Review: Ocean’s Heart

Oftmals können Entwickler nicht verleugnen, dass sie für ihr eigenes Werk bereits vorhandene Spiele von kreativen Köpfen neu interpretieren oder sich gar vor diesen verbeugen. Über Max Mraz, dem alleinigen Entwickler von Ocean’s Heart, lässt sich sagen, dass er das Vorbild für sein Spiel regelrecht vergöttert.

Bisherige Versuche, das typische The-Legend-of-Zelda-Gefühl auf das eigene Spiel zu übertragen, haben selten durchweg überzeugen können. Ocean’s Heart hat ebenfalls seine Macken, kommt dem großen Vorbild aus dem Hause Nintendo vom Gefühl her aber näher als zum Beispiel Oceanhorn: Monster of Uncharted Seas. Das fängt schon bei der Wahl des Charakters an, denn in Ocean’s Heart schlüpfen wir in die Rolle von Tilia, die noch ein ungeschriebenes Blatt ist. Zusammen mit ihrem Vater Malvo und ihrer Schwester Linden lebt sie auf der kleinen Kalksteininsel im fantasievollen Nordmeer. Alle Figuren auf der Kalksteininsel gehen ihrem Tagwerk nach und so soll Tilia aus dem Geheimvorrat ihres Vaters eine Schnapskiste besorgen, damit die Gäste in der Familientaverne nicht auf dem Trockenen sitzen. Blöderweise überfallen in dieser Zeit Piraten die Insel und entführen Tilias beste Freundin Hasel. Ihr Vater Malvo, immerhin ein renommiertes Mitglied der Freiwilligen Flotte, eilt sofort zur Rettung. Sechs Monate ziehen ins Land, ohne dass Tilia und Linden etwas von ihrem Erzeuger oder ihrer Freundin hören. Damit das Abenteuer in Schwung kommt, machen wir uns mit Tilia auf die Suche nach den beiden. So reisen wir in Ocean’s Heart kreuz und quer durch die üppige Inselwelt, spielen Detektivin und finden immer mehr Einzelheiten über die Piraten und das Verschwinden unserer Liebsten heraus.

Liebevolle Spielwelt

Hauptsächlich wird die zuckersüße Geschichte von Ocean’s Heart, ähnlich wie im vergleichbaren Titel Blossom Tales: The Sleeping King, über zahlreiche Dialoge und wenige Monologe vorangetrieben. Die Bildschirmtexte liegen unter anderem auf Deutsch oder Englisch vor und sind in diesen beiden Sprachfassungen fast durchweg gelungen. Die Sprache ist meistens einfach oder gar schlicht, dafür aber mit reichlich Humor angereichert. Wenn wir mit Tilia Schatzkarten in einem Piratenversteck durchstöbern und sich dazwischen ein abgebrochenes Kreuzworträtsel befindet, kommen wir nicht umher, um über den Sachverhalt zu schmunzeln. Ocean’s Heart ist voller seichter Gags, die das Abenteuer stets auflockern. Wir konzentrieren uns aber nicht nur auf die Suche nach Malvo und Hasel, denn das Nordmeer wird in den kleinen und großen Städten und in der Wildnis von einzigartigen Figuren bevölkert. Diese werden zwar nicht ansatzweise so stark charakterisiert wie die Hauptfiguren, doch verdichten sie ein ganzes Stück die Atmosphäre der Spielwelt. Da wir von den Nicht-Spieler-Charakteren nicht selten mit Nebenaufgaben betraut werden, führt das auch dazu, dass wir mehrmals mit ihnen sprechen müssen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass wir durch die Aufträge und Botengänge auch die nähere und fernere Umgebung peu à peu besser kennenlernen. Nach und nach kristallisiert sich so ein stimmungsvolles Bild der Welt heraus.

Erkundungsdrang als Motivation

Einen Blumentopf für die beste Story gewinnt Ocean’s Heart aber nicht. Dafür sind die Erlebnisse zu vorhersehbar und die einzelnen Charaktere nicht tiefgründig genug. Wie das Vorbild zählt in Mraz’ Spiel aber vor allem das Gameplay und genau in dieser Disziplin weiß das Action-Adventure weitgehend zu überzeugen. Nach und nach erhalten wir durch das Abklappern von Dungeons oder für das Erfüllen bestimmter Voraussetzungen neue Gegenstände, mit denen sich die Spielwelt häppchenweise öffnet. Obwohl schon kurz nach Spielstart ein Großteil der Welt für uns offen steht, gibt es immer wieder Stellen, die wir nur erreichen können, wenn wir das richtige Item einsetzen. Mit dem Eichenamulett können wir beispielsweise schwere Objekte aufheben, die uns den Weg blockieren. Entdecken wir zugeschüttete Eingänge, können wir die Höhle dahinter mit dem geschickten Einsatz von Bomben freilegen. Ist irgendwo eine Fackel erloschen, so sollten wir diese schleunigst wieder anzünden. Dieses Konzept hat Miyamoto Shigeru schon im ersten The Legend of Zelda zu einem großartigen Spielgefühl gemacht. Mraz kopiert diese Dinge frech. Fakt ist aber, dass er mit Ocean’s Heart genau die Spieler anspricht, die von Nintendos Experimenten wie The Legend of Zelda: Breath of the Wild regelrecht vor den Kopf gestoßen werden. Es müssen nicht immer Innovationen sein!

Unausbalancierter Schwierigkeitsgrad

An anderer Stelle geht Mraz mit Ocean’s Heart aber ein Stück weiter, denn für unser Schwert, unsere Pfeile, unsere Bomben und unsere Rüstung lassen sich im Nordmeer jede Menge Upgrades finden. Nicht selten benötigen für die Verbesserungen auch bestimmte Materialien, die wiederum in der Spielwelt verborgen sind. So rüsten wir uns über die ganze Spielzeit ständig auf, können immer mehr Treffer einstecken oder mehr austeilen. Grundsätzlich ist das eine feine Idee, da dies auf der einen Seite dazu führt, gegen immer stärkere Gegner in neu entdeckten Gebieten zu kämpfen und noch mehr in die Spielwelt einzutauchen. Auf der anderen Seite kann das die Balance bei Entdeckernaturen kräftig stören. Während wir den Schwierigkeitsgrad vor allem zu Beginn von Ocean’s Heart als recht knackig empfinden, fällt er zum Ende hin viel zu leicht aus. Selbst größere Bossgegner, die theoretisch mehr Treffer einstecken, sind durch den Einsatz eines kräftigen Schwertes oder gar übermächtiger Magie binnen weniger Sekunden besiegt. Selbst wenn wir uns im Spiel mit einem Fluch belegen lassen, der die Gegner stärker macht, fällt das in den letzten Stunden des Spiels kaum merklich ins Gewicht. Zumindest, wenn wir über genug Energiepunkte – dem Äquivalent zu den Herzcontainern – verfügen, die wir in der Welt finden. Das hätte in der Entwicklung auffallen müssen.

Vielversprechende Immersion

Ein wenig unschön fallen die Kämpfe aus, denn die Kollisionsabfrage lässt hier und da zu wünschen übrig. Nicht immer ist es klar, wie weit wir mit unserer Waffe ausholen oder ob uns der Gegner noch erreichen kann. Daran gewöhnen wir uns zwar mit der Zeit, doch hätte der Entwickler vor der Veröffentlichung noch einmal am Kampfsystem feilen können. Trotzdem macht das Action-Adventure jede Menge Spaß, denn gerade die Rätsel, die klar ans Vorbild angelehnt sind, funktionieren auch in Ocean’s Heart außerordentlich gut. Neben dem bedachten Einsatz von Items müssen hier Schalter umgelegt und Schlüssel gefunden werden, die wiederum verschlossene Türen öffnen, hinter denen sich entweder der nächste Weg oder oft auch eine Schatztruhe versteckt. Noch dazu verrät einem das Spiel die größten Geheimnisse nur in Dialogen mit den Bewohnern der Spielwelt. Wer also wissen will, hinter welcher Wand sich im Kloster auf dem Marmorfelsen ein geheimer Raum befindet, muss dies in einem Gespräch erst einmal herausfinden. Noch stärker wird die Immersion durch das Verzehren von Mahlzeiten geprägt, denn die Lebensenergie kann ausschließlich so aufgefüllt werden. Also sammeln wir Äpfel und Beeren oder verkaufen Monsterinnereien in der Stadt, um uns dafür Brote oder Tränke zu kaufen. Ein wenig erinnert das an das Rollenspiel Final Fantasy XII.

Charmantes Abenteuer mit Nostalgiefaktor

In puncto Bedienung geht Ocean’s Heart in Ordnung. Wir finden es aber sehr schade, dass wir die Steuerung nicht frei belegen können, was vor allem auf Gamepads tragisch ist. Auf unserem einem Super-Nintendo-Controller nachempfundenen Eingabegerät von Hersteller Buffalo öffnen wir das Menü beispielsweise mit der linken Schulter-, statt mit der Start- oder der Select-Taste. Optisch ähnelt Ocean’s Heart vor allem The Legend of Zelda: The Minish Cap, doch auch Einflüsse von The Legend of Zelda: A Link to the Past und The Legend of Zelda: Link’s Awakening sind zu spüren. Der kunterbunte 16-Bit-Grafikstil überzeugt mit charmanten Charaktermodellen und niedlichen Animationen. Dazu gesellen sich passende Musikstücke, die aber meistens sehr ruhig sind. Während die Melodien der romantisierten Piratenthematik vor allem in den Städten ihren Stempel aufdrücken, fehlt es uns vor allem in den Kämpfen und bei der Erkundung ein wenig an Wucht. Dafür punkten die nostalgischen Soundeffekte, die beim Betreten von Treppen oder dem Fallen in Abgründe einmal mehr ans Vorbild erinnert. Obwohl das Spiel technisch weitgehend eine gute Figur macht, sind wir gelegentlich über Bugs gestolpert. So ließ sich eine spielrelevante Stelle erst passieren, als wir die Spracheinstellung temporär von Deutsch auf Englisch geändert haben. Ganz ausgefeilt ist Ocean’s Heart über seine angenehme und circa elf- bis zwölfstündige Spielzeit damit zwar nicht, aber dennoch eine klare Kaufempfehlung für alle Action-Adventure-Fans!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: Ocean’s Heart von Entwickler Max Mraz fängt die bekannte The-Legend-of-Zelda-Formel wirklich gut ein. Das Action-Adventure bietet ausgewogene Kost zwischen Story, Erkundung, Rätseln und Kämpfen, wobei das Gameplay klar und deutlich im Vordergrund steht. Mit dem Nordmeer bietet das Spiel eine kompakte und detailverliebte Welt, in der sich bei mir schnell ein heimeliges Gefühl einstellt. Wie im Rausch möchte ich schnell die Inselwelt erkunden und Geheimnisse aufspüren. Stets ist auch das Verlangen da, Tilia bis an die Zähne mit Items, Schwert- und Rüstungsupgrades zu bewaffnen. Ebenfalls visuell ist das Spiel ein wahrer Genuss für jedweden Nostalgiker oder Retro-Fan, der mit dem Super Nintendo oder dem Game Boy Advance aufgewachsen ist. In musikalischer Hinsicht geht der Soundtrack zwar in Ordnung, ist mir persönlich aber überwiegend zu ruhig. Lediglich ein paar Punkte gibt es an Ocean’s Heart auszusetzen. Alle Bugs, über die ich im Spiel stolpere, wären meiner Meinung nach vermeidbar gewesen, hätte Mraz noch ein wenig mehr Zeit in die Entwicklung gesteckt. Auch die Kollisionsabfrage in den Kämpfen ist verbesserungswürdig. Zudem gibt es keine Komfortfunktionen wie das Markieren von interessanten, aber noch nicht zugänglichen Stellen auf der Übersichtskarte. Trotz seiner klar vorhandenen Defizite macht Ocean’s Heart eine Menge Spaß und ist in meinen Augen sogar die beste Alternative zu Nintendos The-Legend-of-Zelda-Reihe!

Vielen Dank an Nordcurrent für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Ocean’s Heart!

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