Review: Need for Speed: Heat

Eine müde zu belächelnde Polizei-jagt-Raser-Story, stereotypisch-flache Charaktere, dazu ein zweigeteilter Tagesablauf und reihenweise leuchtende Pastellfarben, die an den 1980er-Jahre-Serienklassiker Miami Vice erinnern – all das und noch mehr ist Need for Speed: Heat.

Mit Electronic Arts’ Need-for-Speed-Reihe ist es ein ständiges Auf und Ab, denn auf das fantastische Need for Speed von 2015 folgte zwei Jahre später das unterdurchschnittliche Need for Speed: Payback, das vor allem an aufgesetzt wirkenden Mikrotransaktionen und fragwürdigem Tuning per Sammelkarten krankt. Mit dem im November 2019 veröffentlichten Need for Speed: Heat will Entwicklerstudio Ghost Games zu alter Stärke zurückkehren. Das Rennspiel beginnt mit einer wilden Verfolgungsjagd, in der wir in verschiedenen Zwischensequenzen ein paar der Charaktere des Spiels kennenlernen. Dazu zählt unter anderem der übereifrige Lieutenant Frank Mercer, der gegen die illegalen Straßenrennen im fiktiven Palm City vorgeht. Nach der furios inszenierten Eröffnungssequenz erreicht der Plot aber keine sonderliche Tiefe, was im Angesicht des Genres aber nicht verwunderlich ist. Hier war Need for Speed: The Run von 2011 sicherlich das Höchste der Gefühle. Stattdessen schlüpfen wir in die Rolle eines Newcomers, der sich in der an Miami angelehnten Stadt einen Namen machen will. So werden wir immer mehr in die Beziehungen zwischen den Nicht-Spieler-Charakteren gezogen, die aber austauschbar bleiben. Das liegt daran, dass wir unsere Spielfigur bei gleichbleibendem Fortschritt in der Handlung jederzeit in den Garagen der Spielwelt austauschen dürfen.

Zweigeteilter Tagesablauf

In Need for Speed: Heat ist ein Charakter platter als der andere, was der Immersion des Spiels teilweise arg zusetzt. Gerne hätten wir den Aufstieg eines Rasers miterlebt, der so leider nicht möglich ist. Nichtsdestotrotz ist der Weg unserer zwielichtigen Karriere mit recht spannenden Rennen und Events gepflastert. Um unseren stetig anwachsenden Fuhrpark zu verbessern, benötigen wir allerdings Geld. Diese gewinnen wir vor allem tagsüber bei diversen Veranstaltungen, bei denen es sich um Rundrennen handelt. Hier müssen wir uns gegen mehrere andere Fahrer durchsetzen. Je höher wir das Treppchen erklimmen, desto mehr Moneten wandern auf unser Konto. Es ist in Need for Speed: Heat allerdings nicht ausreichend, lediglich die finanziellen Möglichkeiten zu verbessern. Wir können der reichste Möchtegern-Raser in Palm City sein, doch bleibt das Tuning für unsere Wagen dann sehr limitiert. Um an leistungsstärkere Autoteile zu gelangen, müssen wir des Nachts an illegalen Straßenrennen teilnehmen. Je besser wir bei diesen abschneiden, desto höher ist auch der Gewinn an Reputation – und wenn unser Ruf erst einmal gut genug ist, greifen die Monteure in der Werkstatt auch schon mal hinter die Ladentheke. Dieser zweigeteilte Tagesablauf ist durchaus eine nette Idee, schickt den dynamischen Tag-und-Nacht-Wechsel von Need for Speed: Payback aber leider in Rente.

Atemlos durch die Nacht

Dafür entschädigen die hübschen Pastell- und Neofarben, die die nächtlichen Ausflüge durchfluten. Es ist wirklich befriedigend, im düsteren Miami-Abklatsch an Neonreklamen vorbeizusausen und in solchen Momenten gerade noch so der Polizei zu entkommen. Dieser ist auch in Need for Speed: Heat wieder mit von der Partie. Bei den illegalen Straßenrennen handelt es sich nämlich um so genannte Etappenrennen. Das bedeutet, dass wir hier nicht mehrere Runden auf einem abgesicherten Parcours drehen, sondern häufig recht geraden Strecken mit ein paar scharfen Kurven bei laufendem Straßenverkehr folgen. So müssen wir hier nicht nur außerhalb, sondern vor allem während der laufenden Raserei darauf achten, der Polizei zu entgehen. Vor allem in den ersten Spielstunden sind die Gesetzeshüter sehr hartnäckig. Ein Entkommen ist nur selten möglich und endet oft mit der Verhaftung unserer Spielfigur. In diesem Falle verlieren wir nicht nur die Hälfte unseres Geldes, denn unseren Ruf können wir so auch nicht verbessern. Vor allem bei Verfolgungsjagden mit der Polizei müssen wir darauf achten, nicht zu viel Schaden zu nehmen. Need for Speed: Heat setzt zwar auf kein optisches Schadensmodell, was trotz Arcade-Gameplay immer noch ein Unding ist, doch auf eine Schadensanzeige. Reparieren können wir unser Auto nur, indem wir durch eine Tankstelle brettern.

Probleme mit dem Matchmaking

In puncto Schwierigkeitsgrad sind die meisten Rennen dank einer überaus gut funktionierenden Steuerung per Controller und vor allem dank des endlich entschlackten Gummibandeffekts der Vorgänger wesentlich fairer. Leider gilt dies nicht gänzlich für den Online-Modus, denn ein funktionierendes Matchmaking existiert nicht. Oftmals werden wir mit anderen Spielern in einen Topf geworfen, die schon wesentlich besser sind als wir. Beispielsweise rast uns ein Gegenspieler nach dem Startschuss davon und fährt schon durchs Ziel, während wir uns noch mit den vom Computer gesteuerten Fahrzeugen in der Mitte der Strecke befinden. Hier erwarten wir, dass Ghost Games dringend einen Patch nachliefert, da das Online-Spielen zumindest zum Testzeitpunkt am 14. November 2019 noch abschreckt. Der aus 58 Musikstücken bestehende Soundtrack geht uns leider ebenso schnell auch auf die Nerven, was bei diesem Genre aber Geschmackssache sein dürfte. Dennoch raten wir dazu, vor dem Kauf auf der offiziellen Homepage ein paar Hörproben zu nehmen, damit ihr euch hier ein besseres Bild machen könnt. An hochkarätige Soundtracks wie den von Forza Horizon kommt das Spiel bei Weitem nicht heran. Dafür läuft der Titel unter technischen Aspekten selbst auf älteren Mittelklasse-Rechnern butterweich. Unterm Strich ist das Spektakel zwar nicht die Offenbarung für Fans des Franchises geworden, doch wer ein offline motivierendes Rennspiel sucht, kann bei Need for Speed: Heat nach Abwägen der für ihn wichtigen Defizite definitiv zugreifen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Erzähltechnisch beginnt Need for Speed: Heat mit einer stark inszenierten Verfolgungsjagd. Danach bröckelt die Fassade aber zunehmend, denn mehr als den Einheitsbrei des Genres bekomme ich hier nicht serviert. Auch die einzelnen Charaktere inklusive meiner im wahrsten Sinne des Wortes austauschbaren Spielfigur können hier nichts reißen. Ein Rennspiel sollte aber vor allem mit dem Gameplay überzeugen – und das gelingt Need for Speed: Heat weitgehend gut. Rundrennen nutze ich dazu, um Geld zu verdienen. Meinen Ruf steigere ich wiederum mit Etappenrennen und indem ich mir mit der Polizei ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefere. Mir missfällt der voneinander getrennte Tagesablauf zwar, doch machen die einzelnen Events Spaß. Das liegt vor allem daran, dass Entwicklerstudio Ghost Games den gehassten Gummibandeffekt bei der künstlichen Intelligenz endlich entschlackt hat und die Steuerung wirklich gut von der Hand geht. Leider werden Need for Speed: Heat und ich aber keine Freunde, denn den generischen Soundtrack halte ich einfach nicht länger als fünf Minuten am Stück aus. Hinzu kommt, dass der Online-Modus über kein funktionierendes Matchmaking verfügt. Wer aber über die zu belächelnde Story, den abwechslungsarmen Soundtrack und die Probleme im Online-Spiel hinwegsehen kann, bekommt mit Need for Speed: Heat aber dennoch in den Genuss eines wirklich guten und vor allem auch langfristig motivierenden Rennspiels.

Vielen Dank an Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Need for Speed: Heat!

 

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