Review: Titanfall

Titanfall (1)Das Ego-Shooter-Genre stagniert, heißt es in so manchem Spielerkreis. Manche Titel erzählen eine tolle Geschichte, andere bieten Innovationen und andere konzentrieren sich nur auf den Mehrspielermodus. Titanfall weiß nicht, was es von all diesen Aspekten eigentlich will.

Titanfall (2)Die Zukunft ist düster. Das Grenzland, eine Konstellation aus mehreren Sonnensystemen, wird von der Interstellar Manufacturing Corporation ausgebeutet. Die Nachfrage nach Titan, welches in diesem Teil des Weltraums besonders häufig vorkommt, zwingt den interstellaren Konzern dazu, aggressiv vorzugehen. Widerstand zeigt sich in der gebildeten Miliz, einem losen Verband bestehend aus Söldnern und Piraten, welche die Ausbeutung unterbinden wollen. Gerne würden wir euch jetzt erzählen, wie spannend dieser Konflikt ist. Das können wir aber nicht, denn von Spannung kann in der Handlung von Titanfall absolut nicht die Rede sein! Dazu müssen wir direkt einmal klarstellen, dass Titanfall gegen den Trend aktueller Ego-Shooter setzt und nicht einmal eine Kampagne für Solisten bietet. Der Titel setzt den Fokus voll und ganz auf den Mehrspielermodus und bietet als kleinen Wermutstropfen hier dennoch eine Kampagne. Das klingt zwar nach viel Potenzial, aber auch dieses nutzt Titanfall vorne und hinten nicht. Während wir uns noch in der Lobby befinden und darauf warten, dass der Timer endlich heruntergezählt wird, erhalten wir hier von unseren Vorgesetzten in Form von einfachen Sprachübertragungen ein paar Anweisungen und erfahren die Hintergründe des Kriegs in sehr reduzierter Form. Das ist langweilig und wirkt nicht nur einmal aufgesetzt!

Einschläfernde Kampagne

Titanfall (3)Das Debakel um die Story nimmt so schnell jedoch nicht ab. In einer Mission warten wir am Anfang des Gefechts zwar darauf, dass eine holographische Übertragung abbricht, doch schon hier können wir uns frei im Raum bewegen und während der Übertragung durch den Raum springen. Kein Nichtspielercharakter reagiert darauf – nur andere Mitspieler, die mit uns den Schabernack veranstalten. Wenn ein Spiel schon eine Geschichte erzählen will, dann sollten solche Lappalien nicht möglich sein – auch wenn eine vernünftige Handlung nicht das ist, was man bei einem Mehrspielertitel erwartet. Während des Gefechts gibt es immerhin noch das eine oder andere Video zu sehen. Eingeblendet wird dieses am oberen rechten Bildschirmrand und zeigt unsere Vorgesetzten oder Team-Kollegen in ihren Basen. Das ist zwar nett gemeint, auf dem kompletten Bildschirm passiert in Titanfall jedoch zu viel. Die eingespielten Videos schaden so nur dem Spielfluss, der in der Kampagne auf denselben Karten stattfindet wie im richtigen Mehrspielermodus. Zudem kann man sie aufgrund des hohen Spieltempos sowieso nicht anschauen, da jede einzelne Sekunde eine Kugel in unserem virtuellen Haupt landen könnte. Die Kampagne macht des Weiteren einen großen Fehler: Es ist völlig egal, ob eine einzelne Schlacht gewonnen wird. Nach dem Gefecht geht es auf das nächste Schlachtfeld.

Statisten als Kanonenfutter

Titanfall (4)Fulminant werden wir mit Raumschiffen holprig aufs Schlachtfeld gebracht oder landen mit einer Landekapsel brachial am Kartenrand. Zeit, um uns in Ruhe umzusehen und uns einen Überblick über die taktische Lage zu verschaffen, haben wir in Titanfall jedoch nicht. Wir nehmen stattdessen von Anfang an unsere Beine in die Hand und rennen geradewegs in der Hoffnung drauflos, gleich einen Gegner zu treffen und ihm das Licht auszuknipsen. Diese Wahrscheinlichkeit ist in Titanfall relativ groß. Das liegt vor allem daran, dass in den Online-Gefechten Nichtspielercharaktere zwischen den Spielern umherlaufen und im Krieg gehörig mitmischen. Denken wir zumindest, doch die künstliche Intelligenz dieser virtuellen Kämpfer befinden sich auf dem Niveau einer Erbse. Sie bleiben gerne mal im Rudel in der Gegend stehen und lassen sich von uns leicht ins Jenseits schicken. Die Entwickler versuchen damit das Gefühl des Kriegs zu vermitteln und Anfängern ebenfalls eine Chance zu geben, in den ersten Minuten überhaupt mal einen Gegner mit wenigen Schüssen auszuschalten. Das klingt im ersten Moment lohnenswert, doch kämpfen sowohl auf Seiten der Miliz, als auch auf Seiten der Interstellar Manufacturing Corporation nur maximal sechs menschliche Spieler gegeneinander. Es gibt keine Optionen, die Anzahl an menschlichen Teilnehmern zu erhöhen!

Balancing-Probleme

Titanfall (5)Dass das dem Balancing schadet, hätten sich die Entwickler bei Respawn Entertainment aber denken können. Geübte Spieler können ungleich viel mehr Nichtspielercharaktere einfach so im Vorbeilaufen ausschalten als Neulinge. In den Materialschlachten, wo es nur darum geht, so viele Feinde wie möglich auszuschalten, fällt das ins Gewicht. Überhaupt scheinen es die Entwickler mit dem Balancing noch nicht genau zu nehmen, denn das Matchmaking weist in der aktuellen Version noch Fehler vor. An einem ist das gegnerische Team unserem Team tatsächlich ebenbürtig und an einem anderen Tag steht eine Kluft zwischen beiden Gruppen. Nach einer Schlacht ins andere Team wechseln funktioniert nicht, zumal ein freier Platz bei zusammen gerade einmal zwölf Spielern selten ist und schnell durch Neuzugänge ersetzt werden. Hier hilft es nur, sich auszuklinken und sich neu zu verbinden. Manchmal erscheinen uns die Wartezeiten (bis zu neunzig Sekunden) zwischen zwei Gefechten zu lang. Im Verlauf des Spiels ernten wir zwar Erfahrungspunkte, mit denen wir neue Fähigkeiten und Waffen für uns und unsere Titanen freischalten, die wir dann zwischen zwei Schlachten frei konfigurieren können, doch dauert das in der Regel höchstens ein paar Sekunden. Ein Spiel, welches auf ein dermaßen hohes Spieltempo abzielt, wird hier mit anschließenden Ladezeiten gebremst.

Abwechslungsarme Karten

Titanfall (6)Im Spiel selbst hätte man dies durch facettenreiche Karten kompensieren können, doch auch hier verpassen die Entwickler eine Chance. Die Karten sind zwar allesamt recht hübsch und auch unterschiedlich aufgebaut, doch entscheidende Merkmale suchen wir vergebens. Auf jeder Karte stehen zerstörte Gebäude, Container, Mauern und ähnliches, doch fühlen sich die meisten Karten gleich an. Titanfall spielt wohlgemerkt in einem Science-Fiction-Szenario und auf verschiedenen Planeten. Wir hätten uns Städte mit gigantischen Wolkenkratzern und auch komplexe Höhlensysteme gewünscht, doch stattdessen dreht sich fast alles um sehr ähnliche Militärbasen. Nur die Kulisse unterscheidet sich von tropischen Lagunen bis zu wüstenroten Dünen teils stark. Auf einer Karte können wir sogar ein Raumschiff am Himmel beobachten, wie es in tausend Stücke explodiert. Das ist zwar nett gemeint, doch passiert dies tatsächlich immer an der gleichen Stelle und zur gleichen Spielzeit. Solche Momente verlieren schnell an Wirkungskraft vor der ernsten Kulisse des Weltraumkriegs. Titanfall fokussiert sich auf die Gefechte selbst. Treffen wir menschliche Gegenspieler (und keine Nichtspielercharaktere), dann sind meist schnelle Reflexe gefragt. Schüsse sollten gut abgestimmt und wir ständig in Bewegung sein. Dazu sollten wir das Geschehen um uns herum allzeit im Blickfeld haben.

Titanfall

Titanfall (7)Das erinnert ein wenig an Unreal Tournament III, doch ganz so schnell ist Titanfall dann doch wieder nicht. Der Titel orientiert sich mehr an modernen Ego-Shootern, wo Wunden mit der Zeit automatisch geheilt werden. Entweder laufen wir schwer bewaffnet durch die Gegend, positionieren uns geschickt mit einem Scharfschützengewehr auf dem Spielfeld oder nehmen mit der Pistole mehrere Ziele automatisch ins Visier, wenn wir nahe genug an unsere Gegner herankommen. Je mehr Gegner wir ausschalten, desto eher können wir unseren Titanen rufen, der aus den Tiefen des Raums binnen weniger Sekunden auf die Planetenoberfläche ganz in unserer Nähe abgeworfen wird. Maximal können wir den Titanen nach vier Minuten Spielzeit rufen. Die titelgebenden Titanen sind Mechs, also Kampfroboter, in denen wir entweder Platz nehmen und so verheerenden Schaden anrichten können oder wir lassen sie in der Schlacht an unserer Seite automatisch kämpfen. Sitzen wir in einem Titan, können wir Gegner problemlos plätten oder uns mutig gegen andere Titanen stellen. Neben unseren Piloten, wie jeder Soldat in Titanfall genannt wird, können wir auch sämtliche Titanmodelle, die sich in Punkten wie Feuerkraft und Geschwindigkeit unterscheiden, mit der Zeit an unsere Bedürfnisse anpassen. Treffen wir zu Fuß auf einen Titanen, können wir ihn mit der Panzerfaust etwas bearbeiten.

Zukunft des Online-Spiels

Titanfall (8)Ein Duell zwischen Titanen ist eine spannende Angelegenheit. Ein Titan ist beispielsweise mit der Fähigkeit ausgestattet, Kugeln zeitweise innerhalb eines Kraftfeldes zu halten und zurückzufeuern. Sollten wir unter Beschuss geraten, können wir den Schleudersitz betätigen und mittels Doppelsprung auch schnell aus der Schussbahn verschwinden. Haben wir unseren Titanen damit ausgerüstet, kann er beim Betätigen des Schleudersitzes auch explodieren und nahe Einheiten töten. In Titanfall ist in spielerischer Hinsicht einiges los und was der Titel mit Karten, Spieleranzahl und Handlung nicht schafft, macht er in der wohl wichtigsten Disziplin, dem Gameplay, einiges richtig. Konfigurierbare Piloten und Titanen, unterschiedliche Vorgehensweisen und tolle Spezialfähigkeiten wie ein Tarnanzug machen Titanfall für ein, zwei Stunden zwischendurch zu einem spannenden Erlebnis. Nach drei Stunden verlieren wir jedoch die Konzentration. Da Titanfall einzig und allein online spielbar ist und leider nicht über einen lokalen Netzwerkmodus verfügt, muss sich in Zukunft zeigen, wie sich der Titel entwickelt. Modifikationen werden wohl nicht von Electronic Arts geduldet und zusätzliche Inhalte werden womöglich nur für Echtgeld feilgeboten. Das wäre dann ebenso ärgerlich wie noch mehr belegter Festplattenspeicher. Bereits jetzt belegt Titanfall satte fünfzig Gigabytes.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Als ich vor ein paar Wochen die Beta-Version von Titanfall bereits ausgiebig spielen konnte, war ich schon ein wenig skeptisch, was mir der Titel abseits des hohen Spieltempos und der gelungenen Gameplay-Mechaniken in der jetzt fertigen Fassung bieten wird. Leider kann mich Titanfall in anderen Disziplinen nicht so ganz zufriedenstellen. Die Kampagne verdient meiner Meinung nach diese Bezeichnung nicht, da sie uninspiriert wirkt, kaum zur Geltung kommt und man sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, einen Einzelspielermodus daraus zu basteln. Stattdessen versuchen die Entwickler alles in den Mehrspielermodus zu zwängen. Dieses Vorhaben funktioniert vorne und hinten nicht, da vorgefertigte Szenen hier einfach deplatziert wirken und ich mir in einem Spiel mit einem dermaßen hohen Spieltempo sicherlich keine kleinen Videos in der Bildschirmecke ansehen kann, wenn vor, neben und hinter mir die nächsten Gegner hochgerüstet auf mich zu stürmen. Außerdem gefällt es mir auf Dauer nicht, dass zum einen nur maximal zwölf menschliche Spieler auf einer verhältnismäßig großen Karte herumlaufen und diese Größe zum anderen nur durch massenweise Nichtspielercharaktere funktioniert. Die Entwickler wollen zwar, dass so auch unerfahrene Spieler von Beginn an Treffer landen können, doch Profis dürften sich an dem Kanonenfutter entweder sehr schnell stören oder es unbemerkt ausnutzen. Respawn Entertainment hat mit Titanfall zwar kein schlechtes Spiel geschaffen, aber eben auch kein gutes. Ich hoffe sehr, dass die Entwickler in den nächsten Jahren am Spiel schrauben werden, damit ich auch einen Grund habe, immer mal wieder eine Partie Titanfall spielen zu wollen.

Vielen Dank an Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Titanfall!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s