Review: Lamentum

Lamentum von Entwicklerstudio Obscure Tales verbindet verschiedene Elemente des Horror-Genres aus Romanen, Filmen und Videospielen. Während Story und Setting geglückt sind, kann uns je nachdem vor allem das etwas zu altmodische Gameplay zur Weißglut treiben.

In Lamentum schlüpfen wir in die Rolle von Victor Hartwell. Zusammen mit seiner Ehefrau Alissa lebt dieser im 19. Jahrhundert in Neuengland. Leider währt das traute Eheglück nicht lange, denn schon im ersten Jahr nach ihrer Hochzeit erkrankt Alissa an einer unheilbaren Krankheit. Die Ärzte geben die Hoffnung auf, doch kann Victor sie nicht loslassen. Er hört vom ominösen Grafen Edmond Steinrot, der sich mit alternativer Wissenschaft beschäftigt. Der Graf lädt das Paar zu sich auf sein Anwesen Grau Hill Manor ein. Schon während der ersten Nacht passiert das Unglück. Victor wacht mit Schmerzen auf, von seiner Frau Alissa fehlt jede Spur und außerdem sind die Wände in der ganzen Villa mit Blut beschmiert. Hinter Wänden weinen kleine Mädchen, eklige Monster verspeisen menschliche Leichen und die wenigen noch unter den Lebenden weilenden Personen steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Ein wenig erinnert die Geschichte an Abraham Stokers Roman Dracula, der mit einer Prise Resident Evil unter Einflüssen der Werke der Schriftsteller Edgar Allan Poe und Howard Phillips Lovecraft gemischt wurde. Unsere Aufgabe ist, Grau Hill Manor zu erkunden, nach Alissa und Graf Steinrot zu suchen, die Umstände des Vorfalls nach und nach aufzudecken und uns mit den Monstrositäten des wirklich ekligen Gruselkabinetts anzulegen.

Klassisches, aber veraltetes Gameplay 

Weite Teile des Gruselabenteuers erinnern uns an Capcoms Survival-Horror-Klassiker Resident Evil aus dem Jahr 1996. Um in der Handlung voranzukommen, müssen wir zwangsweise Grau Hill Manor erkunden. Verschlossene Türen und Schränke verhindern die Erkundung allerdings zunehmend und nur mit dem richtigen Werkzeug kommen wir hier weiter. Nicht unbedingt sind damit Schlüssel im herkömmlichen Sinne gemeint. Auch Dietriche helfen dabei, die eine oder andere Schublade zu öffnen. Hinzu kommen Rätsel, bei denen wir wie im großen Vorbild bestimmte Objekte miteinander verbinden müssen. Hat die Pistole hinter dem Glas eines Schaukastens etwa unser Interesse geweckt, müssen wir zunächst zwei Teile eines Wappens finden und diese im Inventar verbinden und anschließend in die Fassung einsetzen. Die meisten Rätsel sind leicht zu verstehen. Bei manchen Knobeleien müssen wir unser Köpfchen aber etwas mehr anstrengen. So ist es an einer Stelle beispielsweise notwendig, mehrere kleine Steine mit Symbolen darauf in einer bestimmten Reihenfolge einzusetzen. Die Lösung befindet sich irgendwo in Grau Hill Manor auf einem Stück Pergament, von dem wir die Symbole der einzelnen Steine inklusive einer Transkription ins lateinische Alphabet entnehmen können. Hier zeigt sich, dass das Gameplay von Lamentum im Grunde veraltet ist.

Erschwerendes Item-Management 

Auch in weiteren Belangen orientiert sich das Spiel an Resident Evil und Konsorten, denn wir können nicht einfach alle herumliegenden Gegenstände aufsammeln. Unser Inventar ist mit gerade einmal neun Steckplätzen arg limitiert. Bereits nach einer halben Spielstunde liegt es an uns, in kurzen Zeitintervallen den nächsten Schutzraum aufzusuchen, in dem wir oftmals die für uns überaus wichtige Truhe entdecken. In dieser haben alle überschüssigen Objekte Platz. Positiv ist hierbei, dass all diese Kisten auf wundersame Art und Weise miteinander verbunden sind. Es ist also nicht nötig, dass wir genau zu der Truhe zurücklaufen, in der wir das Item tatsächlich abgelegt haben. Lamentum gibt uns allerdings nicht die Möglichkeit, ein Objekt genau da abzulegen, wo wir es für sinnvoll erachten. Das führt viel zu oft zu lahmen Rückwegen. Ebenfalls sollten wir an dieser Stelle erwähnen, dass der Schwierigkeitsgrad des Spiels überaus hoch und teilweise sogar unfair ist. So ist Grau Hill Manor nicht nur mit jeder Menge Monster gefüllt, sondern auch mit Fallen. Nehmen wir beispielsweise einen Säbel aus einer Halterung und wollen den Raum daraufhin verlassen, werden wir unverzüglich von Stacheln aufgespießt. Gut, das wissen wir vorher nicht, doch führen solche Augenblicke immer wieder dazu, dass wir zwanzig bis dreißig Minuten Spielfortschritt unwiderruflich verlieren.

Leben und Sterben in Grau Hill Manor

Lamentum verzichtet unglücklicherweise auf Rücksetzpunkte. Den Fortschritt müssen wir an Schreibtischen möglichst regelmäßig selbst speichern. Erschwerend kommt jedoch hinzu, dass jedes Anlegen eines neuen Spielstands eine Portion Tinte verbraucht. Da Tinte genauso wie Munition ein recht limitiertes Gut ist, können wir nicht bei jedem einzelnen Schutzraum den Fortschritt sichern. Wir müssen uns gut überlegen, wann es sich tatsächlich lohnt, einen neuen Speicherstand anzulegen. Einerseits fordert dies zwar die klaustrophobische Survival-Horror-Atmosphäre, doch andererseits kommen auf diese Weise wie beim umständlichen Item-Management vermeidbare Laufwege heraus. Ein Hybridmodell, bei dem zumindest in jenen Situationen gespeichert wird, die wir nicht vorhersehen können, wäre immerhin ein Kompromiss gewesen. Leider nimmt das Problem über die gesamte Spieldauer nicht ab. Es wird ehrlich gesagt sogar schlimmer, da vor allem bei Kämpfen gegen größere Gegner auffällt, dass die Steuerung hakelig und nicht auf brenzlige Situationen ausgelegt ist. Auch dass Victor zu schnell die Puste auf der Flucht ausgeht, ist ein Übel, auf dass wir uns einlassen müssen. Ist diese Hürde erst einmal überwunden, kann Lamentum jedoch sowohl mit seinem sehr schicken Retro-Look als auch mit atmosphärischen Klängen überzeugen. Über alle Defizite können diese Aspekte zwar nicht hinwegtäuschen, sie machen sie aber auf jeden Fall erträglicher.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Ich würde mich zwar nicht als großer Fan von Survival-Horror-Spielen bezeichnen, doch spiele ich Titel der Reihen Project Zero, Resident Evil, Silent Hill und Co immer mal wieder gerne. Noch lieber spiele ich jedoch Abenteuer im Retro-Look. Lamentum verbindet diese beiden Welten und macht sie vor allem in audiovisueller Hinsicht zu einem wahren Genuss. Ich mag es, mehr über die Handlung und das Setting über das Lesen von bestimmten Dokumenten voranzutreiben und die Welt durch das Lösen von diversen Puzzles nach und nach zu erkunden. Leider verlässt sich Lamentum zu sehr auf veraltete Gameplay-Mechaniken. Das Item-Management sorgt in meinen Augen zu oft für regelmäßige Umwege und da es kein automatisches Speichern gibt, kommt es viel zu oft vor, dass ich diese Laufwege öfters nehmen muss als mir lieb ist. Hinzu kommen eine hakelige Steuerung und regelrecht unfaire Passagen, die maßgeblich für viele vermeidbare Bildschirmtode verantwortlich sind. Nichtsdestotrotz mag ich Lamentum vor allem aufgrund seines Stils, der Erzählweise und den Charakteren. Fans des Genres, die noch einmal eine Retro-Erfahrung im Sinne des ersten Teils der Resident-Evil-Reihe erleben wollen, dürfen zugreifen. Alle anderen krallen sich dann doch besser Alternativen.

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