Review: Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor ~Die endlose Sieben-Tage-Reise~

Seit dem Jahr 2000 erfreut sich die Adventure-Videospielreihe Boku no Natsuyasumi großer Beliebtheit. Außerhalb Japans ist die Serie aber kaum bekannt. Ausgerechnet mit Shin-chan in der Hauptrolle soll dem Franchise hierzulande eine neue Chance gegeben werden.

Seit den frühen 2000er-Jahren gehört die Anime-Serie Crayon Shin-chan unter Kennern zu den lustigsten Werken der japanischen Animationstechnik überhaupt. Im deutschsprachigen Raum war dem kleinen Quälgeist aber nie der große Durchbruch vergönnt. Erst vor ein paar Jahren wurde mit der Veröffentlichung neuer Episoden und des 28. Kinofilms fürs Heimkino versucht, Crayon Shin-chan einem neuen Publikum zugänglich zu machen. Zumindest der große Erfolg darf bezweifelt werden, denn seither ist es wieder still geworden um das Werk des 2008 verstorbenen Manga-Zeichners Usui Yoshito. Selbst Videospiele des Franchises flogen in den letzten Jahren unter dem Radar der Fans. Beim Spiel mit dem überaus langen Titel Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor ~Die endlose Sieben-Tage-Reise~ handelt es sich im Übrigen um kein echtes Shin-chan-Spiel, denn in Wahrheit ist es nur ein Deckmantel für die hierzulande nahezu unbekannte Boku-no-Natsuyasumi-Reihe, die es nur in Form des Spin-offs Attack of the Friday Monsters! A Tōkyō Tale auf dem Nintendo 3DS zu uns geschafft hat. Da stellt sich die berechtigte Frage, welche Art von Spiel Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor überhaupt ist und welche Aufgaben dem Spieler erwarten. Eine Antwort auf diese Frage zu geben, ist sowohl leicht als auch etwas schwierig.

Wissenschaftler und Dinosaurier

Handlungstechnisch ist die das Adventure im Anime-Stil völlig losgelöst von der Manga- und Anime-Reihe Crayon Shin-chan. Familie Nohara aus der japanischen Stadt Kasukabe in der Präfektur Saitama beschließt, Urlaub im Süden des Landes zu machen. Beim Umsteigen in Kumamoto trifft die Familie, bestehend aus Vater Harry, Mutter Mitsy, Schwester Daisy, dem Hündchen Lucky und dem fünfjährigen und titelgebenden Shinnosuke persönlich, auf den ominösen Professor Perfidus. Dieser stattet die Familie mit einer Fotokamera aus, die statt Fotografien Illustrationen als Sofortdruck ausgibt. Sobald die Familie im ländlichen Dörfchen Pampa mitten in der Pampa ankommt, passieren weitere merkwürdige Dinge. Der Urlaub in dem an die Stadt Aso angelehnten Örtchen wird für den kleinen Shin-chan zu einem echten Abenteuer. So muss er sich beispielsweise mit Dinosauriern herumschlagen, die Professor Perfidus mit Hilfe einer Zeitmaschine herbeizaubert. Warum der selbsternannte verrückte Wissenschaftler dies tut, gilt es in zehn bis fünfzehn Stunden herauszufinden. Auch kann Shin-chan Freundschaften mit den Kindern des Ortes schließen, die ihn an seine Freunde in Kasukabe erinnern. Für eine einzige Urlaubswoche scheint das Abenteuer jedoch zu groß zu sein, weshalb sich Shin-chan auch mit einer Zeitschleife konfrontiert sieht. Eine clevere Idee!

Sommerliche Idylle

Ein wichtiger Aspekt von Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor ist genau wie in der Boku-no-Natsuyasumi-Reihe die sommerliche Idylle. Trotz einer meist täglichen und eigentlich kaum zeitintensiven Aufgabe können wir Pampa frei erkunden und unsere Zeit so verbringen, wie wir es für richtig halten. So können wir die Gegend erkunden, Wildgemüse ernten, auf einer Farm Feldfrüchte bestellen, am Fluss Fische angeln, Insekten fangen, am Abend Geschichten über Dinosaurier lauschen und sogar mit den Kindern des Ortes kleine Kämpfe mit Roboterdinosauriern ausfechten. Die Roboterdinosaurier können wir sogar mit Sammelkarten verbessern. Eine Sammelkarte erhalten wir stets automatisch, sobald wir im Dorfladen eine Packung Schokosterne erwerben. Dies verlangt wiederum Taschengeld, das wir im Spiel für das Beschaffen von Gemüse oder Fisch erhalten. Einen weiteren Verdienst können wir erhaschen, wenn wir beim Chefredakteur der örtlichen Zeitung die Illustrationen der Kamera einreichen und damit die Auflage der Publikation steigern. Hierzu ist es oftmals notwendig, dass wir auch die Geschichten der einzelnen Bewohner verfolgen. Dafür ist es aber eigentlich nur notwendig, möglichst tagtäglich mit diesen zu reden und mehr über sie, ihre Probleme und ihr Leben zu erfahren. Mit der Zeit fühlen wir uns in Pampa echt heimisch.

Zeiteinteilung durch Kameraperspektiven

Während die Spielwelt anfangs noch recht überschaubar ist, öffnet sie sich in regelmäßigen Abständen. Eine zunächst verschlossene Tür kann später zu einem ganz neuen Abschnitt führen. Haben wir ein neues Areal erschlossen, kann plötzlich an anderer Stelle auch eine zuvor unüberwindbare Blockade verschwunden sein. Peu à peu öffnet sich die Spielwelt in angenehmen Intervallen und lädt dadurch umso mehr zum Erkunden ein. Begünstigt wird diese Situation durch die festen Kamerawinkel. Gehen wir zum Beispiel im Hotel durch den Eingang am linken Bildschirmrand, taucht unsere Spielfigur durch die nach unten gerichtete Tür des Gebäudes auf. Anfangs kann dies für den einen oder anderen Spieler verwirrend sein, doch gewöhnen wir uns schnell an dieses Konzept, sodass sich in unserem Kopf bald eine Karte von Pampa logisch zusammensetzt. Gewöhnungsbedürftiger ist in Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor schon das Verstreichen der Zeit. Immer dann, wenn wir ein Gebiet respektive einen Bildschirm wechseln, vergeht ein Bruchteil der uns täglich zur Verfügung stehenden Zeit. Solange wir den Bildschirmausschnitt nicht verlassen, scheint die Zeit stillzustehen. Da Fische und Insekten aber nur sehr begrenzt pro Einzelbesuch eines Areals auftreten, gibt der Titel wiederum Anreiz, möglichst bald zum nächsten Ort zu eilen.

Gute, aber nicht makellose Übersetzung

All das sieht auch unverschämt gut aus. Durch den wunderschönen Anime-Stil fühlen wir uns jederzeit wie in eine Traumwelt versetzt. Sowohl die vorgerenderten Hintergründe als auch die dreidimensional gestalteten Elemente wirken wie aus einem Guss. Ein wenig aus dem Rahmen fallen höchstens die Charaktermodelle, die aber entsprechend ihrer Vorlage bis in die kleinsten Details gestaltet sind. Wenn wir mit Shinnosuke beispielsweise rennen wollen, mimt der Dreikäsehoch den Po-Boogie-Woogie, wie wir ihn aus der Anime-Serie kennen. Darüber hinaus kommt auch der Humor der Serie zur Geltung, der sich deutlich näher am Original als an der deutschen Ursprungsübersetzung der Anime-Serie orientiert. Oft versteht Shin-chan ein Wort falsch und deutet daraus etwas ganz anderes, woraufhin er entweder korrigiert, gerügt oder sogar belächelt wird. In der deutschen Übersetzung von Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor funktioniert das mal mehr und mal weniger gut. Wirklich schade bei der Übersetzung ist, dass sie so inkonsistent ist. So tragen alle aus der Serie bekannten Figuren ihre deutschen oder englischen Namen wie in den ersten Folgen der Anime-Serie. Dort wurde Shin-chan hingegen nie (!) Shinnosuke genannt. In Film und Serie wurde jedoch in den letzten Jahren auf die originalen japanischen Namen gesetzt. Es ist richtig zum Mäusemelken!

Audiovisuelle Sommergefühle

Dieses Defizit ist aber leicht zu verkraften und vor allem jene, die Shin-chan nur noch aus den ersten ins Deutsche übersetzten Episoden von Anfang der 2000er-Jahre kennen, wird dieser missliche Umstand gar nicht erst auffallen. So fällt es dem einen oder anderen auch vermutlich leichter, die sehr leicht abgewandelten Namen der Doppelgänger von Shin-chans Freunden zu merken. Neben der visuellen und inhaltlichen Gestaltung kann auch die Musik überzeugen. Diese setzt vor allem auf Umgebungsgeräusche. Wenn die Eisenbahn auf den Hügeln an uns langsam vorbeizieht, ihre Räder rattern und Dampf aus dem Schornstein der Lokomotive herauszieht, während wir unten am Bach einen Fisch fangen und das Rauschen des Wassers wahrnehmen, ist das unglaublich atmosphärisch. Wenn dann auch noch eine Zikade in der näheren Umgebung zirpt, ist es ganz um uns geschehen. Pampa versprüht aber nicht nur die typische Sommeridylle über Umgebungsgeräusche. Auch Musik ist an manchen Stellen nötig, um beispielsweise eine Freiluft-Diskothek oder die Vorlesestunde bei Frau Aoyama stilistisch auszudrücken. Zu guter Letzt gibt es mit der Titelmelodie, die beim Intro und im Abspann zu hören ist, und bei der morgendlichen Gymnastik mit den Dörflern, zwei Songs zu vernehmen, die uns auch nach dem Ende des Spiels nicht aus dem Kopf gehen.

Unvergessliches Abenteuer

Grundsätzlich spielt sich Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor wirklich gut. Es macht sehr viel Spaß, Pampa mit Shinnosuke zu erkunden und die Zeit zu vergessen. Sowohl das Angeln als auch das Fangen der Krabbeltiere mit Hilfe eines Insektennetzes geht sogar noch stressfreier von der Hand als in Animal Crossing: New Horizons. Lediglich das gut gemeinte Minispiel mit den Roboterdinosauriern, das auf dem Stein-Schere-Papier-Prinzip basiert, treibt uns vor allem bei den Turnieren zur Verzweiflung. Wer hier den ersten Platz belegen will, muss aufgrund der Glücksspielmechaniken definitiv frustresistent sein. Dies ist aber nur der Tropfen auf den heißen Stein. Davon abgesehen gibt es am Abenteuer kaum etwas bis gar nichts auszusetzen. Wie schon bei der Boku-no-Natsuyasumi-Reihe spricht auch dieses Spiel in erster Linie vor allem japanische Spieler im Erwachsenenalter an, die vor Jahrzehnten bei ihren Großeltern auf dem Land ihre Ferien verbracht haben. Vor allem der Moment, wenn die Dampflok mit nur einem Wagon durch Pampa fährt, wird die größte Zielgruppe deutlich. Trotz dieser Intention dürften aber auch alle Adventure-Fans mit einem Faible für Japan Spaß mit dem Spiel haben. Wer sich auf Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor einlässt, wird ein unvergessliches Abenteuer erleben, das er oder sie dank New-Game-Plus-Funktion spätestens im nächsten Sommer noch einmal spielen kann.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Videospielserien, die einfach anders sind und wozu ich auch die Boku-no-Natsuyasumi-Reihe zählen würde, sind gerade im deutschsprachigen Raum eher unbekannt. Umso mehr freue ich mich, dass nach Attack of the Friday Monsters! A Tōkyō Tale endlich ein weiterer Serienteil von besagtem Franchise hierzulande veröffentlicht wurde. Als großer Fan der Anime-Serie Crayon Shin-chan war ich sofort Feuer und Flamme und hatte mir Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor ~Die endlose Sieben-Tage-Reise~ letztes Jahr bereits aus Japan importiert. Das Adventure ist eine unglaublich angenehme oder geradezu meditative Spielerfahrung. Im Grunde mache ich den lieben langen Ferienalltag nichts weiter, als zu angeln, Insekten zu fangen, Gemüse zu ernten und mich mit den Einheimischen anzufreunden. Durch die Zeitschleifemechanik dauern die Ferien auch länger als eine Woche, was das Spiel positiv in die Länge zieht. So kann ich noch mehr Zeit im idyllischen Örtchen Pampa verbringen. Zu keiner Zeit habe ich das Gefühl, dass die Ferien langweilig oder gar langwierig sind. Der Titel gehörte für mich bereits letztes Jahr zu meinen absoluten Highlights. Wer ein etwas ruhigeres Spiel für die letzten Sommertage oder darüber hinaus benötigt, sollte unbedingt einen Blick riskieren!

Vielen Dank an Neos für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Shin-chan: Meine Sommerferien mit dem Professor ~Die endlose Sieben-Tage-Reise~!

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