Review: Immortals: Fenyx Rising

Hin und wieder kommt es tatsächlich vor, dass sich große Publisher an einer neuen Marke versuchen. Mit Immortals: Fenyx Rising erschafft Entwicklerstudio Ubisoft Québec eine neue Spielwelt inklusiver interessanter Charaktere – allerdings nach altbekanntem Rezept.

Wer sich offene Spielwelten vorstellt und sich im gleichen Gedankengang an die Spiele eines französischen Videospielkonzerns erinnert, dem kommt unweigerlich die berühmt-berüchtigte Ubisoft-Formel in den Sinn. Auf Türme klettern, viele kleine Aufgaben lokalisieren und in dutzenden Stunden die ganze Spielwelt abgrasen und im schlimmsten Fall die Story vernachlässigen oder gar vergessen. Ob dies ein gelungenes Rezept für ein Videospiel ist, wurde in den 2010er-Jahren genüge debattiert. Großartig ändern wird sich daran vermutlich nichts, denn in jedem Fall gelingt es Ubisoft so, jede Menge Käufer anzusprechen. Nachdem Ubisoft Québec im Jahr 2018 Assassin’s Creed: Odyssey fertiggestellt hat, ging es bereits an die Entwicklung des nächsten Spiels. Zwar hat sich der Grafikstil verändert, doch im Kern blieben die Entwickler dem Gameplay ihres vorherigen Spiels treu. Eine ähnliche Treue schworen sie wohl auch dem Setting, denn Immortals: Fenyx Rising spielt in einer von der römisch-griechischen Mythologie beeinflussten Welt. Ganz so groß wie das antike Griechenland aus Assassin’s Creed: Odyssey ist die Goldinsel aber nicht geworden. Das heißt nicht, dass die Spielwelt klein ist. Immortals: Fenyx Rising fühlt sich an wie ein vollgestopfter Themenpark, in dem wir von einer Attraktion zur nächsten laufen – und das macht überraschend viel Spaß.

Klare Botschaften

Zu Beginn des Spiels entscheiden wir uns für eine weibliche oder männliche Spielfigur, die oder den titelgebenden Fenyx. In einem rudimentären Baukasten schustern wir Fenyx zusammen, wählen Statur, Haar-, Augen- und Hautfarbe. Ebenfalls entscheiden wir uns für eine männliche oder weibliche Stimme. Ubisoft „übertreibt“ es hier mit der politischen Korrektheit, denn wir dürfen auch einer weiblichen Figur einen langen Bart ins Gesicht zaubern und dem männlichen Fenyx die zur Auswahl stehende Frauenstimme verpassen. Wer irgendwann mit seiner Wahl unglücklich ist, muss das Spiel aber zum Glück nicht von Vorne beginnen. Sobald wir sehr früh im Spiel die Halle der Götter erreicht haben, können wir unseren Charakter kosmetisch umdefinieren. Auf der ominösen Goldinsel gestrandet, erfahren wir Stück für Stück die Hintergrundgeschichte von Immortals: Fenyx Rising. Ungeheuer Typhon hat sich nach Jahrhunderten aus seinem Gefängnis befreit und seinen Kampf gegen die Götter wieder aufgenommen und gewonnen. Auf der Goldinsel sind so gut wie alle Sterblichen zu Stein erstarrt und Gorgonen, Greifen, dreiköpfige Hunde, Minotauren, Harpyien und anderes Getier der römisch-griechischen Mythologie streifen umher. Götterbote Hermes weiht uns in alle wesentlichen Fakten ein, woraufhin wir beschließen, Typhon vom Antlitz der Welt zu tilgen.

Gewöhnungsbedürftiger Humor

Da kommt es dem sehr humorvollen Storytelling gerade recht, dass Göttervater Zeus und der eingesperrte Titan Prometheus eine Wette abschließen, ob ein Sterblicher überhaupt den Mut und die Kraft hat, Typhon in die Schranken zu weisen. Ob einem dieser Humor zusagt, muss jeder für sich selbst entscheiden. In unseren Augen fühlt sich der Humor von Immortals: Fenyx Rising weitgehend aufgesetzt und zum Teil sogar störend an. Die Entwickler haben tatsächlich versucht, in jeder noch so ernsten Situation einen Joke unterzubringen. Dabei richten sich die Witze vor allem an ein jüngeres Publikum. Nur mit wenigen Gags versuchen die Entwickler aufgrund des Alters und der Lebenserfahrung der Figuren explizit erwachsene Spieler anzusprechen. Wer darüber hinwegsehen kann, freut sich aber stets auf ein Wiedersehen mit bekannten Göttern wie der jammernden und in Selbstmitleid zerfließenden Aphrodite und der mürrischen, aber gewieften Athene. Alle Götter haben dabei ihr eigenes Domizil auf der Goldinsel. Bevor sich diese unserer Sache anschließen respektive uns mit ihrem Segen unterstützen, müssen wir ihnen aber zunächst aus der Misere helfen. In jedem Areal entbrennt eine Schnitzeljagd, in der wir das nächste Ziel über den eingeblendeten Kompass am oberen Bildschirmrand verfolgen – würden wir dabei doch nur nicht so oft davon abgelenkt werden!

Römisch-griechischer Themenpark

Sobald wir ein neues Gebiet auf der Goldinsel erreichen, müssen wir auf die jeweilige Statue klettern, die nicht selten den höchsten oder zumindest einen der höchsten Punkte markiert. Von dieser Position aus schweift unser Blick über das ganze Eiland. Allerdings werden die einzelnen Ziele, mit Ausnahme der Hauptmission, nicht automatisch auf der Karte angezeigt. Jede einzelne Truhe, jedes Stückchen Ambrosia und jede noch so verlockende Herausforderung müssen wir einzeln und manuell markieren. Anfangs kostet das zwar Zeit, doch später fällt das nicht mehr so schlimm auf, da wir uns beim Erreichen der nächsten höheren Position fast schon automatisch noch mal umsehen, so immer mehr interessante Plätze im Vorbeigehen markieren und später im Vorbeigehen abgrasen. Wie bereits erwähnt, fühlt sich Immortals: Fenyx Rising wie ein Freizeitpark an. Überall gibt es Tempel oder Ruinen, die Rätsel für uns bereithalten. Da schießen wir mit Pfeil und Bogen durch eine Reihe von Axtlöchern und steuern den Pfeil sogar direkt. An anderer Stelle gilt es hingegen eine kurze Distanz möglichst schnell zurückzulegen. Noch viel interessanter sind Rätsel wie diverse Bilder-Puzzles oder das richtige Positionieren von kleinen Kugeln, die eine Sternenkonstellation ergeben sollen. Die Kugeln selbst müssen wir durchs Absuchen der Umgebung aber erst einmal selbst finden.

Motivierende Rätselkunst

Zu den Highlights von Immortals: Fenyx Rising gehören aber definitiv die Abstiege in den Tartaros. Hierbei handelt es sich um kleinere Dungeons, in den wir noch kniffligere Rätsel lösen als wir es auf der Oberfläche der Goldinsel ohnehin schon tun. In der Unterwelt dominieren vor allem Schalter- und Schieberätsel, die nicht selten miteinander verzahnt sind. Um eine große Kugel von einem Ort zum anderen rollen zu lassen, müssen wir sie nicht selten über Abgründe transportieren. Dazu aktivieren wir Schalter, die einzelne Plattformen bewegen oder für kräftige Luftstöße sorgen. Nur wenn wir alle Rätsel gelöst haben, erhalten wir zur Belohnung einen Blitz des Zeus. Haben wir genug davon gesammelt, steigern wir damit in der Halle der Götter wiederum unsere Ausdauer. Durch eine verlängerte Ausdauerleiste können wir an höheren Abhängen hinaufklettern oder mit den Schwingen des Daidalos länger durch die Lüfte gleiten. Auch alle anderen Collectibles haben ihre Daseinsberechtigung. Mit Ambrosia erweitern wir unsere Lebensenergie und mit Kristallscherben können wir unsere Waffen stärken, unsere Rüstungen aufwerten und die Tragekapazitäten für Pfeile und Heiltränke erhöhen. Letztere brauen wir mit gesammelten Früchten und Pflanzen selbst. Ubisoft weiß geschickt, wie die Sammelgegenstände vernünftig ins Gameplay eingebunden werden.

David gegen Goliath

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt von Immortals: Fenyx Rising sind die Kämpfe mit den angesprochenen Fabelwesen. Mit dem Schwert führen wir schnelle Angriffe aus, bringen den Gegner mit der Axt ins Taumeln und holen mit Pfeil und Bogen fliegende Gegner vom Himmel. Grundsätzlich ergänzen sich die drei Waffen gut, doch ist das Schwert, selbst wenn es weniger Schaden anrichtet wie Axt und Bogen, in seiner Summe zu mächtig. Das liegt unter anderem auch daran, dass das Bogenschießen nur manuell vonstatten geht, da eine automatische Zielerfassung fehlt. Ebenfalls können Kämpfe bei mehreren Gegnern, sprich sobald wir umzingelt sind, unübersichtlich werden. Das ist sehr schade, da Blocken und Ausweichen im richtigen Augenblick kurzzeitig die Zeit verlangsamen lassen, sodass wir uns wie wild durch die Massen schnetzeln könnten. So wirken die Scharmützel weitgehend chaotisch, spielen sich aber immer besser, je weniger Kampfteilnehmer auf dem Bildschirm herumwuseln. Um besonders kräftige Monster zu besiegen, können wir auch Felsbrocken oder abgeschnittene Baumstämme auf Knopfdruck an uns heranziehen und prompt auf die Gegner werfen. So schwächen wir deren Verteidigung und können unsere Gegenoffensive starten. Mit gesammelten Charonsmünzen lernen wir im Spielverlauf mehr oder weniger brauchbare Fähigkeiten.

Profitable sechzig Bilder pro Sekunde

Zugegebenermaßen erinnert das farbenfrohe Spiel nicht nur optisch an The Legend of Zelda: Breath of the Wild. Auch am Gameplay haben sich die kanadischen Entwickler an Nintendos umstrittenen Action-Adventure aus dem Jahr 2017 orientiert. Allerdings ist Immortals: Fenyx Rising besser konzipiert: Waffen können nicht zerbrechen, das Brauen von Heiltränken ist nur einen Knopfdruck entfernt, überall gibt es sinnvolle Ausrüstungsgegenstände zu finden und die wesentlich kleinere Spielwelt ist auf engerem Raum mit deutlich mehr Inhalt gefüllt. Obwohl der Titel sowohl auf der Nintendo Switch als auch auf der PlayStation 5 läuft, empfehlen wir vor allem unter technischen Voraussetzungen den Griff zu Sonys aktuellem Konsolenflagschiff. Es sieht nicht nur schön aus, sondern läuft im Performance-Modus mit flotten sechzig Bildern pro Sekunde. Das sorgt für ein angenehmes Spieltempo, wovon vor allem das schnelle Abklappern der Goldinsel profitiert. Immortals: Fenyx Rising ist ein Spiel, in dem wir uns flott von einem Ort zum anderen bewegen wollen – und die Bildwiederholungsrate unterstützt dieses Gefühl enorm. Dennoch kassiert das Action-Adventure, das wir durchweg aus der dritten Person spielen, eine Schelte für seine unzeitgemäßen Animationen. Besonders Mimik und Gestik der Charaktere fühlen sich an wie ein Spiel aus den späten 2000er-Jahren.

Atmosphärische Grenze

Ohnehin fallen die Gesichtsanimationen der comichaften Figuren nur dann auf, wenn wir sie in den Zwischensequenzen sehen. Da wir einen Großteil unserer Zeit damit verbringen, in der Spielwelt Ausschau nach Ambrosia oder verschlossenen Truhen zu halten, fällt das Defizit nicht so schwer ins Gewicht. Dafür überzeugen uns sehr gute deutsche Synchronsprecher, die vor allem Fans von Fernsehserien kennen. Die weibliche Fenyx wird zum Beispiel von Alice Bauer gesprochen, die unter anderem schon Camila Carraro Mendes in Riverdale ihre Stimme lieh. Ebenfalls mit von der Partie sind Johannes Berenz für Prometheus und Peter Reinhardt für Zeus. Während Berenz beispielsweise Joshua Lee Holloway in Lost gesprochen hat, stand Reinhard für Peter Killian Gallagher in O.C. California hinter dem Mikrofon. Alle Synchronsprecher bereichern die Atmosphäre genauso wie die sehr passenden Hintergrundmelodien die Exploration. Auch wenn die Soundeffekte den Klang der Aktionen gut unterlegen, ist es schade, dass der Lautsprecher des DualSense Controllers der PlayStation 5 nicht unterstützt wird. Selbiges gilt auch für das haptische Feedback der adaptiven Trigger. Hier bleibt nur zu hoffen, dass die Entwickler Demon’s Souls einmal ausprobieren und ihrem Titel ein Update spendieren. Das Spiel könnte in vielen Momenten davon profitieren! Immortals: Fenyx Rising bleibt dennoch ein angemessenes Action-Adventure, das über dutzende Stunden hinweg begeistert.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-5-Fassung): Immortals: Fenyx Rising hat mich sehr interessiert, als es als Gods & Monsters angekündigt wurde. Als sich dann aber immer mehr abgezeichnet hat, dass sich das Spiel am Konzept von The Legend of Zelda: Breath of the Wild bedient, hatte ich den Titel innerlich bereits abgeschrieben. Dennoch bin ich froh, dem Spiel eine Chance gegeben zu haben. Das Action-Adventure bietet so viel mehr als der Ausreißer von Nintendos langlebigen Franchise. Es gibt zwar nur eine begrenzte Anzahl von Charakteren und auch der Humor wirkt in meinen Augen beziehungsweise Ohren einfach nur aufgesetzt, aber auf spielerischer Ebene wischt Immortals: Fenyx Rising mit anderen Genre-Vertretern den Boden auf. An allen Ecken und Enden gibt es etwas zu tun und jeder kleine Fortschritt an einer Stelle des Spiels sorgt dafür, dass ich meine Fähigkeiten erweitere, die mir dann ganz neue Optionen an anderer Stelle ermöglichen. Für viele ist diese berühmt-berüchtigte Ubisoft-Formel sicher ein Dorn im Auge – und das kann ich auch sehr gut nachvollziehen, da mich das Konzept ebenfalls anödet. Wenn ein Spiel wie Immortals: Fenyx Rising es mit seiner zugänglichen Art und schnellen Spielweise aber schafft, dass ich die Zeit vergesse und auf einmal merke, dass ich den ganzen Tag über die Goldinsel erforscht habe, dann macht es irgendetwas richtig.

Vielen Dank an Ubisoft für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Immortals: Fenyx Rising!

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