Review: The Great Ace Attorney Chronicles

Bis vor Kurzem hätte niemand gedacht, dass The Great Ace Attorney: Adventures und The Great Attorney 2: Resolve jemals in Europa erscheinen. Ursprünglich 2015 und 2017 für den 3DS in Japan veröffentlicht, reichte Publisher Capcom beide Spiele im Juli 2021 endlich nach.

The Great Ace Attorney Chronicles ist eine Kollektion, die aus den beiden Spielen The Great Ace Attorney: Adventures und The Great Ace Attorney 2: Resolve besteht. Beide Abenteuer beinhalten jeweils fünf Episoden, die leicht miteinander verflochten sind, aber dennoch ihre ganz eigenen Fälle schildern. Im Gegensatz zu den vorherigen Titeln der Ace-Attorney-Reihe spielen die Titel nicht mehr im gegenwärtigen Japan, sondern machen einen großen Sprung zurück in die Vergangenheit. Einerseits findet das Geschehen im Japan der Meiji-Zeit, andererseits im viktorianischen England statt. Der Zeitraum um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist unserer Meinung nach clever gewählt, da die Kriminalistik nach unserem heutigen Verständnis noch in den Kinderschuhen steckte. So wundert es uns noch viel weniger als in den vorherigen Spielen, welch regelrecht absurde Fälle vor Gericht landen, die wir aufklären müssen. In unserem ersten Fall müssen wir uns zum Beispiel selbst verteidigen, da wir angeblich einen Professor unserer Universität ermordet haben sollen. Mittel, Motiv und Gelegenheit werden gar nicht hinterfragt. Im Gegensatz zur Realität sind wir schuldig bis unsere Unschuld bewiesen ist. Selbst der Richter scheint mehr auf Seiten des japanischen Staatsanwaltes oder der englischen Jury zu sein, als die Tatsachen einfach nüchtern zu betrachten. Haarsträubend!

Textlastige Gerichtsverhandlungen

Dennoch passt gerade der erste Fall sehr gut zu Hauptfigur Naruhodō Ryūnosuke, der sich zu diesem Zeitpunkt noch mitten im Studium befindet. Mit der Zeit und mit der Unterstützung seines guten Freundes Asōgi Kazuma und seiner Assistentin Mikotoba Susato reift er jedoch vom unsicheren Student zu einem Anwalt mit Gerechtigkeitssinn heran, der an seine Mandanten glaubt. Erzählt wird die Geschichte, wie für das Franchise üblich, hauptsächlich über sehr lange Dialoge. Vor Gericht besteht unsere Aufgabe darin, die Zeugen während des Kreuzverhörs in die Mangel zu nehmen, Widersprüche in ihren Aussagen aufzudecken und Beweise und Indizien zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen. Machen wir einen Fehler, wird uns einer von fünf Versuchen abgezogen. Gravierend ist das aber nicht, da wir jederzeit speichern und den alten Spielstand laden können. Wichtig ist also, aufmerksam die Texte zu lesen. Wer aufpasst, findet den einen richtigen Weg durch die zeitlich ausufernde Gerichtsverhandlung. Abzweigungen und Abkürzungen gibt es nicht. Gerechtigkeit braucht seine Zeit. Nicht selten vergeht so auch schon mal eine Viertelstunde, bis wir wieder ins Geschehen eingreifen dürfen. Wer Visual Novels nicht mag und keine Charakterstudien an seinen Gegenübern durchführen will, wird mit The Great Ace Attorney Chronicles wohl nicht viel anfangen können. Da hilft es auch wenig, dass wir gelegentlich selbst den Tatort nach neuen Spuren absuchen müssen.

Charmante Inszenierung

Illustre und überzeichnete Figuren wie ein Mütterchen an ihrem Lebensabend, das fröhlich ihre nächste Kreation strickt oder einem Soldaten, der seinen Neugeborenen auf dem Rücken trägt, machen The Great Ace Attorney Chronicles zu einem unverwechselbaren Genuss. Humor wird großgeschrieben – und dieser macht auch nicht vor den sehr gut geschriebenen englischen Dialogen Halt. Eine deutsche Übersetzung gibt es bedauerlicherweise nicht. Um beide Spiele stolperfrei zu können, ist gutes Schulenglisch eine Grundvoraussetzung. Hinzu kommen Fachbegriffe, die nachgeschlagen werden müssen, aufgrund ihrer Häufigkeit aber schnell verinnerlicht sind. Im Übrigen haben wir die Wahl zwischen einer englischen und japanischen Synchronisation, die überwiegend jedoch nur Sprachsamples abdeckt. Von einer Vollvertonung wie in Famicom Detective Club: The Missing Heir & The Girl who stands behind kann die Kollektion nur träumen. In visueller Hinsicht wurden die Spiele für die Veröffentlichung auf der Nintendo Switch, der PlayStation 4 und dem PC etwas aufpoliert. Erwartet hier aber keine Wunder, denn obwohl das Charakterdesign gefällt, wirken die Animationen trotz ihres Charmes veraltet. Am Ende steht und fällt der Kauf aber nach wie vor mit der Bereitschaft, ellenlange Texte zu lesen. Ist diese vorhanden, steht dem Spielspaß nichts mehr im Wege!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-4-Fassung): Lange habe ich auf The Great Ace Attorney Chronicles gewartet. Nachdem ich irgendwann die Hoffnung aufgegeben habe, dass Capcom die beiden Spiele für den Nintendo 3DS hierzulande noch veröffentlichen wird, kündigt der japanische Publisher plötzlich und wie aus dem Nichts eine Portierung an, die auch in Europa erschienen ist. Das Warten hat sich in meinen Augen definitiv gelohnt, denn sowohl das Japan der Meiji-Zeit als auch das viktorianische England bieten mir genügend Gründe, mich noch einmal auf ellenlange und ausufernde, aber dennoch sehr spaßige Gerichtsverhandlungen einzulassen. Besonders die Musik hat es mir angetan, die jede Gemütsverfassung von Naruhodō Ryūnosuke stimmungsvoll ausdrückt. Hinzu kommen einmal mehr illustre und regelrecht durchgeknallte Charaktere, die den Ernst der Lage mit Humor wie eine Karikatur des Lebens erscheinen lassen. Schuldig bis die Unschuld bewiesen ist, heißt die Devise. Eine Devise, die mich in The Great Ace Attorney Chronicles fünfzig Stunden lang nicht loslässt, bis auch der letzte Mandant wieder in die Freiheit entlassen wird.

Vielen Dank an Capcom für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von The Great Ace Attorney Chronicles!

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