannend und stehen für Death Stranding, wiederholen sich in ihrer immer gleichen Struktur aber zu häufig.

Zwischen Vernunft und Wahnsinn

Hinzu kommt, dass wir das Bridge Baby auch schon mal beruhigen und im Arm wiegen müssen, denn wenn es sich zu sehr aufregt, fällt es bis zu seiner Reaktivierung in der Basis aus – und dann können wir abseits von Räubern die unheimlichen Gegner nicht mehr sehen. Nach circa sieben Spielstunden kommen in Death Stranding actionreiche Kämpfe hinzu. Hier können wir nicht nur mit Fäusten attackieren, sondern zum Beispiel auch Granaten werfen. Diese stellen wir her, indem wir regelmäßig das stille Örtchen besuchen oder in der Dusche Hygiene betreiben. Kein Scherz, selbst das Spiel nimmt sich hier ernst! Kojima übertreibt es an allen Ecken und Enden mit überzogenen Ideen, um die Spielwelt zugleich glaubhaft nachvollziehbar zu machen als auch gewollt ins Lächerliche zu ziehen. Den Vogel schießen Kojima Productions und Sony Interactive Entertainment aber mit der Produktplatzierung von Monster Energy Drinks ab. Grundsätzlich kann Werbung die Glaubwürdigkeit erhöhen, aber in einem apokalyptischen Szenario, in der das wirtschaftliche System zusammengebrochen ist, ist das einfach totaler Quatsch. Vor allem stören wir uns daran, dass wir das Getränk regelmäßig zur Ausdauerregeneration trinken müssen. Ein Übermaß an Koffein und Zucker ist damit in den Augen von Entwickler und Publisher nicht schädlich. Death Stranding verzerrt hier Tatsachen.

Tolle Inszenierung, unterdurchschnittliches Gameplay

Auch eine Werbeanzeige für die AMC-Produktion Ride with Norman Reedus reißt plötzlich aus der sonst dicht erzählten Geschichte heraus, zumal Norman Mark Reedus jener Schauspieler ist, der Hauptfigur Sam mimt. Abseits von solchem Nonsens kann Kojimas Werk aber vor allem optisch begeistern. Das Spiel läuft auf der PlayStation 4 butterweich, besticht mit einer zauberhaften Weitsicht und Vegetation und vor allem mit grandios animierten Charaktermodellen. Sämtliche Spielfiguren sehen jenen Schauspieler, die sie verkörpern, verblüffend ähnlich: Unter anderem treffen wir auf Urgestein Mads Dittmann Mikkelsen oder die noch junge Sarah Margaret Qualley. Selbst Regisseur Guillermo del Toro Gómez, mit dem Kojima am eingestellten Silent Hills arbeitete, verkörpert eine tragende Rolle. Hinzu kommt eine sehr gute deutsche Synchronisation – auf Wunsch dürfen wir in den Optionen auch den englischen Originalton auswählen. Die Steuerung von Death Stranding funktioniert ebenfalls anständig, auch wenn das zum Kern-Gameplay gehörende Ausbalancieren unserer Fracht nicht immer ein wohliges Gefühl versprüht und das Anbringen der einzelnen Päckchen am Körper eine frickelige Angelegenheit ist. Obwohl es dem Titel gelingt, mit seinem Setting, dem Szenario, seinen Charakteren und den illustren Ideen weitgehend zu überzeugen, ist und bleibt das Gameplay von Death Stranding höchstens auf einem qualitativ unterdurchschnittlichen Niveau.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-4-Fassung): In den ersten paar Spielstunden überzeugt mich Death Stranding noch auf ganzer Linie mit seinem andersartigen Gameplay, mit dem Kojima versucht, ein neues Genre oder zumindest etwas Neues zu schaffen. Mit ansteigender Spielzeit fällt mir aber immer mehr die Eintönigkeit der Spielmechanik unangenehm auf, die sich nur rudimentär weiterentwickelt. Ich mache nichts anderes, als Botengänge von einem Ort zum anderen auszuführen und dabei meine Route durch die Topografie der Spielwelt zu planen. Auch wenn das Gameplay mit dem ulkigen Bridge Baby und den Geistern der Verstorbenen frische Impulse setzt, so reicht das auf Dauer nicht aus, um mich bei Laune zu halten. So sehr ich das faszinierende Setting mit seiner fantastischen Hintergrundgeschichte, vielseitigen Ideen und tollen Charakteren mag, so wenig macht mir das Lieferanten-Gameplay länger als eine Viertelstunde am Stück Spaß – und wenn ich mich durch ein Spiel zwingen muss, ist das kein Garant dafür, den Titel uneingeschränkt zu empfehlen. Death Stranding ist ein Spiel, das sich vor allem an Kojima-Fans und an jene Spieler richtet, die sich gerne auf Videospielexperimente jenseits des Vorstellbaren von Videospielexperimenten einlassen wollen. Alle anderen machen um die kunterbunte Genre-Mischung, die zur Hälfte Walking Simulator, zu je zu einem Achtel Action- und Stealth-Spiel ist und zu einem Viertel aus Cutscenes besteht, lieber einen großen Bogen.

Vielen Dank an Sony Interactive Entertainment für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Death Stranding!

 

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