Review: Castlevania: Advance Collection

In den Wochen vor der Veröffentlichung der Castlevania: Advance Collection gab es schon das eine oder andere Gerücht, die sich in der Nintendo-Direct-Ausgabe am 23. September 2021 bewahrheiteten. Kurz nach der Ankündigung stand die Kollektion zum Download bereit.

Obwohl das japanische Unternehmen Konami derzeit wenig Interesse an neuen Videospielen zeigt, hat der Konzern zumindest seine eigenen Klassiker nicht vergessen. So erschienen in den letzten Jahren verschiedene Collections. Auch die langlebige Castlevania-Reihe ging mit der Anniversary Edition aus dem Jahr 2019 und mit dem Doppelpack Requiem: Symphony of the Night & Rondo of Blood von 2018 nicht leer aus. Da die Castlevania-Reihe eine der beliebtesten Videospielserien aus dem Hause Konami ist, folgte im September 2021 auch die Advance Collection. Diese beinhaltet alle drei Spiele, die ursprünglich zwischen den Jahren 2001 und 2003 auf dem Game Boy Advance erschienen sind. Dazu zählen Castlevania: Circle of the Moon und die beiden Nachfolger mit den Untertiteln Harmony of Dissonance und Aria of Sorrow. Inhaltlich haben die Spiele nur wenig miteinander zu tun. Ihre Geschichten sind voneinander losgelöst, haben jedoch den Kampf gegen Dracula und seine Schergen gemein, sodass sie allesamt ihre Daseinsberechtigung im großen Castlevania-Kosmos haben. Alle drei Spiele bauen auf dem Grundgerüst auf, das 1997 Castlevania: Symphony of the Night und ein Jahrzehnt vorher Castlevania II: Simon’s Quest gelegt haben. Als Bonus liegt der Advance Collection noch der Super-Nintendo-Klassiker Castlevania: Vampire’s Kiss von 1996 bei.

Warten auf den Vollmond

In Circle of the Moon schlüpfen wir in die Rolle des jungen Vampirjägers Nathan Graves, der zusammen mit seinem Meister Morris Baldwin und dessen Sohn Hugh die Auferstehung des Vampirfürsten Dracula im Jahr 1830 verhindern wollen. Allerdings unterschätzen sie Draculas Anhängerin Camilla. Das Dreigespann kommt gerade noch rechtzeitig zur Wiedervereinigung der beiden und wird daraufhin in einem alten Schloss voneinander getrennt. Unsere Aufgabe liegt darin, in der zusammenhängenden und aus der zweidimensionalen Seitenperspektive dargestellten Spielwelt einen Weg durchs Schloss zu bahnen, gegen Skelette, Minotauren, Fledermäuse und anderes Getier zu kämpfen und zu verhindern, dass Dracula beim nächsten Vollmond seine vollständige Kraft zurückerlangt. In regelmäßigen Abständen stellen sich uns unglaublich harte Bossgegner in den Weg. Besiegen wir einen solchen Obermotz, erhalten wir in der Regel ein spezielles Item. Mit diesem können wir dann beispielsweise brüchige Blöcke zertrümmern oder Wandsprünge vollführen. So öffnet sich uns die Welt peu à peu, was vor allem bei der mit der Erkundung Hand in Hand gehenden Suche nach magischen Tränken motiviert, die unsere Lebensenergie oder Magiekapazität erhöhen. Auch ein paar Rätsel sind mit von der Partie, die aber nicht über das Aktivieren von Schaltern und das Verschieben von Blöcken hinausgehen. Circle of the Moon ist jedoch anderweitig mutig!

Duales Magiesystem

Damit wir Magie einsetzen können, müssen wir im Kampf gegen die Monster des großen Schlosses erst einmal bestimmte magische Karten sammeln. Diese unterscheiden sich in Aktionskarten und Attributskarten. Ihre Namen gehen auf die römisch-griechische Sagenwelt zurück und verleihen Nathan besondere Fähigkeiten beim Angriff, die munter miteinander kombiniert werden können. Allerdings geizt Circle of the Moon mit Hinweisen. Deshalb müssen wir das Ergebnis erst einmal selbst herausfinden, bevor wir bei der Kartenkombination die Wirkungsweise nachlesen können. Das ist zwar ein interessantes Konzept, doch da die recht seltenen Karten bei einer geringfügigen Wahrscheinlichkeit von den von uns besiegten Feinden hinterlassen werden, kann die Suche danach teilweise gefühlt ewig dauern. Das liegt aber auch daran, dass wir nicht wissen, welche Monster überhaupt eine Karte beim Besiegen hinterlassen. Zum Glück hat Entwicklungsstudio M2, das für die Umsetzung der Advance Collection zuständig ist, Komfortfunktionen ergänzt, die über die eigentliche Emulation der Klassiker hinausgehen. So tauchen am rechten Bildschirmrand inflationär Infokästchen auf, die uns darüber informieren, ob wir die Karte schon besitzen, die der entsprechende Gegner hinterlässt. Puristen dürfen das teilweise recht nervige Aufpoppen zum Glück auch ausschalten.

Gameplay mit Harmonie

Harmony of Dissonance basiert auf demselben Konzept wie Circle of the Moon, hat aber mit dessen Storyline nichts mehr zu tun. Fünfzig Jahre nach den Geschehnissen des eingangs erwähnten Simon’s Quest wird Lydie Erlanger entführt. Sie ist eine gute Freundin von Maxim Kischine und Juste Belmont, dem Nachfahren des legendären Helden Simon. Ausgerüstet mit dessen Peitsche machen wir uns in seiner Haut auf in ein Schloss, um Lydie aus den Fängen von Dämonen zu befreien und sich Draculas Geist zu stellen. Unterschiede zum Gameplay von Circle of the Moon sind marginal, doch definitiv vorhanden. Die Spielwelt ist zum einen deutlich größer, wenn auch gerade die zweite Hälfte von Harmony of Dissonance eher als eine Art getarntes Backtracking zu verstehen ist. Auch wenn das Bossdesign deutlich besser hätte ausfallen können, ist der Schwierigkeitsgrad nicht einmal annähernd so hoch wie bei Circle of the Moon. Der Kindergeburtstag wird dafür mit einem deutlich durchschaubaren Magiesystem zelebriert. So finden wir im Schloss magische Bücher. Aktivieren wir diese im Menü, ergibt das zusammen mit der jeweils ausgerüsteten Zweitwaffe wie dem Weihwasser, dem Wurfbeil oder dem Kruzifix einen ganz anderen Zauberspruch. Schade ist aber, dass wir Zweitwaffen und Zaubersprüche nicht voneinander getrennt verwalten und einsetzen können.

Zu kurz geratene Arie  

Aria of Sorrow, das dritte und letzte enthaltene Game-Boy-Advance-Spiel der Reihe, macht in puncto Story einen Sprung ins Jahr 2035. In der Rolle von Kurusu Sōma beziehungsweise in der deutschen Version Sōma Cruz werden wir in Japan beim Besuch eines Schreins während der totalen Sonnenfinsternis am 2. September 2035 in besagtes Phänomen hineingesogen. In der Sonnenfinsternis angekommen, entpuppt sich der Ort erneut als Schloss, das regelrecht zum motivierenden Erkunden einlädt. Um den bevorstehenden Tod seiner Freundin Hakuba Mina zu verhindern, müssen wir in die Kammer des Herrschers eindringen. Trotz der recht losen Verknüpfung ist auch das dritte Spiel in den Castlevania-Kosmos eingewoben. Beim Gameplay hat sich abermals nur wenig getan. Das Spiel ist im Gegensatz zu Harmony of Dissonance wieder sehr kurz, das Schloss also überschaubar. Auch die Bossgegner stellen keine große Herausforderung dar, sind aber deutlich abwechslungsreicher. Allerdings gibt es erneut eine Veränderung beim Magiesystem. Diesmal sammeln wir mit Sōma Seelen auf, die besiegte Gegner in einer geringen Wahrscheinlichkeit hinterlassen und rüsten diese in drei Kategorien aus, um beispielsweise mehr Schaden anzurichten oder unter Wasser atmen zu können. Genau bei Circle of the Moon kommt hier die überaus nützliche Komfortfunktion zur Geltung.

Mit Kusshand empfangener Klassiker

Im vierten Spiel der Advance Collection, Vampire’s Kiss vom Super Nintendo, schlüpfen wir wie in Castlevania: Rondo of Blood in die Rolle von Richter Belmont. Das ist nicht wirklich verwunderlich, so ist Vampire’s Kiss schließlich nichts weiter als die Umsetzung des auf der PC Engine veröffentlichten Klassikers Rondo of Blood. Vampirfürst Dracula ist auferstanden und hat Annette Renard und ihre kleine Schwester Maria entführt, die Richter befreien muss. Im Gegensatz zu den drei enthaltenen Game-Boy-Advance-Spielen ist Vampire’s Kiss ein klassischer Ableger der Castlevania-Reihe. Wir kämpfen uns also der Reihe nach durch sehr stringente Spielabschnitte und legen uns mit einer Peitsche bewaffnet mit Draculas Schergen an. Allerdings gibt es hier keine Möglichkeiten, Erfahrungspunkte zu sammeln und im Level aufzusteigen. Uns steht also nur eine vordefinierte Lebensenergieanzeige zur Verfügung. Ist diese geleert, verlieren wir ein Leben und fangen am letzten Kontrollpunkt wieder an. Wer zuerst die Game-Boy-Advance-Titel spielt, muss sich auch in puncto Steuerung umstellen. Richter lässt sich nur sehr behäbig kontrollieren. Jeder Sprung und jeder Angriff muss sitzen, denn abbrechen oder korrigieren lassen sich beide Aktionen nicht. Zugänglichkeit sah Jahre später anders aus. Spaß macht der Titel dennoch, wenn vielleicht auch nur bei Nostalgikern.

Komfort und seine Auswirkungen

Auch wenn die Schwierigkeitsgrade von Vampire’s Kiss und Circle of the Moon recht hoch sind, bietet die Advance Collection noch eine nicht zu unterschätzende Komfortfunktion, die in dieser Hinsicht Abhilfe schafft. Auf Knopfdruck können wir, wann und wo wir wollen, die Zeit zurückdrehen. Ein fataler Sprung in einen Abgrund oder der Todesstoß seitens eines Feindes lassen sich also ganz bequem rückgängig machen. Ebenfalls können wir so auch Monster wiederbeleben und sie erneut das Zeitliche segnen lassen, wenn sie mal wieder nicht die benötigte Karte in Circle of the Moon oder die gesuchte Seele in Aria of Sorrow hinterlassen haben und wir es vermeiden wollen, den Raum zu verlassen und wieder zu betreten, um den Kampf erneut aufzunehmen. Letzteres bringt aber natürliche viele Erfahrungspunkte mit sich, die für die Level-ups in den drei Game-Boy-Advance-Spielen wichtig sind. Bei Harmony of Dissonance ist die Rückspulfunktion aber kaum nötig, da das Spiel einerseits sehr leicht ist und andererseits optional zu sammelnde Objekte nur kosmetischer Natur sind und überall im Schloss herumliegen. Da viele Wirkungsweisen wie die Kartenkombination in Circle of the Moon erst herausgefunden werden müssen, bietet die Kollektion darüber hinaus auch eine Enzyklopädie, wo alle Fakten fein säuberlich auf Englisch nachgelesen werden können. Toll!

Fast allumfassende Kollektion

Wer die Spiele bei der Erstveröffentlichung hierzulande gespielt hat, wird sehr wohl wissen, dass diese fast durchgehend ausschließlich auf Englisch veröffentlicht wurden. Lediglich bei Aria of Sorrow besteht die Möglichkeit, das Spiel wahlweise auf Deutsch oder Französisch zu spielen. Eine nachträgliche Übersetzung wäre unserer Meinung nach schön und bei diesem Franchise auch angebracht gewesen. Die Menüstrukturen außerhalb der Spiele sind ebenfalls nur auf Englisch gehalten. Positiv ist wiederum, dass wir bei jedem Spiel auch die Region ändern dürfen. So können wir also auch zur nordamerikanischen oder japanischen Fassung wechseln, was ein sehr schöner Bonus ist. Ebenso enthalten sind, neben vielen Artworks zu den Charakteren, die eingescannten englisch- und japanischsprachigen Anleitungen im Bonusbereich. Dort findet sich auch eine Jukebox, in der wir alle Melodien des Soundtracks abspielen können. Obwohl die Musik stets zum Geschehen passt, sind die Soundtracks von Harmony of Dissonance und Aria of Sorrow etwas schwächer als bei Circle of the Moon und Vampire’s Kiss. Bei der Technik gibt es diverse Einstellungsmöglichkeiten für die Darstellung wie ein Pixel-Perfect-Modus für die drei Game-Boy-Advance-Titel und Scanlines für das Super-Nintendo-Spiel. Für die Handheld-Titel gibt es solche Filter leider nicht, aber auch in der veröffentlichten Form kann die Advance Collection über satte dreißig Stunden unterhalten.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC- und Virtual-Console-Fassung): Obwohl ich mir alle Spiele vor Jahren bereits in der Virtual Console auf der Wii U und dem New 3DS gegönnt habe, konnte ich bisher noch keine Zeit für die Spiele erübrigen. Ein schwerer Fehler, wie es mir scheint, denn alle vier Castlevania-Spiele motivieren mich durchweg. Vor allem Harmony of Dissonance hat es mir mit seinem gesunden Umfang und dem tollen Bossgegnerdesign angetan. Auch Aria of Sorrow und Circle of the Moon sind zwei schöne Spiele, doch während ich mich nicht so ganz mit der Story von Aria of Sorrow anfreunden kann, ist mir Circle of the Moon doch ein wenig zu knackig. Damit meine ich nicht das allgemeine Gameplay, das echt zugänglich ist, aber wenn die Bossgegner verhältnismäßig viel zu schwierig sind, macht das nur sehr wenig Spaß. Ein Glück, dass die Kollektion über Komfort wie die Rückspulfunktion verfügt, die in solchen Momenten wirklich hilfreich sind. Auch bei Vampire’s Kiss mache ich davon regelmäßig Gebrauch, denn auch wenn ich diesen klassischen Teil der Reihe sehr mag, spielt er sich im Vergleich zu den drei Game-Boy-Advance-Episoden eher ein wenig umständlich, was die Kontrolle über die Spielfigur angeht. Ein paar eingreifende, zumindest optional hinzuschaltbare Verbesserungen wie eine angenehmere Steuerung, hätten hier und da wirklich Wunder bewirkt. Das war aber vermutlich nicht die Absicht von den Meistern der Emulation aus dem Hause M2. Sowohl die Emulation als auch die Spiele an sich sind vier tolle Titel, die kein Castlevania-Fan und jeder, der es werden will, verpassen darf. Punkt.

Vielen Dank an Konami für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Castlevania: Advance Collection!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s