Review: Tales of Arise

Zum ersten Mal seit langer Zeit versucht die beliebte japanische Tales-of-Rollenspielreihe mit dem neuesten Ableger Tales of Arise wieder an die Moderne anzuknüpfen – zumindest technisch. Spielerisch bleibt beim ersten Serieneintrag auf der PlayStation 5 vieles beim Alten.

Tales of ist als Rollenspielmarke aus dem Hause Bandai Namco für ihre große Anzahl an Episoden bekannt. Der letzte Hauptteil, genauer gesagt Tales of Berseria, liegt aber schon mehr als fünf Jahre zurück. Tales of Arise erschien am 10. September 2021 nicht nur für alle relevanten Plattformen, sprich sowohl für die PlayStation- und Xbox-Konsolen als auch für den PC, sondern zum ersten Mal auch weltweit gleichzeitig. Dies, und die auf den ersten Blick sichtbar verbesserte Technik machen deutlich, dass Bandai Namco mit diesem Projekt einen großen Schritt für die Reihe geplant hat. Wie die Dragon-Quest-Reihe aus dem Hause Square Enix immer wieder beweist, muss das Rad dabei spielerisch nicht neu erfunden werden. Das hat auch Tales of Arise nicht vor, denn auch die Story und die Charaktere bewegen sich direkt vom Start an in gewohnten Bahnen. Der Spieler übernimmt die Rolle des jugendlichen männlichen Protagonisten, dessen Gesicht von einer eisernen Maske komplett verdeckt wird und er so erst mal nur auf den Namen „Eisenmaske“ hört. Wie passend! Dieser gesichtslose Charakter wird zudem noch von einer tückischen Amnesie geplagt und besitzt überhaupt keinerlei Schmerzempfinden. Als Sklave fristet er mit den anderen Bewohnern seines Heimatplaneten Dahna sein schweres Arbeiterleben. Allerdings rückt der Zeitpunkt für eine Revolution gegen die Unterdrücker des technisch fortschrittlicheren Nachbarplaneten näher und näher.

Ungleiches Paar

Tatsächlich ist es dann der Protagonist, der die jahrhundertlange Unterdrückung mit seinem Willen und seinem Mut anfechtet. Das gelingt ihm dank der jungen Dame Shionne. Sie wurde mit einem Fluch belegt, der jedem Menschen höllische Schmerzen zufügt, der es wagt, sie zu berühren. Für den schmerzlosen Eisenmaske ist dieser wandelnde Stromschläger kein Problem, weswegen er kurzerhand ein flammendes Schwert aus ihrer Brust zieht – warum auch nicht! Die anfänglich sehr ausgetretenen japanischen Rollenspielklischees werden in Tales of Arise durch frische kleine Ideen wie die Dualität dieser beiden Figuren, die Motivation der feindlichen Herrscher und einer stetig sichtbaren Charakterentwicklung aufgelockert. Spätestens sobald die Spielergruppe voll ist, entfaltet sich auch eine nette Gruppendynamik. Dank dieses besonderen Schwertes haben die Bewohner Dahnas wieder eine reale Chance gegen ihre Unterdrücker. So macht sich die stetig wachsende Heldentruppe auf, die einzelnen Herrschaftsgebiete von ihren Unterdrückern zu befreien. Sehr typisch für das Genre gibt es hier das Wüstengebiet, die Eislandschaft sowie das Areal im saftigen Grün – alle nur durch kleine Tunnel verbunden. Technisch sehen diese Spielabschnitte zwar wunderhübsch aus, doch was die Interaktivität und den Nutzen für das Gameplay angeht, könnte Tales of Arise auch ein altes PlayStation-Spiel sein. Diesbezüglich hätten sich die Entwickler mehr trauen können.

Anime zum Selberspielen

Selbiges gilt auch für die Städte, die visuell herausragen, aber bis auf das lokale Wirtshaus und vielleicht einem Story-Gebäude keine offenen Türen für den Spieler bietet und stets Kulisse bleiben. Technisch besticht Tales of Arise mit einem sehr bunten Anime-Stil, der von einem faszinierenden cel-shading-artigen Filter aufgehübscht wird. Manche Umgebungen sehen vom Design sehr realistisch aus, passen durch ihre farbenfrohe Natur jedoch immer in die bunte Anime-Optik. Schade sind nur die Popups von Figuren. Apropos Anime – In den zahlreichen Kämpfen baut Tales of Arise das Gefühl, einen Anime zu spielen, noch einmal mehr aus als die Vorgänger. Das actionbasierte Kampfsystem überschüttet die Augen der Spieler mit Effekten und Spezialmanövern, die von den Figuren auch selbstverständlich ununterbrochen laut ausgerufen werden. Leider fühlen sich die meisten Kämpfe eher gleich an. Ausgenommen sind hier die Bosskämpfe. Normale Schwerthiebe werden mit den bekannten Spezialangriffen der Reihe, die so genannten Artes, verknüpft. Diese sind dann zum Beispiel ein Rundumschlag oder ein Aufwärtshieb, der die Gegner in die Luft befördert. Anschließend wird die Schlagkombination solange in die Höhe getrieben, bis die Aktionspunkte zuneige gehen oder der Gegner endlich den Tod gefunden hat. So weit, so bekannt.

Wechselhafte Kämpfe

Weder die lahme Gegner-Intelligenz noch die Haptik des überarbeiteten Kampfsystems, das wie für die Tales-of-Reihe üblich weder responsive Aktionen bietet, noch langsam taktisch geprägt ist, sorgten für ein erinnerungswürdiges Kampfgefühl. Mit der Zeit führt Tales of Arise allerdings neue Mechaniken in das Kampfsystem ein, sodass alleine die Animationen der Spezialangriffe und Finisher nie langweilig werden. Wer will, kann auch zu jeder Zeit die Kontrolle aller anderen Spielfiguren übernehmen. Von diesen kämpfen in Tales of Arise immer vier gleichzeitig. Die Anzahl an Artes ist hierbei beeindruckend, allerdings ist die Art des Angriffs selten entscheidend. Es zählt wie schon in vorherigen Ablegern der Reihe eigentlich nur die Masse. Die Gegner selbst zählen zum klassischen Fantasy-Repertoire, wobei die Bosskämpfe schon sehr cool inszeniert sind. Kommt es in den Mal linearen und dann auch mal etwas offeneren Gebieten zum Kampf, wechselt das Geschehen wie üblich in einen separaten Kampfbildschirm, der dank der fixen Ladezeiten der PlayStation 5 aber nicht störend auffällt. Richtig positiv fällt dafür die auditive Kulisse aus. Dafür sorgen einprägsame klassische Tracks und auch die passende englische Sprachausgabe. Puristen können natürlich auch zum ebenfalls enthaltenen japanischen Originalton wechseln.

Keine Fantasy ohne Kapitalismus

Lediglich die optionalen Nebenquests sind besonders generisch. Die völlig austauschbaren Nicht-Spieler-Charaktere und deren Inszenierung sowie die Aufgaben selbst sind zum größten Teil absolute Standardware und animieren zum Wegklicken. Schön sind zumindest die Belohnungen, denn neben Gald, der Währung des Spiels, gibt es hier viele Fertigkeitspunkte, mit denen die Helden mit neuen Artes oder permanenten Upgrades aufgewertet werden. So oder so schafft Tales of Arise eine schöne Abenteuerstimmung voller optionaler Dialoge und unterhaltsamen Lagerfeuer-Plausch. Letzteres wird allerdings von einem mysteriösen Menüpunkt gestört. Schon im Hauptmenü ist der Weg zum PlayStation Store voller kostenpflichtigen Upgrades kaum zu übersehen. Darin sind Level-Upgrades und weitere kaufbare Ressourcen für wenige Euro zu ersteigern. Dieser unnötige Trend macht sich also leider auch bei Bandai Namco breit. Wer die Special Edition besitzt, wird sich vor zusätzlichen Inhalten kaum retten können. Schön sind vielleicht die kosmetischen Anziehsachen, entsetzlich die sogenannten Artefakte. Bei deren Aktivierung sinken Geld- und Skill-Kosten und der Ressourcen- sowie Erfahrungspunkte-Ertrag steigen prozentual. Damit ist das Balancing von Beginn an kaputt. Die Option auf Hilfe – auch kostenpflichtige – ist die eine, sie so offensiv anzupreisen wie Tales of Arise eine andere. Der Weg zum Service-Spiel ist nicht mehr weit!

Geschrieben von Jonas Maier

Jonas‘ Fazit (basierend auf der PlayStation-5-Fassung): Tales of Arise ist ein spannendes Rollenspiel, das erst einmal eine gute Zeit lang warmlaufen muss, bis es mir tatsächlich ans Herz wächst. Sobald die Figuren etabliert sind, das Kampfsystem mit effektreichen Spezialmanövern angereichert wird und die Story nach vielen Stunden endlich in Fahrt kommt, entwickelt sich Tales of Arise zu einem echt schönen japanischen Rollenspiel. Technisch hat sich die Reihe ständig weiterentwickelt und muss sich jetzt auf der PlayStation 5 teilweise nicht hinter den großen Vertretern des Genres verstecken. Das Kampfsystem und Welten-Design hätte diese Aufmerksamkeit aber auch gutgetan. Genauso wie ein Verzicht auf kostenpflichtige Zusatzinhalte, die das Balancing des Spiels erheblich stören.

Vielen Dank an Bandai Namco für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Tales of Arise!

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