Review: Dai Shōgun – Der große Wandel

Dai Shogun (1)Alternative Geschichte scheint derzeit ein beliebter Trend zu sein. Während Amazon mit The Man in the High Castle eine Serie zeigt, in welcher der Zweite Weltkrieg einen anderen Ausgang nahm, kam es in Dai Shōgun – Der große Wandel gar nicht erst zur Meiji-Restauration.

Dai Shogun (2)Das Jahr 1853 markiert einen sehr bedeutenden Einschnitt in die japanische Geschichtsschreibung. Obwohl Japan mit den Niederlanden und dem Nachbarn China Handelsbeziehungen pflegte, so beschränkte sich der Zugang zum Kaiserreich jener Ethnien vor allem auf die auf der Insel Kyūshū gelegene Stadt Nagasaki. Menschen anderer Ethnien hatten kaum Möglichkeiten, in das jahrhundertelang fast abgeschlossene Land einzureisen – entsprechend lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass das Konzept der vier Münder auch in der Serie Dai Shōgun nicht thematisiert wird und vor allem auf frühen Erkenntnissen der Forschung basiert. Für den Westen änderte sich der Zugang zu Japan demnach erst 1853, als US-amerikanische Gesandte unter dem Kommando von Matthew Perry an der Ostküste Japans erschienen und ein Jahr später, am 31. März 1854, den Shōgun zur Unterzeichnung des Vertrags von Kanagawa zwangen. Das führte dazu, dass Japan weitere ungleiche Verträge mit anderen westlichen Nationen unterzeichnen musste und es Jahrzehnte dauerte, bis das Kaiserreich seine Souveränität zurückgewinnen konnte. In der alternativen Geschichtsschreibung, wie sie uns der Anime Dai Shōgun lehren möchte, tauchten die von Commodore Perry kommandierten und so genannten Schwarzen Schiffe zwar ebenfalls 1854 auf, doch wurden sie von Japan umgehend versenkt.

Machtergreifung

Dai Shogun (3)Dai Shōgun beschäftigt sich aber nur sekundär mit der Frage, wie sich das Leben in Japan ohne das Eingreifen der westlichen Staaten entwickelt hat. Feudalistische Strukturen sind entsprechend in ihrer unverfälschten Form noch zu erkennen. Das Setting genießt somit auch kaum Steampunk-Anleihen, wenn man von wenigen Errungenschaften des Westens absieht, die von den Charakteren im Verlauf der Serie genutzt werden. Herausstechen allerdings meistens mythologische Alternativen wie die riesigen Onigami, die in den deutschen Untertiteln auch als Dampfmarionetten bezeichnet werden. Solch ein Onigami hat auch Perrys Flotte im Pazifik versenkt und wird für die letzten Episoden der Serie und vor allem für den Hauptcharakter wichtig. Gemeint ist der junge Keiichirō, der in Nagasaki in einem Badehaus aufgewachsen ist. Eines Tages wird ihm offenbart, dass er ein unehelicher Erbe der Herrscherfamilie Tokugawa ist. Da der letzte Shōgun in der Hauptstadt Edo das Zeitliche gesegnet hat, wird dort bereits darüber philosophiert, wie das Land vor dem Untergang gerettet werden kann und wer an die Stelle des Shōguns rücken soll. Als die Existenz des Bastards bekannt wird, planen durchtriebene Schurken die Ermordung von Keiichirō, der mit vielen der Angreiferinnen mit großer Oberweite Freundschaft schließt und seine Bestimmung als künftiger Shōgun annimmt.

Humor im Spiel

Dai Shogun (4)Die Handlung von Dai Shōgun könnte zwar für ein japanisches (und selbstverständlich fiktives) Game of Thrones reichen, doch ist die Serie nicht nur durch die mythologischen Aspekte für diesen Vergleich ungeeignet. In den entscheidenden Momenten ist Dai Shōgun zwar ernst und gewinnt eine ungeheure Tiefe, welche Freundschaft und Liebe ausdrücken kann, doch in den meisten anderen Szenen sticht der Humor absolut hinaus. Beispielsweise bekommt Held Keiichirō sofort einen Ausschlag, wenn er eine hübsche Frau auch nur ganz leicht berührt. So muss Keiichirō im Verlauf der Handlung diesen Fluch bekämpfen und zudem seine Jungfräulichkeit behalten, um ein ehrenvoller Shōgun zu werden. Das ist zwar durchaus unterhaltsam, nimmt der spannenden Grundlage jedoch oft den Wind aus den Segeln. Dafür verrichten die japanischen Synchronsprecher eine hervorragende Arbeit und betonen die Charaktere richtig gut. Eine deutsche Synchronisation hat man sich bei Dai Shōgun allerdings gespart, sodass das Lesen von deutschen Untertiteln, sofern man denn kein Japanisch beherrscht, zur Pflicht wird. Musikalisch wird das Geschehen jederzeit nett untermalt. Allerdings bleiben uns hierbei nur Intro- und Outro-Song in Erinnerung. Optisch glänzt der Anime mit scharfen HD-Bildern, die nur gelegentlich durch bewegungsarme Animationen und Wackelbilder gestört werden.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Da ich ein großer Freund von alternativer Geschichtsschreibung bin, habe ich mich im letzten Herbst nicht nur auf die Serie The Man in the High Castle, sondern auch auf den Anime Dai Shōgun gefreut. Das Konzept, dass die Meiji-Restauration niemals stattgefunden hat und Japan weiterhin abgeschottet existieren konnte, gefällt mir richtig gut. Der Anime macht meines Erachtens dann jedoch den Fehler, die Geschichte gerade einmal nur 21 Jahre nach dem Auftauchen der Schwarzen Schiffe anzusetzen. Viel ist in der Zwischenzeit in Japan nämlich nicht passiert und aufgesetzt wirkt die ganze Geschichte dann mit den Onigami, die in vielen Szenen deplatziert wirken und zusammen mit dem netten Humor die eigentliche spannende Grundlage oft nur überstrapazieren. Dai Shōgun ist mit bisher zwölf Folgen zwar ein recht kurzer Anime, doch schon nach wenigen Episoden ist einfach die Luft raus, da das Potenzial des Szenarios in meinen Augen einfach nicht genutzt wird. Wer sich dennoch auf Dai Shōgun – Der große Wandel einlassen möchte, bekommt in insgesamt fünf Stunden trotzdem ein paar interessante Charaktere, einen sehr netten Humor und gelegentlich auch gut eingefangene Mecha-Action vorgesetzt. Diese Mischung muss zwar nicht unbedingt jedem schmecken, doch eine Anime-Vergiftung holt man sich damit aber noch lange nicht!

Vielen Dank an Nipponart für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Dai Shōgun!

© 2014 Project-D (Abbildungen)

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