Review: Princess Principal (Vol. 1)

Regisseur Tachibana Masaki setzte 2017 die auf dem Manga von Akizuki Ryō basierende Anime-Serie Princess Principal um. Es dauerte fast genau drei Jahre, bis die Serie auch im deutschsprachigen Raum erschien. Kazé Anime beendete im Mai 2020 endlich das Warten.

Ende des 19. Jahrhunderts hat sich das Königreich Albion dank seiner Luftwaffe zur größten Hegemonialmacht auf der Erde aufgespielt. Dies liegt allen voran an der Entdeckung des so genannten Cavorites, einem mysteriösen Material, mit dem es möglich ist, die Gesetze der Schwerkraft auszuhebeln. Durch eine Revolution wurde das Land einige Zeit später jedoch in Ost und West gespalten, in eine Republik und ein Königreich. Beide Nationen sind durch eine Mauer voneinander getrennt, wobei sich der Haupthandlungsort von Princess Principal an der Nahtstelle in London befindet. Dort findet zwischen den Geheimagenten beider Nationen ein Schattenkrieg statt. Schon in der ersten Episode der Anime-Serie ist zu erkennen, dass die Erzählweise sehr erwachsen ist, da sie keinerlei Kompromisse eingeht oder Sachverhalte beschönigt. Da Princess Principal in manchen Punkten nicht chronologisch erzählt wird, dürfte es dem einen oder anderen Zuschauer zudem etwas schwerer fallen, in die Serie einzusteigen. Beispielsweise demonstriert die erste Folge den dreizehnten Fall der Agenten, die zweite Episode wiederum den ersten Auftrag. Das erinnert ein wenig an die Anime-Serie Record of Lodoss War, ist in Princess Principal aber deutlich komplexer, da es sich innerhalb der Struktur eben nicht auf eine einzelne Folge bezieht, sondern gleich die komplette Serie durchzieht.

Expertenrunde der Geheimagenten

Ganz ohne Anime-Klischees kommt Princess Principal von den beiden Animationsstudios 3Hz und Actas allerdings nicht aus. Im Fokus der Erzählung stehen ausnahmslos weibliche Figuren, die die Queen’s Mayfair School besuchen. Diese Akademie nutzen die Charaktere, allesamt Geheimagenten, aber nur als Tarnung. Von ihrem Klubraum aus planen die Mädchen ihre nächsten Aufträge. Diese erhalten sie zuvor von Regierungsmitarbeitern im Geheimen, wie es Fans von Spionagefilmen, beispielsweise von James Bond und Co, kennen. Dennoch muss Manga-Zeichner Akizuki zugutegehalten werden, dass seine weiblichen Schöpfungen allesamt unterschiedliche Wesenszüge und Talente aufwerfen. Protagonistin Ange ist zum Beispiel die Lügnerin des Teams. Sie verzerrt die Wahrheit bis ins letzte Detail und ändert damit zugleich ihre Persönlichkeit, um an wichtige Informationen zu gelangen. Dorothy ist hingegen bewandert im Umgang mit Fahrzeugen, fährt also oft den Fluchtwagen, und lässt ihre weiblichen Reize sprechen, um männliches Wachpersonal abzulenken. Beatrice ist als Bedienstete wiederum stets an der Seite der titelgebenden Prinzessin. Ihr Vater benutzte sie für seine wissenschaftlichen Experimente, sodass sie über einen eingebauten Stimmenverzerrer verfügt. Wer jetzt an Aoyama Gōshōs Detektiv Conan denkt, darf genüsslich schweigen.

Steampunk-Spionage

Über die Prinzessin soll nun aber kaum ein Wort verloren werden, da sie mit Abstand die interessanteste Figur der Serie ist. Als Teil des Teams trägt sie dazu bei, dass die Mission glückt. Allerdings wirft ihre Identität Rätsel auf, sodass selbst Misstrauen in der Regierung geschürt wird. Auf diese Art und Weise sind Lügen und Wahrheit in Princess Principal die vermeintlich wichtigsten Themen, die behandelt werden. All das spielt sich vor der Kulisse einer Steampunk-Welt ab, in der überall Zahnräder, Rohre und aufsteigender Dampf in der Londoner Innenstadt das Leben der Bevölkerung dominieren. Das bereits angesprochene Cavorite ist hingegen Herbert George Wells Roman Die ersten Menschen im Mond entlehnt, das dort eine ähnliche Funktion aufweist. Allgemein lässt sich sagen, dass die Anime-Serie nicht mit Details geizt. Sämtliche Charaktere sind vielseitig gestaltet und wunderbar animiert. Sie passen hervorragend zum Hintergrund, setzen sich aber in mindestens genauso vielen Fällen von diesem ab, was dann in der Regel an der Unschärfe liegt. Ständig ist das Bild in Bewegung, was vortrefflich zur dynamischen Handlung passt. Musikalisch gibt es wiederum Saxophon- und Klavierklänge auf die Ohren, wodurch Princess Principal auch in akustischer Hinsicht ein wahrer Genuss ist. In puncto Gestaltung sucht die Anime-Serie auf jeden Fall ihresgleichen!

Starre Picture Dramas

Während das bildschirmfüllende Abenteuer im 16:9-Format in der Auflösung von 1080p auf ganzer Linie punktet und auch die Akustik in DTS-HD Master Audio 2.0 einen kristallklaren Ton abliefert, sieht es beim Bonusmaterial leider ein wenig anders aus. Neben den üblichen Trailern zu anderen Produkten aus dem Kazé-Anime-Sortiment bietet die Blu-ray Disc sehr wenige digitale Inhalte. Neben dem typischen Clean Opening und dem Clean Ending gibt es drei sogenannte Picture Dramas. Diese nehmen in Princess Principal im Grunde die Funktion der humorvollen Mini-Episoden von anderen Anime-Serien ein, in denen weitere Informationen über die Charaktere fallengelassen werden. Leider unterscheiden sich die Picture Dramas vehement von dem bekannten Muster der Mini-Episoden, denn Bewegungen finden hier lediglich im Rahmen der Kameraführung statt. Diese fahren über feststehende Bilder, während die japanischen Synchronsprecher der Figuren in ihre Rollen schlüpfen und sich unterhalten. Das ist zwar eine interessante Idee, doch wird das Medium auf diese Weise natürlich nicht ausgereizt. Hier wäre mehr möglich gewesen. Dafür entschädigt im physischen Bonusbereich ein schmuckes Booklet, das mit satten 48 Seiten regelrecht zum Schmökern einlädt und dafür sorgt, dass sich der Zuschauer abseits der Serie mit Princess Principal beschäftigen kann.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Princess Principal liefert in der ersten Volume einen unglaublich guten Serienstart hin. Die nicht chronologische Reihenfolge der Episoden sorgt dafür, dass sich der anspruchsvolle Zuschauer wesentlich mehr mit den Figuren beschäftigt und die Geschehnisse in einen Kontext zueinander setzen muss, um sie zu verstehen. Mit der Spionage-Thematik bleibt es in keiner Folge langweilig, was auch an der unterschiedlichen Charakteren liegt, die allesamt ihre eigenen Wesenszüge und Talente aufweisen, die Princess Principal zudem sehr abwechslungsreich und vor allem unterhaltsam machen. Mit der Steampunk-Welt als Kulisse ergibt sich so ein einzigartiges Gesamtbild, das im Anime-Sektor in dieser Form nahezu alternativlos ist. Auch auf der technischen Ebene überzeugen die detaillierten und vielseitig animierten Charaktermodelle, die hübschen Effekte und die gelungene Musikuntermalung. Lediglich beim digitalen Bonusmaterial bleibt die Serie unter den Erwartungen zurück. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, kommt aber definitiv in den Genuss einer vielversprechenden Anime-Serie, die jeder einmal gesehen haben sollte.

Vielen Dank an Kazé Anime für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Princess Principal (Vol. 1)!

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