Review: Watch Dogs: Legion

Nachdem der französische Publisher Ubisoft im Jahr 2014 mit Watch Dogs ein neues Franchise etabliert hat, reichte er im Jahr 2016 mit Watch Dogs 2 bereits den zweiten Teil nach. Watch Dogs: Legion fährt dessen humorvollen und vielleicht gar unpassenden Ansatz zurück.

Chicago und San Francisco hielten als Kulisse für die ersten beiden Serienteile her. Um ein wenig Abwechslung in die Reihe zu bringen, hat das kanadische Entwicklerstudio Ubisoft Toronto Watch Dogs: Legion von Nordamerika kurzerhand nach Europa verfrachtet. Genauer gesagt in die britische Hauptstadt London. Zeitlich ist die Story des Spiels einige Jahre nach den Ereignissen von Watch Dogs 2 angesetzt. Wir erleben im Spiel allerdings nicht die Gegenwart, sondern vielmehr die nahe Zukunft. Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland hat die Europäische Union verlassen und muss sich mit einer hohen Arbeitslosigkeits- und Kriminalitätsrate herumschlagen. Ebenfalls wurde das britische Pfund Sterling von der Kryptowährung Eto weitgehend entwertet. Die Frage, ob ein Videospiel politisch ist, kann zumindest im Falle von Watch Dogs: Legion bejaht werden. Es zeigt die möglichen Auswirkungen des Brexits auf, verleiht dem ganzen Szenario aber auch sehr viel Fiktion. So versucht die fiktive Hacker-Gruppe DedSec die Vereinigung Zero Day aufzuhalten, die einen Anschlag auf das Parlament im Palace of Westminster plant. In den allerersten Minuten von Watch Dogs: Legion schlüpfen wir in die Rolle des Geheimagenten Dalton Wolfe, um das drohende Unheil abzuwenden. Zeitgleich detonieren in London jedoch weitere Sprengkörper.

Seelenlose Schachfiguren

Watch Dogs: Legion beginnt mit einem langsam aber stetig immer häufiger genutzten Mittel, um die Geschichte ins Laufen zu bringen. Am Ende der Exposition wird Wolfe scheinbar erschossen. Hinzu kommt, dass DedSec für die Anschläge verantwortlich gemacht wird. Durch das private Militärunternehmen Albion werden die Hacker fortan gejagt. Damit nicht genug, verwandelt Albion das Land immer mehr in einen Überwachungsstaat, in der jeder von den unzähligen Überwachungskameras und dem fiktiven Central Operating System kontrolliert wird. Da Wolfe das Zeitliche im Kampf gegen Zero Day gesegnet hat, wählen wir uns einen anderen Charakter aus, um DedSec aus dem Untergrund neu aufzubauen. Im Handlungsverlauf kommen weitere Charaktere hinzu, die uns aber nach dem Abspann nicht im Gedächtnis bleiben. Sie sind allesamt austauschbar und ihre Persönlichkeit passt auf eine Briefmarke. Das heißt aber nicht, dass Watch Dogs: Legion langweilig erzählt ist. Besonders die Gegenspieler und ihre Verbrechen faszinieren uns. Bandenchefin Mary Kelley handelt beispielsweise mit Organen und verpasst ihren Sklaven Cyber-Implantate. Firmengründerin Skye Larsen will sich hingegen selbst als künstliche Intelligenz unsterblich machen, hat davor aber mehrere Versuchskaninchen missbraucht. Ganz schön harter Tobak trotz tollem Cyberpunk-Einschlag!

Sämtliche sozialen Schichten

In puncto Gameplay handelt es sich bei Watch Dogs: Legion wie schon beim ersten Serienteil um ein Action-Adventure, das in das Korsett einer offenen Spielwelt gesteckt wurde und aus der dritten Person erzählt wird. Im Unterschied zu den beiden Vorgängern gibt es keinen festen Protagonisten mehr. Stattdessen können wir so gut wie jeden einzelnen Charakter im Spiel für DedSec rekrutieren. Zur Auswahl stehen hierbei unter anderem einfache Angestellte, Bauarbeiter, Investoren oder Rettungsassistenten – einmal quer durch alle sozialen Schichten. Auch wenn das im Grunde totaler Quatsch ist, da Bauarbeiter wohl kaum über die Fähigkeiten eines Hackers verfügen, ist der Ansatz zumindest interessant, da er eine große Diversität mit sich bringt. Jede Figur verfügt über gleiche, aber doch andere Fähigkeiten. Söldner sind beispielsweise mit großen Wummen ausgestattet, während Bauarbeiter Zugriff auf Frachtdrohnen haben, die sie durch die Stadt transportieren. Dadurch variiert unser Vorgehen immer mal wieder, auch wenn das Spiel in vielen Fällen vermutlich von uns erwartet, schleichend, ungesehen und bedacht vorzugehen. Hacken kann am Ende aber wie schon angedeutet jeder Charakter in Watch Dogs: Legion. Aktivieren wir zu Spielbeginn den Permadeath, stirbt eine Figur unwiderruflich, wenn sie angeschossen wird. Andernfalls landet sie nur im Krankenhaus.

Freies Vorgehen in Missionen

Je nachdem was die nächste Mission von uns fordert, kann es also hilfreich sein, vorab die aktuelle Spielfigur zu wechseln oder entsprechende Charaktere erst noch zu rekrutieren. Mit der Zeit sammeln wir durch simples Aufsammeln an gut bewachten Orten oder durch Abschluss von Missionen Technikpunkte, die wir in alle Charaktere gleichzeitig investieren. Wollen wir also Geschütze deaktivieren oder die Kontrolle über bestimmte Drohnen übernehmen können, geben wir die Technikpunkte einmal aus und ab sofort kann jedes Team-Mitglied die Fähigkeit einsetzen. Um in den einzelnen Missionen voranzukommen, ist das regelmäßige Hacken obligatorisch. So hacken wir uns in ein System von Überwachungskameras, infiltrieren mit Drohnen Gebäude und lösen sogar Netzwerkrätsel mit ihnen – oder wir aktivieren an bestimmten Stellen Roboterspinnen, mit denen wir durch Schächte zum nächsten Ziel krabbeln. Es läuft in der Regel immer darauf hinaus, irgendwelche Türen zu öffnen, Sicherheitsprotokolle zu umzugehen und am Ende etwas für den Spielfortschritt zu hacken. Wer ein wenig vom harten Missionsalltag abschalten will, kann London zwischen den Aufgaben auch einfach auf eigene Faust erkunden. Schade ist hierbei, dass London ähnlich wie Lost Heaven in Mafia nur als atmosphärische Kulisse herhält, Aufgaben aber Mangelware sind.

Wenig zu tun abseits der Wege

Erkunden wir das London von Watch Dogs: Legion, finden wir unter anderem kleine Nebentätigkeiten wie Darts oder Stellen, an denen wir einen Fußball auf Schultern, Knien, Kopf und Füßen jonglieren. Ebenfalls gibt es Geldautomaten, an denen wir uns an fremden Eto bereichern können. Mit Eto lassen sich an Automaten und Geschäften vor allem Kleidung kaufen. Diese hat zwar nur einen kosmetischen Zweck, doch ist sie facettenreich gestaltet. Es gibt beispielsweise T-Shirts mit Motiven der englischen Flagge oder dem DedSec-Symbol, aber auch Masken, die sogar mit Hologrammen ausgestattet sind. Wer also mit Katzenohren, Glorienschein oder leuchtender Krone unbekannt in die Missionen einsteigen will, wird früher oder später sicher genau die Kleidung für seine Verwirklichung entdecken, die er oder sie sich wünscht. Dennoch läuft nicht alles rund im Spiel: So agiert die künstliche Intelligenz zumindest stellenweise fragwürdig. Das heißt, dass Passanten uns gerne mal vors Auto springen – und selbst wenn wir mit Vollgas durch London cruisen und für Chaos sorgen, tragen wir dabei in den meisten Fällen keine Konsequenzen davon. Auch warum gefundene Audiologs abbrechen, wenn wir mit irgendetwas interagieren oder im Menü umblättern, ist uns schleierhaft. Dabei bereichern doch gerade diese mit ihren Hintergründen die Atmosphäre enorm!

Hakelige Bedienung zu Beginn

Steuerungstechnisch fühlt sich Watch Dogs: Legion zwar gut, anfangs jedoch recht überladen an. Das liegt vor allem daran, dass viele Hacking-Optionen einzig und allein über Tastenkombinationen, die teils voneinander abweichen, aktiviert werden können. Ungelenk ist ebenfalls die Steuerung beim Autofahren, denn die meisten, wenn auch nicht alle Wagen, verleihen uns das Gefühl, wir würden auf einem Schlitten sitzen und am Boden kleben. Unter diesen Umständen kommt nur schwerlich ein Geschwindigkeitsgefühl auf und besonders das Abbiegen fällt uns schwer. Mit der Zeit wird all das besser, da wir uns an die Defizite gewöhnen, aber schön ist der hakelige Einstieg deshalb trotzdem nicht. Besitzer der PlayStation-5-Fassung gucken in Watch Dogs: Legion aber weitgehend in die Röhre, denn Gebrauch von den Features des DualSense Controllers macht der Titel nicht. Sanfte oder stetig schneller werdende Vibrationen hätten das Gefühl beim Autofahren möglicherweise nachvollziehbar gemacht. So fehlt es auch den Schießereien im Spiel am nötigen Wumms. Immerhin haben die Entwickler erkannt, dass der Titel hier und da noch an Kleinigkeiten krankt. Deshalb haben sie den Mehrspielermodus kurzerhand auf Anfang 2021 verschoben. Bleibt zu hoffen, dass mit dem Patch ein Umdenken bezüglich des Controllers geschieht, der das Spielgefühl so bereichern würde.

Großartige Technik der achten Konsolengeneration

Unter technischen Gesichtspunkten bietet Watch Dogs: Legion ein hübsch gestaltetes London, das mit vielen Sehenswürdigkeiten wie dem Buckingham Palace, der Westminster Abbey mit dem Elizabeth Tower, dem Piccadilly Circus oder der Tower Bridge aufwartet. Die Gebäude sind ihren Originalen nachempfunden und verleihen dem virtuellen Stadtbild Authentizität. Beim Erkunden von London läuft der Titel durchgehend flüssig, aber nur mit dreißig Bildern pro Sekunde auf der PlayStation 5. Da der Titel auch für die Vorgängerkonsole erschienen ist, wäre hier mehr zu erwarten. Dafür schlendern viele digitale Bewohner durch die Straßen von London. Auch herumfahrende Autos, teilweise sogar ohne Fahrer im Autopilot, bringen mitsamt der typischen Geräuschkulisse Leben ins Spiel. Ladezeiten fallen weitgehend weg, nur beim Wechsel von sehr wenigen Gebieten und dem Tod der Spielfigur müssen wir uns für ein paar kurze Sekunden gedulden. Fahren wir im Auto, lauschen wir im Radio Songs wie Hereafter von den Architects, Fun Destruction von Teleman oder Recovery von Frank Turner. Auch der Klassiker Three Lions von Baddiel, Skinner, & the Lightning darf nicht fehlen. In anderen Szenen kommt der spannungsaufbauende Soundtrack des Spiels zur Geltung. Zum Abschluss möchten wir ein paar Worte zur Synchronisation von Watch Dogs: Legion sagen.

Sprachwirrwarr

Zunächst einmal wird der Titel nur mit der englischen Synchronisation ausgeliefert. Alle anderen Sprachpakete müssen separat heruntergeladen werden. Das ist einerseits nervig, andererseits sparen wir uns so Platz auf der Festplatte, da wir Sprachausgaben, die wir nicht benötigen, entsprechend auch nicht installieren. Die Synchronisation ist zwar gut, wäre aber deutlich besser geglückt, hätten die Entwickler dem Spiel nicht so viel Zeit zugewendet, möglichst jeden Charakter spielbar zu machen. Auf kurz oder lang wiederholen sich Stimmen oder fühlen sich zu ähnlich an. Grundsätzlich ist der englische Originalton mit seinen deutschen Untertiteln zwar geglückt, doch gilt das leider nicht für sämtliche Sprachen, die der Titel unterstützt – in unserem Falle die deutsche Vertonung. Auch wenn die deutschen Sprecher einen weitgehend guten Job verrichten was Tonhöhe oder Emotionen betrifft, fragen wir uns jedoch, wer allen Ernstes bei der Dialogregie geschlafen hat. Oft genug sprechen die Charaktere Namen wie den der Spielfigur Sabine Brandt oder Vornamen wie Ada und Begriffe wie Blume deutsch aus, obwohl sie auf Englisch ausgesprochen werden sollten. Das fällt deshalb negativ auf, da sich die Sprecher in einem Dialog gerne mal mit der deutschen und englischen Aussprache miteinander unterhalten. Ein schlechtes Spiel wird aus Watch Dogs: Legion deshalb zwar nicht, doch wenn die Entwickler nachbessern wollen, dann bitte auch in diesem Punkt.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-5-Fassung): Vor vielen Jahren erzählte mir mein Bruder, dass in London um acht Uhr abends die Bordsteine hochgeklappt werden. So in etwa darf sich jeder das digitale London in Watch Dogs: Legion vorstellen. Abseits der Missionen gibt es in diesem Open-World-Spiel so gut wie nichts zu tun. Einerseits wirkt der Titel dadurch bei Weitem nicht so überladen wie Ubisofts Ableger der Assassin’s-Creed-Reihe, aber wer Abwechslung wie in Grand Theft Auto V oder Red Dead Redemption 2 erwartet, wird vermutlich enttäuscht sind. Persönlich komme ich damit aber gut zurecht, da das verhältnismäßig kompakte London mit seinem Cyberpunk-Einschlag und der dystopischen Brexit-Prognose dennoch eine wunderbare Kulisse abgibt. Anders sieht es bei den Charakteren aus, denn bis auf die Antagonisten werde ich mich an keine der austauschbaren Schachfiguren erinnern. Das ist wie mit einem Weltkrieg – an die Einzelschicksale erinnert sich leider auch kaum jemand. Dafür bietet mir der Titel aber sehr viele abwechslungsreiche Möglichkeiten, die Story-Missionen und die bewachten Gebiete zum Aufklauben von Technikpunkten zu infiltrieren. Ich darf mir aussuchen, ob ich brachial wie John Rambo oder schleichend wie Sam Fisher vorgehe, sofern ich denn die richtigen Charaktere angeheuert habe. Als Sandbox im Detail macht Watch Dogs: Legion sehr viel richtig und nach ein, zwei Stunden Eingewöhnungszeit auf einmal auch sehr viel Spaß. Für einen Open-World-Erfolg braucht es aber mehr.

Vielen Dank an Ubisoft für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Watch Dogs: Legion!

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