Review: Death Stranding: Director’s Cut

Nachdem sich Entwicklerlegende Kojima Hideo mit seinem langjährigen Arbeitgeber Konami zerworfen hatte, konnte er mit Sonys Hilfe an einem neuen Videospiel arbeiten. Dieser Titel erschien 2019 als Death Stranding, der 2021 einen eher unnötigen Director’s Cut erhielt.

Schon seit der Electronic Entertainment Expo 2016 war das andersartige Death Stranding angekündigt. Schon vor der Veröffentlichung des Spiels 2019 spaltete Kojimas Werk auf ganzer Linie die Spielergemeinschaft. Erst kurz vor Release kristallisierte sich heraus, was für eine Art von Spiel Death Stranding überhaupt ist. Inszenatorisch begeistert Kojimas neuester Streich auch im Director’s Cut von der ersten Minute an, denn wenn das Genie etwas kann, dann ist das regelrecht fantastische Geschichten zu erzählen. Death Stranding spielt in einer apokalyptischen Welt: Die Gesellschaft respektive die Vereinigten Staaten von Amerika existieren in der uns bekannten Form nicht mehr. So haben sich die letzten lebenden Menschen in Death Stranding in einzelne Städte zurückgezogen – und sind dort auf Boten wie Protagonisten Sam Porter Bridges angewiesen. In seiner Haut müssen wir im Grunde nur Pakete von einem Ort zum anderen transportieren. Nebenher erfahren wir immer mehr über das Setting und die Spielwelt, in der die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwinden. Stirbt eine Person, kehrt sie bei Niederschlag als unsichtbare Kreatur zurück und versucht während des als Zeitregen bezeichneten Phänomens andere Menschen zu fressen. Unseren Helden Sam kann das aber nicht umhauen, da er ein so genannter Wiederkehrer ist und so einen Vorteil besitzt.

Make America great again

Allzu viel wollen wir über die Story von Death Stranding an dieser Stelle aber nicht verraten, da jedes einzelne Informationshäppchen eine wahre Befriedigung ist, sich in der dystopischen Spielwelt zurechtzufinden. Ziel des Spiels ist, die verschiedenen Städte über ein Netzwerk miteinander zu verbinden und der amerikanischen Zivilisation zu altem Glanz zu verhelfen. Damit das gelingt, absolvieren wir für verschiedene Gruppen einen Botengang nach dem anderen. Auf Dauer sind derlei Aufgaben jedoch sehr ermüdend. Da hilft es auch nicht, dass das Spiel stets darum bemüht ist, peu à peu neue Aspekte ins Gameplay zu integrieren. Um kleinere Anhöhen zu erklimmen, errichten wir Leitern. Diese können wir auch dazu benutzen, um kleine Flüsse zu überqueren. Reißende Ströme überwinden wir wiederum, indem wir Brücken errichten. Wollen wir uns an Klippen herabseilen, können wir das ebenfalls tun. All diese Vorgänge setzen voraus, dass wir die nötigen Materialien mit uns herumschleppen. Dies geht auf Kosten unserer stark limitierten Traglast, zu der auch Lieferungen und sogar unterwegs verloren gegangene Pakete gehören, die wir nebenbei einsammeln. Auf Rücken, Armen und Hüften positionieren wir die Päckchen, weshalb wir stets das Gleichgewicht halten müssen, um nicht zu stürzen. Was anfangs spaßig klingt, entwickelt sich leider schnell zur Tortur.

Hörst du, was ich höre?

Ein wirklich tolles Feature von Death Stranding ist jedoch, dass wir in der weitgehend offenen Spielwelt Konstruktionen anderer Spieler entdecken und zudem nutzen dürfen. Insbesondere wenn wir mal einen Berg hinaufklettern wollen, uns aber die Leitern ausgegangen sind, freuen wir umso mehr darüber, dass bereits vor uns jemand diesen Weg eingeschlagen hat. Solche Momente machen Death Stranding aus, denn insbesondere wenn es anfängt zu nieseln, ist es wichtig, möglichst schnell aus dem Regenschauer zu entkommen. Jeder einzelne Tropfen sorgt dafür, dass die Pakete unserer Lieferung nach und nach zerstört werden. Es ist jedoch ärgerlich, wenn die zunächst unsichtbaren Kreaturen auf uns aufmerksam werden. Abhilfe verschafft hier unser Bridge Baby, das uns relativ zu Beginn des Spiels in die Hand gedrückt wird. Hierbei handelt es sich um einen ungeborenen Säugling, den wir in einer künstlichen Gebärmutter mit uns herumschleppen. Durch ihn werden unsere Widersacher überhaupt erst sichtbar. In den ersten Spielstunden heißt die Devise jedoch Flucht, weshalb wir uns vor diesen Kreaturen davonschleichen. Wenn sie sich nähern, sollten wir auf Knopfdruck die Luft anhalten, was natürlich nicht ewig funktioniert. Solche Momente sind spannend und stehen für Death Stranding, wiederholen sich in ihrer immer gleichen Struktur aber viel zu häufig.

Zwischen Vernunft und Wahnsinn

Hinzu kommt, dass wir das Bridge Baby gelegentlich beruhigen und im Arm wiegen müssen, denn wenn es sich zu sehr aufregt, fällt es bis zu seiner Reaktivierung in der Basis aus – und dann können wir abseits von Räubern die unheimlichen Gegner nicht mehr sehen. Nach circa sieben Spielstunden kommen in Death Stranding actionreiche Kämpfe hinzu. Hier können wir nicht nur mit Fäusten attackieren, sondern zum Beispiel auch Granaten werfen. Diese stellen wir her, indem wir regelmäßig das stille Örtchen besuchen oder uns in der Dusche reinigen. Kein Scherz, selbst das Spiel nimmt sich hier ernst! Kojima übertreibt es auch im Director’s Cut an allen Ecken und Enden mit überzogenen Ideen, um die Spielwelt zugleich glaubhaft nachvollziehbar zu machen als auch gewollt ins Lächerliche zu ziehen. Den Vogel schießen Kojima Productions und Sony Interactive Entertainment in der ursprünglichen Version auf der PlayStation 4 aber mit der Produktplatzierung von Monster Energy Drinks ab. Grundsätzlich kann Werbung die Glaubwürdigkeit erhöhen, aber in einem apokalyptischen Szenario, in der das wirtschaftliche System zusammengebrochen ist, ist das einfach totaler Quatsch. Auch dass wir das Getränk regelmäßig zur Ausdauerregeneration trinken müssen, stört uns deutlich. Ein Übermaß an Koffein und Zucker ist demnach nicht schädlich. Das sind verdrehte Tatsachen!

Tolle Inszenierung, unterdurchschnittliches Gameplay

Diese Werbung wurde im Director’s Cut durch Reklame für ein In-Game-Unternehmen ersetzt – zum Glück! Frei von Werbung ist Death Stranding aber nicht. Die Anzeige für die Sendung Ride with Norman Reedus reißt noch immer unschön aus der dichten Atmosphäre heraus, zumal Norman Reedus jener Schauspieler ist, der Protagonist Sam mimt. Abseits von diesem Unsinn kann das Werk optisch aber begeistern. Auf der PlayStation 5 läuft das Spiel butterweich, besticht mit einer zauberhaften Weitsicht und Vegetation und vor allem mit sehr schön animierten Charaktermodellen. Letztere Figuren werden von Schauspielern wie Mads Dittmann Mikkelsen oder Sarah Margaret Qualley verkörpert. Auch Regisseur Guillermo del Toro Gómez spielt eine tragende Rolle. Hinzu kommt eine sehr gute deutsche Vertonung. Auf Wunsch dürfen wir in den Optionen den englischen Originalton auswählen. Die Steuerung von Death Stranding funktioniert anständig, auch wenn das zum Kern-Gameplay gehörende Ausbalancieren der Fracht selten ein wohliges Gefühl vermittelt und das häufige Anbringen der einzelnen Päckchen am Körper eine frickelige Angelegenheit ist. Obwohl es dem Titel gelingt, mit seinem Setting, dem Szenario, seinen Charakteren und Ideen zu überzeugen, bleibt das Gameplay von Death Stranding höchstens auf unterdurchschnittlichem Niveau.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-5- und PlayStation-4-Fassung): Schon das originale Death Stranding aus dem Jahr 2019 konnte nicht wirklich bei mir punkten. Meine Hoffnung lag also auf dem Director’s Cut, der aber hinter meinen Erwartungen zurückbleibt. In den ersten Spielstunden überzeugt der Titel mich auch in dieser Fassung auf ganzer Linie mit seinem andersartigen Gameplay, mit dem Kojima versucht, ein neues Genre oder zumindest etwas Neues zu schaffen. Mit ansteigender Spielzeit macht sich aber auch im Director’s Cut die Eintönigkeit unangenehm bemerkbar, die sich nur rudimentär weiterentwickelt. Ich mache im Grunde nichts anderes, als Botengänge von einem Ort zum anderen auszuführen und dabei meine Route durch die Topografie der Spielwelt zu planen. Auch wenn das Gameplay mit dem ulkigen Bridge Baby und den Geistern der Verstorbenen frische Impulse setzt, so reicht das auf Dauer nicht aus, um mich bei Laune zu halten. So sehr ich das faszinierende Setting mit seiner fantastischen Hintergrundgeschichte, vielseitigen Ideen und interessanten Figuren mag, so wenig macht mir das Lieferanten-Gameplay länger als eine Viertelstunde am Stück Spaß. Wenn ich mich durch ein Spiel zwingen muss, ist das kein Garant dafür, den Titel uneingeschränkt zu empfehlen. Der Director’s Cut verpasst die Möglichkeit, das Gameplay auszubessern und erträglicher zu machen. Death Stranding ist ein Spiel, das sich unterm Strich vor allem an Fans von Kojimas Werken und an jene Spieler richtet, die sich gerne auf Videospielexperimente jenseits des Vorstellbaren von Videospielexperimenten einlassen wollen. Alle anderen machen um die kunterbunte Genre-Mischung, die zur Hälfte Walking Simulator, zu je einem Achtel Action- und Stealth-Spiel ist und zu einem Viertel aus Cutscenes besteht, lieber einen großen Bogen. Daran ändert leider auch der Director’s Cut nichts!

Vielen Dank an Sony Interactive Entertainment für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Death Stranding: Director’s Cut!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s