Review: Dragon Quest XI: Streiter des Schicksals

Bereits 2017 veröffentlichte Square Enix den elften Teil der traditionsreichen Rollenspielserie in Japan. Ein Jahr später erreichte der Titel zwar auch europäische Gefilde, doch bis wir in die märchenhafte Story auch auf Nintendos Switch eintauchen durften, verging ein weiteres Jahr.

Seit September 2019 ist es endlich soweit: Unter dem erweiterten Titel Dragon Quest XI S: Streiter des Schicksals – Definitive Edition können Switch-Besitzer ins Fantasy-Reich Erdrea reisen. Die Story des Spiels beginnt regelrecht stürmisch, denn mitten in der Nacht gelingt es unserer Mutter mit letzter Kraft, unseren neugeborenen Leib in einem Körbchen aus einem Schloss zu bringen, das gerade von Dämonen überrannt wird. Obwohl ihre Tat mit dem Leben bezahlt wird, schenkt sie uns damit eine Zukunft. Viele Jahre später erfahren wir während unseres Initiationsritus, dass in uns eine magische Macht schlummert und wir den König von Heliodor aufsuchen mögen. Als Lichtbringer auserkoren, überschlagen sich in Heliodor die Ereignisse, sodass wir fortan als Spross der Finsternis bezeichnet werden und auf der Flucht vor den Truppen des Königs durchs Land reisen. Unser Ziel ist – wie könnte es auch anders sein – die Rettung der Welt vor den aufziehenden Gewitterwolken des Bösen. Unterstützung erhält unser Held von den titelgebenden Streitern des Schicksals. Kurz nach Spielbeginn schließt sich uns Dieb Erik an. Es dauert nicht lange, da kreuzen auch Priesterin Serena und Magierin Veronika unseren Weg. Im weiteren Verlauf des Abenteuers kommen noch vier weitere Figuren hinzu, über die wir aber nichts verraten wollen. Während alle Charaktere sehr interessant geschrieben sind, bleibt es bei unserem Helden bei einem stummen Langweiler.

Klassisches Spielgefühl

Wer schon einmal eine Episode der Reihe oder allgemein einen klassischen Genre-Vertreter aus Japan gespielt hat, wird sich in Dragon Quest XI sofort zurechtfinden. So ziehen wir von einer Stadt zur anderen, lösen vor Ort das eine oder andere Problem, das teilweise sogar in ähnlicher Weise in anderen Spielen wie The Legend of Zelda: Majora’s Mask aufgegriffen wird, quatschen mit der nicht selten im Dialekt redenden Bevölkerung und erfahren mehr über die Spielwelt. Mit erbeuteten Goldmünzen aus den Kämpfen mit bösen Monstern rüsten wir uns in den Läden der Ortschaften oder unterwegs bei Händlern mit neuen Waffen und Ausrüstungsgegenständen ein. Auch Heilkräuter und Co sind hier erhältlich, wobei diese in Dragon Quest XI aufgrund des verhältnismäßig geringen Schwierigkeitsgrades eigentlich schon überflüssig sind. Wer noch nie ein Rollenspiel erlebt hat, freut sich darüber, dass im Grunde nichts falsch gemacht werden kann. Alle Eingabemöglichkeiten sind selbsterklärend und in den Dialogen sind auf charmante Art und Weise dezente Hinweise versteckt. Beispielsweise raten uns die Dorfbewohner unseres Heimatdorfes Kieslingen, uns vor dem Aufbruch nach Heliodor im Laden gut einzudecken. Im Gegensatz zu anderen Episoden der Reihe beginnt das Spiel sehr gemächlich, weshalb Neulinge vor keinen unlösbaren Problemen stehen. Profis dürften dies – trotz optional vor Spielstart wählbaren drakonischen Missionen – aber womöglich bemängeln.

Neuerungen im Kampfsystem

Beim Kampfsystem von Dragon Quest XI hat sich Square Enix weitgehend an den vorherigen Ablegern der langjährigsten Japan-Rollenspielreihe orientiert. Bis zu vier unserer acht Helden nehmen aktiv an den Kämpfen teil, können aber jederzeit ausgewechselt werden. Dennoch gibt es ein paar Neuerungen im Gegensatz zu vorherigen Serienteilen. So dürfen wir den Befehl für den jeweiligen Recken genau dann eingeben, wenn sein Geschwindigkeitswert es ihn auch erlaubt. Auf diese Weise können wir uns besser auf Veränderungen im Geschehen einstellen, was die Auseinandersetzungen dynamischer macht. Fällt beispielsweise der Held im Kampf, können wir ihn mit Veronika kurz darauf wiederbeleben, ohne auf die nächste Runde zu warten. Hinzu kommen starke Team-Angriffe, die wir unter bestimmten Voraussetzungen aktivieren. Wer keine Lust hat, alle Befehle per Hand einzugeben, darf seine Charaktere auch automatisch handeln lassen. Bis auf wenige Ausnahmen (re)agieren die Figuren hierbei auch wirklich clever, zumal regelmäßige Level-ups sämtliche Magiepunkte auffüllen, weshalb wir Zaubersprüche gut und gerne inflationär einsetzen. Schade ist nur, dass das freie Bewegen in den Kämpfen keinerlei Auswirkungen aufs Gameplay hat. Von Schleimen, Skeletten, Golems und Co eingekesselt zu werden oder diese in die Zange zu nehmen, bringt absolut nichts. Tradition hin oder her: Wer Gameplay-Möglichkeiten aufzeigt, muss sie auch sinnvoll nutzen.

Alle Hände voll zu tun

Auch wenn das Abenteuer, das in der Hälfte der Handlung gar Parallelen zu Final Fantasy XV aufweist, weitgehend ein Spaziergang ist, heißt das nicht, dass wir uns auf die Kämpfe nicht vorbereiten sollten. Nur mit der richtigen Ausrüstung sind wir vor den Gegnern gefeit. Ein interessantes Merkmal von Dragon Quest XI ist die so genannte „pfiffige Schmiede“. Haben wir genug Edelsteine, Erze oder Naturalien gesammelt, schustern wir uns in einem Minispiel – sofern wir vorher auch ein Rezept gefunden haben – Schwerter, Lanzen, Rüstungen oder Accessoires zusammen. In den ersten Spielstunden erweist sich dieses Minispiel noch als kleine Herausforderung, doch je höher das Level unseres Helden ist, desto feinere Techniken können wir hierbei einsetzen. Strengen wir uns an, können wir so auch ein paar Boni auf den Ausrüstungsgegenstand bekommen. Insbesondere in den letzten Spielstunden ist die pfiffige Schmiede ein willkommenes Feature, um an einige der besten Waffen des gesamten Spiels zu gelangen. Um die nötigen Utensilien in die Hände zu bekommen, müssen wir in der Umgebung Gräser abschneiden, an Bäumen rütteln, funkelnde Objekte auflesen, Schatztruhen plündern, Monster bekämpfen oder Nebenquests erfüllen. Von diesen gibt es gleich sechzig Stück im Spiel, die zudem mit zuckersüßen, märchenhaften und humorvollen Geschichten begleitet werden. Reich an Witz ist aber wie gewohnt zum Glück auch der Hauptteil des Abenteuers.

Vorteile auf der Switch

Optisch setzt Dragon Quest XI einmal mehr auf das Charakterdesign von Toriyama Akira, den die meisten Interessierten am ehesten von Dragon Ball oder Dr. Slump kennen. Das heißt, dass sich knuddelige Monster und verspielte Dörfler regelrecht die Klinke in die Hand drücken und sich wunderbar in das restliche Artdesign einfügen. Ebenfalls wieder mit dabei ist der Soundtrack aus der Feder von Komponist Sugiyama Kōichi, der die Atmosphäre bereichern soll. Leider wiederholen sich einige Stücke zu oft, was insbesondere Vielspielern während der Reise auf der schier übergroßen Oberwelt negativ auffallen dürfte. Ein großer Pluspunkt der Nintendo-Switch-Fassung ist, dass die Musik für diese Version orchestral eingespielt wurde, während die PlayStation-4-Version nach wie vor mit MIDI-Gedudel auskommt. Hier bleibt Square Enix Erstkäufern auch drei Jahre nach der Veröffentlichung einen Patch schuldig. Ein besonders Feature der Switch-Variante ist der aus der nur in Japan veröffentlichten Version für den 3DS entnommene 2D-Modus. Das gesamte Abenteuer kann zusätzlich also auch im 16-Bit-Gewand angegangen werden. Ansonsten bietet die Switch-Fassung noch kleinere Verbesserungen wie eine Manipulation der Kampfgeschwindigkeit, die die Spielzeit nach unten korrigieren kann. Auf der PlayStation 4 haben wir bis zur Platin-Trophäe über 130 Stunden investiert, auf der Switch fällt Dragon Quest XI daher einige Stunden kürzer aus.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch- und PlayStation-4-Fassung): Dragon Quest XI: Streiter des Schicksals bietet eine große und zum Erkunden einladende Spielwelt mit charmanten Charakteren, hübschen Städten, zahlreichen Nebenquests und motivierenden Kämpfen. Mir gefallen auch die acht Protagonisten, die jeweils ihre eigenen, aber doch auf ein gemeinsames Ziel hinlaufenden Beweggründe haben, um sich ins Abenteuer zu stürzen. Lediglich der Held bleibt durchweg ein stummer Langweiler. Da auch diese Spielfigur über eine ausgebaute Hintergrundgeschichte verfügt, ist das doppelt so schade. Im Verlauf des Abenteuers wird er ständig denunziert, bekommt aber niemals die Lippen auseinander. Hier verschenkt Square Enix unnötig Potenzial. Auch in der Geschichte, so märchenhaft diese auch sein mag, beschäftigt sich das Spiel mit Motiven aus anderen Spielen wie The Legend of Zelda: Majora’s Mask oder zieht Parallelen zum Handlungsverlauf von Final Fantasy XV. Es fehlt mir hier und da einfach an Eigenständigkeit, was aber nicht per se etwas Schlechtes sein muss. Mit bis zu 130 Spielstunden kann (!) sich das Spiel zwar zum längsten, aber nicht unbedingt zum besten Serienteil entwickeln. Wer in die Serie einsteigen will, sollte lieber zu Dragon Quest VIII: Die Reise des verwunschenen Königs greifen. Wer aber unbedingt neues klassisches Rollenspielfutter braucht, kann auch mit Dragon Quest XI nichts falsch machen.

Jonas’ Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Es fällt mir nicht leicht zu sagen, warum viele andere Rollenspiele um einiges schlechter sind als Dragon Quest XI. Wahrscheinlich liegt es daran, dass kaum etwas fehl am Platz wirkt und alle Spielsysteme sinnvoll eingebunden sind. Keine dutzenden überflüssigen Nebenmissionen, keine überdimensionalen Talentbäume und keine sinnlosen Texteskapaden. Kurzum: Kein Gramm Fett, das die tolle Rollenspiel-Erfahrung einschränkt. Einige wenige Dinge stören dann aber trotzdem: Nach vielen Spielstunden wird klar, dass die meisten Standardgegner auf der Oberwelt nie eine Gefahr darstellen werden und immer nach demselben Schema besiegt werden. Glücklicherweise vergeht im schnellsten Kampfmodus auf der Switch kaum Zeit pro Auseinandersetzung. Leider kann der Soundtrack bei diesem riesigen Rollenspiel einfach nicht mithalten und fällt sehr schnell mit Wiederholungen negativ auf. Da helfen auch die neuen orchestrierten Stücke nicht viel. Trotzdem schaffen es die sympathischen Figuren, die saubere Technik und das spaßige Skill-System, über die ersten fünfzehn (!) Stunden hinwegzutragen, bevor die Story endlich loslegt. Dragon Quest XI S: Streiter des Schicksals – Definitive Edition ist ohne Frage ein Nintendo-Switch-Highlight.

Vielen Dank an Square Enix und Nintendo für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Dragon Quest XI S: Streiter des Schicksals – Definitive Edition!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s